Wort zum Sonntag

„…was unsere Freunde taten.“

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Das Wort zum Sonntag, 1. Februar 2026, von Dorothea Lindow, Pastorin für den deutschen Gemeindeteil in Tondern.

„Das Problem, das persönliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten.“ (Hannah Ahrendt, S. 322 in: G. Gaus, Was bleibt sind Fragen. Berlin 2005)

Am 27. Januar jährte sich zum 81. Mal die Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz, am 30. Januar war der 93. Jahrestag der Machtergreifung Hitlers. Die Frage nach der Schuld bleibt. Wie konnte das geschehen?

Die jüdische Philosophin Hannah Arendt analysierte nicht nur den A. Eichmann Prozess und prägte damit den Begriff der Banalität des Bösen. Sie stellte auch fest, dass der Verrat durch Freunde schwer wiegt. Denn wer rechnet damit, dass Freunde zu Verrätern werden?

Manches „erwischt“ uns vielleicht nur deshalb, weil wir es uns nicht vorstellen können, dass Freunde uns verraten. Das gilt für die große Politik, aber auch im täglichen Miteinander. Verrat schmerzt bis ins Innerste.

„Verräter“ tönte es aus dem Mund meines Neffen, als Mario Götze in der Fußballsaison 2012/2013 zum ersten Mal für Bayern München auf den Platz lief. Mario Götze hatte gerade von Borussia Dortmund nach Bayern gewechselt. Nicht nur mein Neffe empfand es als Verrat. Über Mario Götze entlud sich ein heftiger Shitstorm. Damals war das Wort „Verräter“ ein Synonym für Mario Götze.

In der Bibel wird Judas zum Verräter. Ausgerechnet Judas, einer der 12 Jünger, einer von denen, die Jesus erlebt hatten, die hautnah dabei gewesen waren, die wussten, dass Jesus Kranke heilt, dass er die Liebe auf ganz neue Art lebte. Judas fiel auf die Verlockungen des Geldes herein. Er meinte, einen guten „deal“ zu machen. Als die römischen Soldaten einen Verräter suchten, um Jesus verhaften zu können, ließ Judas sich kaufen. Er wurde zum Verräter, ohne die Folgen abschätzen zu können. Er verriet Jesus mit einem Kuss, einem Zeichen voller Nähe und Intimität.

Auf fast jedem Abendmahlsgemälde ist Judas in der Nähe von Jesus zu sehen, oft mit einem Geldbeutel in der Hand. Aber immer feiern sie miteinander Abendmahl im Wissen um das, was geschehen wird. Ich bin dankbar für diese Abendmahlsbilder. Gleiches mit gleichem zu vergelten führt nur zu einer Abwärtsspirale. Jedes Abendmahlsbild zeigt, dass es auch anders gehen kann. Jedes Abendmahl feiert, dass es andere Wege gibt.

Jesus hat mir gezeigt, wie er auf Verrat mit Liebe und Gemeinschaft antwortete. Er hat den Verrat laut angesprochen, für alle hörbar. Alle konnten sich verhalten. Alle mussten sich positionieren. Jesus selbst hat auf seine Art reagiert, an seinem Weg festgehalten.

Und Judas hat sein Handeln später bereut, ist daran zerbrochen. Verrat lohnt sich nicht, auch nicht für den Verräter.

Die Abendmahlsgemeinschaft zeigt mir, dass Jesus niemanden ausschließt. Dass ich mit meinen Fehlern eingeladen bin, nicht nur mit kleinen Fehlern, sondern auch mit großen. Selbst wenn alle „Verräter“ rufen, bei Jesus darf ich die sein, die ich bin. „Tut es zu meinem Gedächtnis“ hat Jesus damals aufgefordert. So bleibt er in Erinnerung.

Gott sei Dank!

Eure Dorothea Lindow