Leserbrief

„Der gute Kompromiss – eine Botschaft aus Wien für Europa“

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Peter Asmussen berichtet in seinem Beitrag von der Rede des österreichischen Bundespräsidenten und erklärt, warum diese bei ihm großen Eindruck hinterlassen hat.

In den Herbstferien haben wir eine Woche in Wien verbracht – eine Stadt, die wie kaum eine andere europäische Metropole Geschichte, Kultur und Gegenwart in sich vereint. Zwischen den prachtvollen Boulevards der Ringstraße und den stillen Innenhöfen des alten Kaiserreichs begegnet man auf Schritt und Tritt Spuren politischer Verantwortung: Orte, an denen Demokratie, Menschlichkeit und Vernunft einst errungen wurden – und bis heute verteidigt werden müssen.

Einer der nachhaltigsten Eindrücke dieser Reise war für mich die Ansprache des österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen zum Nationalfeiertag 2025. Sein Thema lautete schlicht: „Der gute Kompromiss“ – doch in dieser Schlichtheit lag große Kraft. Van der Bellen erinnerte daran, dass die Zweite Republik Österreichs nach den Schrecken von Krieg und Diktatur auf dem Willen zum Zuhören und auf der Bereitschaft zur Versöhnung gegründet wurde. Der „gute Kompromiss“, so sagte er, sei der „fruchtbare Keim der Zweiten Republik“.

Diese Worte sind mehr als ein historischer Rückblick. Sie sind ein Gegenvorschlag zu jener populistischen Rhetorik, die sich von Amerika ausgehend längst in vielen europäischen Demokratien eingenistet hat – die Rhetorik des Entweder-oder, des Freund-Feind-Denkens, der schnellen Empörung. Van der Bellen ruft uns ins Gedächtnis, dass Demokratie nicht in der Zuspitzung, sondern in der Fähigkeit zur Balance lebt.

Während manche politische Bewegungen heute von „Siegen“ und „Niederlagen“ sprechen, betont er die Kunst des gemeinsamen Gewinnen-Könnens: Aus Position A und B, sagte er, müsse eine bessere Lösung C entstehen – eine Lösung, die das größere Wohl aller im Blick behält. In einer Zeit, in der Lautstärke oft als Stärke missverstanden wird, zeigt dieser Staatsmann, was wahre Führung bedeutet: Ruhe, Nachdenklichkeit und moralische Standhaftigkeit.

Van der Bellen steht damit in der Tradition jener europäischen Politiker, die nach 1945 das Fundament der Versöhnung legten – Adenauer, De Gasperi, Spaak. Seine Ansprache ist kein nostalgischer Appell, sondern eine Richtungsanzeige für die Zukunft: Wenn wir unsere Demokratien bewahren wollen, müssen wir wieder lernen, Kompromisse zu schließen – gute, tragfähige, verantwortungsvolle Kompromisse.

Diese Botschaft reicht weit über Österreich hinaus. Auch in Dänemark und im übrigen Europa brauchen wir sie dringender denn je. „Der gute Kompromiss“ ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck politischer Reife.

Ich empfinde großen Respekt für Alexander Van der Bellen. Mit seiner Rede hat er nicht nur den Geist Österreichs beschrieben, sondern auch das, was Europa im Innersten zusammenhält. Seine Worte verdienen, gehört – und beherzigt – zu werden.

Peter Asmussen,
Nørrehesselvej 40,
6200 Apenrade