Wort zum Sonntag

„1. Advent: Gott ist mittendrin“

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Die Adventszeit widersetzt sich allem, was effizient und praktisch ist. Damit meint Christiane Stahlmann, Hauptpastorin an Sankt Petri in Kopenhagen, nicht nur die Kerzen auf dem Adventskranz, sondern auch die Weihnachtsgeschichte als solche.

Auf diesen Moment freue ich mich, sobald es draußen grau, trüb und dunkel wird: An diesem Sonntag wird die erste Kerze am Adventskranz angezündet. Schon seit ein paar Tagen wartet der grüne Kranz aus Tannenzweigen auf dem Balkon darauf, dass ich ihn ins Wohnzimmer hole und mit vier dicken roten Kerzen bestücke. 

Ich weiß jetzt schon, dass über die nächsten Adventswochen aus meinem jetzt so frischen Kranz ein merkwürdiges Kunstwerk werden wird. Ich zünde nämlich für jeden Adventssonntag immer dieselbe Kerze an. Kurz vor Weihnachten wird die Kerze vom 1. Advent gefährlich nahe an den Tannenzweigen kleben, die vom 2. Advent schon ziemlich viel Wachs verloren haben und die vom 4. Advent fast unbenutzt auf ihrem Halter stehen. „Warum zündest Du die Kerzen nicht reihum an?“, fragt mich mein Mann, „das ist doch viel schöner und effizienter!“ Eine Freundin erzählt, dass sie die vier Kerzen übers Jahr aufhebt und sie dann im nächsten Jahr in umgekehrter Reihenfolge wieder auf den Kranz steckt. Also Kerze vier als Kerze eins. Das ist beides bestimmt vernünftig.

Aber ich hänge an meinem schiefen Adventskranz. Mir gefällt es, wenn ich am Adventskranz sehe: Diese Zeit widersetzt sich allem, was effizient und praktisch ist. Denn die Weihnachtsgeschichte, auf die wir uns im Advent einstimmen, ist auch alles andere als praktisch und vernünftig. Eine hochschwangere Frau muss noch eine beschwerliche Reise antreten. Das Kind kommt zwischen Ochs und Esel zur Welt. Die ersten Besucher riechen nach Schafsdreck, Feuer und Schnaps. Statt einer brauchbaren Erstausstattung bekommt das Baby Gold, Weihrauch und Myrrhe geschenkt. Da läuft so viel anders, als es eigentlich sein sollte! Und genau da, mittendrin, ist Gott. In all dem, was unfertig und improvisiert ist, was nicht mehr und noch nicht getan werden konnte, wo es keine Hoffnung mehr gab – oder doch mehr Licht als gedacht. 

Licht für Licht, schief und krumm, fast verbraucht oder kaum berührt, lasse ich mich mit dem Adventskranz daran erinnern – von der ersten Kerze an. 

Christiane Stahlmann, Hauptpastorin an Sankt Petri, Kopenhagen