Leserbrief

„Ein nachdenklicher Blick auf den BDN – aus persönlicher Erfahrung“

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Andreas Geuss engagiert sich als Berater für Zugezogene.

Andreas Geuss thematisiert in seinem Leserbrief die Überalterung und Nachwuchsprobleme beim Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN) und attestiert dem Dachverband der deutschen Minderheit ein Identitätsproblem. Er wünscht sich eine offene und selbstkritische Diskussion darüber, wen der BDN heute vertreten will – und wie.

Ich schreibe diesen Beitrag nicht aus Ärger, sondern aus Enttäuschung und ehrlicher Sorge um die Zukunft der deutschen Minderheit in Dänemark. Der Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN) versteht sich als Vertreter der Minderheit. Faktisch gelingt es ihm jedoch nur, rund 20 Prozent der deutschen Minderheit als Mitglieder zu binden. 

Die Entwicklung ist seit Jahrzehnten rückläufig: von etwa 7.000 Mitgliedern Mitte der 1970er Jahre auf etwas über 3.000 heute. Gleichzeitig sind Überalterung und Nachwuchsprobleme unübersehbar.

Zum Vergleich: Der SSF in Südschleswig erreicht über 35 Prozent der dänischen Minderheit – mehr als 16.000 aktive Mitglieder. Die Mitgliederzahl lag 1975 ähnlich hoch, sank dann um das Jahr 2000 auf etwa 14.000, um dann wieder anzusteigen.
Das ist kein Vorwurf, sondern ein Hinweis darauf, dass unterschiedliche Ansätze offenbar sehr unterschiedliche Wirkungen haben.

Aus meiner Sicht hat der BDN ein Identitätsproblem. Es hat keinen echten Generationenwechsel gegeben, sondern einen Generationenbruch. Rund 80 Prozent der deutschen Minderheit sehen offenbar keinen persönlichen Mehrwert in einer Mitgliedschaft. Das sollte uns allen zu denken geben.

Ein möglicher Grund: Die Minderheit grenzt sich einerseits von der dänischen Mehrheitsgesellschaft ab und möchte Traditionen bewahren – was legitim ist. Andererseits grenzt sich der BDN aber auch deutlich von deutschen Zuzüglern ab. Gerade diese Menschen suchen Orientierung, Sprache, Zugehörigkeit.

Bei der Kommunalwahl 2025 wurde das für mich besonders sichtbar: Deutsche Zuzügler, die noch kein Dänisch sprechen, wurden faktisch nicht angesprochen. Soweit ich es wahrgenommen habe, hat kein einziger SP-Kandidat persönliche Flyer auf Deutsch veröffentlicht. Ich selbst war SP-Kandidat in Hadersleben, habe bewusst auf gedruckte Flyer verzichtet und digital kommuniziert – meine Beiträge komplett auf Deutsch, teils zusätzlich auf Dänisch. Gerade weil ich diese Menschen erreichen wollte.

Die Bonn-Kopenhagener Erklärungen von 1955 garantieren zu Recht das Prinzip der freien Selbstidentifikation. Aber Selbstidentifikation braucht auch Angebote zur Identifikation. Wenn ich mich mit der zentralen Organisation der Minderheit nicht identifizieren kann, wird es schwer, mich wirklich zugehörig zu fühlen – selbst dann, wenn ich mich objektiv zur Minderheit zähle.

Ich wünsche mir eine offene, selbstkritische Diskussion darüber, wen der BDN heute vertreten will – und wie. Diese Frage sollte bei der Wahl der neuen Vorsitzenden des BDNs und der SP im Vordergrund stehen. 

Nicht rückwärtsgewandt. Sondern verbindend.

Andreas Geuss,
Ambassadører for tilflyttere Haderslev,
Botschafter für deutschsprachige Zuzügler der Kommune Hadersleben,
Fjelstrup Nørrevej 92
6100 Haderslev

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