Wort zum Sonntag

„Dünne Orte“

Veröffentlicht Geändert

Ein Regenbogen, ein stiller Moment, der Duft feuchter Erde – manchmal ist die Welt durchlässiger, offener für das, was größer ist als wir. Pastorin Anke Krauskopf nennt sie „Dünne Orte“ – und erzählt, wo sie solchen Momenten begegnet ist.

Wisst ihr, was ein „Dünner Ort“ ist? Der Begriff stammt aus dem keltischen Christentum und meint Orte, an denen besondere spirituelle Erfahrungen möglich sind, weil die Grenze zwischen Gottes Welt und unserer Welt besonders dünn und durchlässig ist.

In der Bibel sind es oft Orte in der Natur, an denen man Gott begegnen kann: Berge oder Wüsten oder Naturphänomene wie Feuer oder Wind.

Die Mitglieder der ökumenischen Klostergemeinschaft auf Iona, einer kleinen schottischen Insel, sagen mit Recht, dass Iona ein Dünner Ort ist. Die alten Gebäude und die Gottesdienste sind prädestiniert dafür, Gottes Nähe zu spüren. Ich glaube, dass sich überall Dünne Orte finden lassen.

Zum Beispiel vor vielen Jahren bei einem Hundespaziergang an einem schwülwarmen Sommertag. Hinter mir braute sich ein ordentliches Unwetter zusammen. Die Wolken türmten sich und der Himmel wurde dunkelgrau. Da aber vor mir noch so schön die Sonneschien, bemerkte ich das erst auf meinem Rückweg.

Und während im Sonnenlicht die ersten Tropfen fielen, entstand gleichzeitig ein wunderschöner Regenbogen in kraftvollen Farben. Dazu eine totale Stille. Atemberaubend. Zweifellos ein dünner Ort. Ich dachte an meinen alten Ausbilder, der immer sagte: Wenn du einen Regenbogen am Himmel siehst, dann werden wir an Gottes Bund mit Noah und den Menschen erinnert. Wir denken an Gott und Gott denkt an uns. Das war ein intensives Gefühl, kaum zu beschreiben. So wie: Ich bin da. Ich passe auf dich auf. Bei mir kannst du sein.

Und schon war der Moment vorbei und der Himmel öffnete seine Schleusen.

Dünne Orte. Wenn ihr in eurer Lebensgeschichte zurückgeht, dann werdet auch ihr welche finden. Vielleicht in eurem Garten, als ihr in der Erde gegraben und den Duft der feuchten Erde gerochen habt. Auf einem Waldspaziergang, als plötzlich ein Sonnenstrahl den Weg durch das Blätterdach fand. Bei der Geburt eurer Kinder, wo man direkt Gott bei der Arbeit erleben kann. Oder bei einem Festmahl in guter Gemeinschaft.

Gott begegnet uns auf vielerlei Art und Weise. Im Schutz einer Kirche oder im Gebet, aber auch an vielen anderen Dünnen Orten in der Natur, in der Ferne, in der Nähe, die durchlässig sind für das Göttliche, das hinter dem für uns Sichtbaren liegt.