Kommentar

„Der gute Ton macht auch in der Kommunalpolitik die Musik“

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Die Diskussion über neue Windkraftanlagen in der Kommune Tondern hat auch eine Debatte über Sprache und Stil in der Kommunalpolitik ausgelöst. Ein Leserbrief und die Reaktion des Bürgermeisters rücken den Umgangston in den Fokus. Warum die Vorbildfunktion auch anno 2025 eine Rolle spielt.

An der nordschleswigschen Westküste ist es oft sehr windig, und das Klima kann rau sein. Ein Thema, das bei Gegnerinnen und Gegnern und Befürwortenden in der Kommune Tondern für Diskussionsstoff sorgt, ist die Windenergie.

Das jüngste Beispiel mit 22 potenziellen Anlagen bildete keine Ausnahme. Dabei brauste teils ein stürmischer Wind. Auch Stadtratspolitiker Allan Svendsen von der Dänischen Volkspartei schaltete sich vor einigen Tagen mit einem Leserbrief in die öffentliche Debatte ein. 

Dabei richtete er gegen die Kollegen aus dem Venstre-Lager und der Sozialdemokratie im kommunalen Klimaausschuss ein verbales Geschütz. Er bezeichnete sie unter anderem als Heulsusen, sie würden in Selbstmitleid versinken, und es sei der erbärmlichste, selbstgefälligste Auftritt, den er seit Langem gesehen habe, so Svendsen. 

Bei dem angebotenen „tudekiks“ handelt es sich nicht etwa um einen besonders leckeren Keks aus der Weihnachtsbäckerei, sondern um eine spöttische Bezeichnung für einen Keks, der quasi nach einem unangenehmen Erlebnis und Heulerei Trost spenden soll. 

Äußerungen, die dazu führten, dass sich Bürgermeister Jørgen Popp Petersen (Schleswigsche Partei) mit dem Appell für einen guten Sprachgebrauch in die Debatte einschaltete.

Bei dem Wink mit dem Zaunpfahl erwähnt Popp zwar nicht Svendsen direkt, es besteht aber kein Zweifel, dass er der Adressat dieser „Weihnachtskarte“ ist.

„Der Fokus wird vom Inhalt der Sache verlagert“

„Eine solche Sprache ist nicht in Ordnung. Sie verlagert den Fokus weg vom Inhalt der Sache und macht es schwieriger, eine Debatte zu führen, bei der die Bürgerinnen und Bürger darauf vertrauen können, dass wir zuhören und ernsthaft arbeiten. Kommunalpolitik ist kein Spiel, bei dem jemand gegenüber anderen gewinnen muss. Sie ist Zusammenarbeit. Wir können unterschiedliche Meinungen, Parteifarben und Prioritäten haben, aber wir teilen die Verantwortung, Entscheidungen auf einer aufgeklärten und sachlichen Grundlage zu treffen, und wir teilen die Verantwortung für den Ton, den wir anschlagen. Wenn wir einander herabsetzen, wird es schwieriger, einander zuzuhören, und schwieriger, Ergebnisse zu erzielen. Das sind wir den Bürgerinnen und Bürgern schuldig zu vermeiden“, so der Bürgermeister.

Der Kommunalrat habe selbst einen Kodex für den guten Ton verabschiedet und sich damit versprochen, ein gutes Vorbild zu sein. „Dem sollten wir gerecht werden“, schreibt Popp Petersen. 

Im März stimmten alle zu

Es liegt gerade mal neun Monate zurück, dass der Kommunalrat im März 2025 den Verhaltenskodex – ohne Kommentare – gutgeheißen hat. Svendsen, der auch im Stadtratssaal gerne zu derben Worten greift, votierte damals nicht dagegen.  

In seinem Schreibfluss scheint er jedoch nicht diese von ihm mitgetragene Verhaltensregel vor Augen gehabt zu haben.

Die Vorbildfunktion mag für manche ein altmodisches Phänomen sein. Sie ist jedoch auf der politischen Bühne nach wie vor kein unwichtiger Faktor. 

Wenn ein Mensch aus der Politik hinter dem Computerschirm oder mit dem Handy sitzt, und die Buchstaben aus der Tastatur zu unschönen und beleidigenden Wörtern zusammenfließen, mit denen Mitmenschen heruntergeputzt werden, dann erscheint das Bürgerinnen und Bürger, die in die gleiche Kerbe hauen möchten, legitim. 

Dieses kann den wiederum andere davon abhalten, ihre Meinung schriftlich in Worte zu fassen, da sie keine Lust haben, sich diesem Ton auszusetzen.

Von Angesicht zu Angesicht?

Dabei kommen die schriftlich formulierten Ausdrücke oft schneller und härter daher als bei einer Kommunikation im wirklichen Leben. Und die sogenannten sozialen Medien sind in vielerlei Hinsicht leider nicht besonders „sozial“. 

Sie bieten in einigen Fällen eine Plattform für Äußerungen, die man dem Gegenüber niemals bei direktem Augenkontakt so ins Gesicht sagen würde. 

Im Eifer des Gefechts kann man sich natürlich schon mal im Ton vergreifen. Zwischentöne gibt es immer wieder.  Aber der grundlegend gute Ton macht nicht nur zu Weihnachten die Musik.

Ein frommer Wunsch

Ich äußere mal in der Vorweihnachtszeit den frommen Wunsch, dass es auch zukünftig möglich ist, verschiedene Positionen einzunehmen, ohne dass man seinem Gegenüber gleich mit unangenehmen Ausdrücken reinen Wein einschenkt und sie abstempelt. Sei es in politischen oder anderen Fragen.

Geht es nicht anders, könnte man sich zumindest mit der gedanklichen Variante begnügen. 

Das wäre sicher auch im Sinne von Adolph Knigge, dem Verfechter von gutem Benehmen, Etikette und angemessenem Verhalten in allen Lebenslagen, und seiner dänischen Kollegin Emma Gad.

Ob das ein Anliegen für den Weihnachtsmann ist, lasse ich mal offen. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.