Wort zum Sonntag

„Du bist nicht schuld, aber du hast damit zu tun“

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Am 9. November – dem Tag der Reichspogromnacht – erinnert Dorothea Lindow daran, wie eng deutsche Geschichte, christlicher Glaube und Verantwortung miteinander verflochten sind. Ein Wort zum Sonntag über Schuld, Wurzeln und die Hoffnung, dass der Mandelzweig weiter blüht.

Der Kinofilm „Amrum“ erzählt aus den Erinnerungen des Schauspielers Hark Bohm die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges auf der Insel Amrum.

Mit einem einzigen Satz erklärt der Regisseur F. Akim das deutsche „Dilemma“:

„Du bist nicht schuld, aber du hast dennoch damit zu tun“, wird dem 12-jährigen Jungen erklärt, als er behauptet, am Nazideutschland nicht schuld zu sein.

80 Jahre später kommen dem deutschen Bundeskanzler F. Merz die Tränen, als er in seiner Eröffnungsrede der Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße aus den Erinnerungen von Frau Salamander zitiert, die als Kind nach 1949 immer wieder fragte, ob denn den Juden niemand geholfen habe.

Es ist der 9. November. Es ist Sonntag und wir feiern in unseren christlichen Kirchen Gottesdienst.
Es ist Sonntag, der 9. November, und vor 87 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen.

„Du bist nicht schuld, aber du hast dennoch damit zu tun.“ Auch 87 Jahre später stimmt der Satz noch. Der Antisemitismus nimmt weltweit und bei uns wieder zu.

Es ist der 9. November, der Tag der Reichspogromnacht 1938. Wer als Christ antisemitisch denkt, schneidet sich von seinen eigenen Wurzeln ab. Als christliche Gemeinde stehen wir in jüdischer Tradition. Jesus war Jude, hat als Jude seinen Glauben gelebt. In den Gottesdiensten leihen wir uns jüdische Texte, interpretieren sie auf Grundlage unseres christlichen Glaubens. Wir müssen darauf achten, dass wir nicht judenfeindlich argumentieren, wenn wir den christlichen Glauben predigen.

In der Christkirche in Tondern hängt ein großes Epitaph, wahrscheinlich von 1609. In der Mitte ist ein Baum zu sehen, halb hat er jüdische Wurzeln, halb christliche Wurzeln. Der jüdische Teil des Baumes hat alle Blätter verloren, während der christliche Teil grünt. Aber wenn die Wurzeln absterben oder vertrocknen, kann kein Leben daraus wachsen.

Nein, ich bin nicht schuld am Nationalsozialismus, an der Shoa. Aber zu tun habe ich trotzdem damit.

Es ist der 9. November und zugleich der Tag der Maueröffnung 1989. Ich erinnere die Bilder im Fernsehen, ganz Deutschland hat gefeiert. Eine friedliche Revolution, in weiten Teilen getragen von Menschen, die die Kirchen als Raum der Freiheit erlebt haben.

Der deutsch-israelische Rabbiner (und damit Jude) Schalom Ben-Chorin (übersetzt: Friede, Sohn der Freiheit) hat 1981 einen Text verfasst, der es in unser Gesangbuch geschafft hat:

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt. Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit. Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht. Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.

Schalom euch allen!

Dorothea Lindow