Gesellschaft

Neues Leben nach dem Herzstillstand: Studie räumt mit Pflegefall-Mythos auf

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Das Risiko, nach einem plötzlichen Herzstillstand als sogenanntes „pflegebedürftiges Gemüse“ zu enden, sei stark übertrieben, betonen Forschende aus Dänemark.

Seit Anfang des Jahres haben Bürgerinnen und Bürger über 60 in Dänemark das Recht, eine Wiederbelebung ausdrücklich abzulehnen. Doch Forschende warnen: Die Angst vor einem Leben als Pflegefall nach Herzstillstand ist oft übertrieben. Eine neue Studie bringt überraschende Zahlen.

Ein neues Forschungsprojekt räumt mit einem weitverbreiteten Irrglauben auf: Die Vorstellung, dass Menschen nach einem Herzstillstand häufig in einem dauerhaft schlechten Zustand weiterleben, trifft laut Wissenschaftlern nur selten zu.

Das Risiko, nach einem plötzlichen Herzstillstand als sogenanntes „pflegebedürftiges Gemüse“ zu enden, sei stark übertrieben, betonen Forschende aus Dänemark. Eine aktuelle Studie unter Beteiligung des Universitätskrankenhauses Aarhus und des Hammel Neurocenters zeigt: Die meisten Überlebenden leben Jahre später mit guter Lebensqualität.

Jedes Jahr erleiden rund 5.000 Menschen in Dänemark – das entspricht etwa 14 täglich – außerhalb eines Krankenhauses einen Herzstillstand. Etwa 15 Prozent von ihnen überleben.

Unbegründete Angst

Doch was geschieht danach? Viele Menschen fürchten, im Falle einer Wiederbelebung mit schweren Hirnschäden oder dauerhaften Einschränkungen leben zu müssen. Diese Angst sei laut den Studienautoren unbegründet.

„Die meisten, die einen Herzstillstand überleben, erreichen eine akzeptable Lebensqualität und Alltagsfunktion“, erklärt Neuropsychologe Lars Evald vom Hammel Neurocenter. „Patientinnen und Patienten, die besonders schwer betroffen sind, überleben meist nicht lange.“

Besonders bei älteren Menschen oder bei solchen, bei denen die Reanimation lange dauert, sind die Überlebenschancen geringer. Nach Angaben der Forscher zeigt sich bereits im ersten halben Jahr eine deutliche Trennung: Schwächere Patientinnen und Patienten versterben meist früh – die übrigen leben oft stabil weiter.

„Ich würde mich für eine Wiederbelebung entscheiden. Die Überlebenschance ist den Versuch wert.“

Lars Evald

Recht, Wiederbelebung zu verweigern

Seit Januar dieses Jahres haben Bürgerinnen und Bürger über 60 in Dänemark das Recht, eine Wiederbelebung ausdrücklich abzulehnen. Evald warnt jedoch davor, diese Entscheidung vorschnell zu treffen: „Wir hören oft Sätze wie ‚Ich will nicht als Pflegefall enden‘. Aber die Realität ist: Entweder stirbt man schnell – oder man lebt unter Umständen viele Jahre mit guter Lebensqualität.“

Für die Langzeitstudie wurden 279 Patientinnen und Patienten untersucht, die nach einem Herzstillstand bewusstlos in einer Intensivstation aufgenommen wurden. Fünf bis acht Jahre später lebten noch 161 von ihnen. Von diesen wiesen 98 Prozent gute funktionelle Fähigkeiten auf. Ihre Lebensqualität war vergleichbar mit der der Gesamtbevölkerung.

Evald selbst zieht aus der Studie eine klare persönliche Konsequenz: „Ich würde mich für eine Wiederbelebung entscheiden. Die Überlebenschance ist den Versuch wert.“