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Antje Marquardsens Frage an Suizidgefährdete: Möchtest du wirklich sterben?

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Antje Marquardsen stammt aus einer prominenten Minderheitenfamilie.

Die 61-Jährige aus Lügumkloster arbeitet ehrenamtlich für die Hotline Livslinien. Im Chat zeigt sie Menschen mit Suizidgedanken andere Wege auf. Im vergangenen Jahr konnten die Beratenden der Hotline 700 akute Versuche unterbrechen.

An einem der letzten Tage vor Weihnachten wird sich Antje Marquardsen im Büro von Livslinien an einen Schreibtisch setzen. Es liegt unweit der Vergnügungsmeile Nyhavn in Kopenhagen. Ihr gegenüber: eine Kollegin oder ein Kollege.

Sie fährt den Computer hoch und holt sich Ratschläge auf den Bildschirm, wie sie mit Menschen mit Suizidgedanken und selbstverletzendem Verhalten kommunizieren kann. Auch wichtige Kontaktadressen liegen am Schirm bereit. Um genau 17 Uhr wird sie den Chat einschalten. Dann wartet sie auf die erste Person, die ihr anonym schreibt. 

„Hallo, und willkommen zu Livslinien“. Ihre erste Nachricht lautet fast immer genau so. „Und dann warte ich kurz ab, ob eine Antwort kommt“, sagt Marquardsen.

Abwehr der Gefahr ist erstes Ziel

Bereits bevor der Chat beginnt, hat die Person auf einer Skala von 1 bis 10 angegeben, wie suizidgefährdet sie nach eigener Einschätzung ist. Für die ehrenamtliche Beraterin geht es am Anfang der Kommunikation darum, zu erfahren, wie hoch das Risiko ist, ob die oder derjenige den Suizid bereits vorbereitet hat.

„Ist das Risiko hoch, geht es zunächst darum, die Person zu überzeugen, das Mittel zu entfernen.“

Hat sie zum Beispiel bereits Tabletten gesammelt, überredet Marquardsen den Menschen, sich in einen anderen Raum zu begeben; wenn möglich, die Tabletten in den Abfallbehälter vor der Tür zu schmeißen.

„Häufig muss ich einige Zeit darauf verwenden, um dies zu erreichen“, sagt die ausgebildete Pharmazeutin.

Eingreifen in akuten Situationen gelingt häufig

Steht ein Suizid unmittelbar bevor, sind Beraterinnen und Berater angehalten, alles darauf zu setzen, dies zu verhindern, erklärt Jeppe Kristen Toft, Direktor von Livslinien. 

„Ist die Situation akut, versuchen die Beratenden, die Person zu motivieren, ihre Anonymität aufzugeben und zu erzählen, wo sie sich befindet“, sagt er.

Dann kann eine Kollegin oder ein Kollege die Polizei oder einen Krankenwagen rufen. Bis die Hilfe kommt, bleibt die beratende Person in Kontakt mit der gefährdeten Person. Das gilt gleichermaßen für den Chat als auch für die telefonischen Kontakte. 

Jeppe Kristen Toft ist der Direktor von Livslinien.

„Zum Glück gelingt dies in den allermeisten Fällen“, so Toft.

Ordnung in eine chaotische Gedankenwelt bringen

In den nicht akuten Fällen geht es für Marquardsen darum, herauszubekommen, wie sie am besten mit dem jeweiligen Menschen kommuniziert. Einige erzählen von sich aus, bei anderen bleibt es zunächst bei „Ja“ und „Nein“. 

„Ich frage danach, ob die Person weiß, wieso sie Suizidgedanken hat. Gibt es konkrete Ereignisse, die sie hier und jetzt ausgelöst haben? Ich versuche herauszufinden, ob sie selbst spürt, wo sie sich befindet“, so die ehrenamtliche Beraterin. 

„Für Menschen mit Suizidgedanken sieht die Situation meist chaotisch und unüberschaubar aus. Es spielen sich viele Dinge gleichzeitig in ihrem Kopf ab“, ergänzt Direktor Toft. Aufgabe der Beraterin sei es, zu versuchen, herauszubekommen, was den meisten Raum einnimmt.

An Tagen mit einem gelungenen Dialog gehe ich glücklich nach Hause.

Antje Marquardsen

Antje Marquardsens schwere und wichtige Frage

Marquardsen arbeitet seit ungefähr einem Jahr ehrenamtlich bei Livslinien. Zuvor hat sie eine gründliche Ausbildung durchlaufen und erfahrene Beraterinnen und Berater bei Diensten begleitet. Mittlerweile hat sie selbst einige Erfahrung darin, mit Menschen in schweren Lebenskrisen zu kommunizieren. 

„Ich frage: ‚Möchtest du wirklich sterben?‘ Am Anfang fiel mir das sehr schwer, denn es ist eine sehr drastische Frage. Häufig zögert die Person dann ein wenig, und ich habe eine kleine Öffnung.“

Dieser Spalt ermöglicht einen weiteren Dialog. Toft erklärt, dass Livslinien zunächst nicht mit guten Ratschlägen daherkommt. Es gehe darum, Raum für Reflexion zu schaffen, gemeinsam nach Wegen zu suchen. Das ist nur möglich, wenn das Gespräch auf Augenhöhe stattfindet.

„Bei Livslinien erkennen wir an, dass die betroffene Person einen Suizid als einen Ausweg sehen kann. Wir können jedoch so viele andere Lösungen erkennen, die wir teilen wollen, um einen Suizid zu verhindern“, sagt Marquardsen.

Die Suche nach den Faktoren, die einen Suizid verhindern können

In dieser Phase des Dialogs untersucht sie, welche schützenden Faktoren es gibt. Eine typische Frage ist: „Was würdest du vermissen, wenn du tot bist?“

„Das kann die Liebe zur jüngeren Schwester sein, aber auch zum Hund. Dann haben wir wiederum ein Thema für den weiteren Dialog.“

Ein schriftlicher Plan als Ergebnis

Ziel ist es, dass der Dialog mit einem kurzen Handlungsplan endet, was nach dem Gespräch geschehen soll. Das kann sein, dass die betroffene Person am Tag darauf den eigenen Arzt oder eine Beratungsstelle anruft.

„Es kann auch sein, dass die Person die Partnerin oder Partner weckt, sie spazieren oder ins Kino gehen, vielleicht sich ein gemütliches Essen machen“, erzählt die Lügumklosteranerin.

„Häufig bitten wir diejenige oder denjenigen, den Plan aufzuschreiben. Es ist wichtig, dass sie oder er sich ganz im Klaren darüber ist, was er oder sie tun will, da alles so chaotisch und unübersichtlich erscheint“, sagt Toft.

Freude nach gelungenem Gespräch

Gelingt dies, entfährt Antje Marquardsen schon mal ein „Yes!“ In einzelnen Fällen schreibt die Person am Ende so etwas wie: „Herzlichen Dank, dass du mich wahrgenommen hast.“

„An solchen Tagen gehe ich glücklich nach Hause“, sagt sie, und das Leuchten in ihren Augen verrät, dass sie sich an genau solche Augenblicke erinnert.

Doch es gibt selbstverständlich auch die anderen Dialoge, bei denen es Marquardsen nicht gelingt, wirklich zu der Person durchzudringen. Die Kommunikation eventuell sogar abgebrochen wird. 

Viele dieser Menschen hätten sich das Leben genommen, wenn sie sich nicht an uns gewandt hätten.

Jeppe Kristen Toft

Unterstützung am Tag darauf

Dies geht dann aus dem anonymisierten Protokoll hervor, das sie nach jedem Gespräch anfertigt. Ist der Dialog besonders schwierig oder handelte es sich um eine akute Situation, ruft eine Fachmitarbeiterin oder ein Fachmitarbeiter am darauffolgenden Tag bei ihr an. So kann sie den Verlauf besprechen.

„Das gibt mir große Sicherheit.“

Mit ihrem Team nimmt sie außerdem an einer monatlichen Supervision mit einer Psychologin oder einem Psychologen teil. Das ist für die ungefähr 230 Ehrenamtlichen bei Livslinien verpflichtend.

Livslinien verhindert jährlich 700 akute Suizidversuche

Bereits bei der Auswahl der Freiwilligen legt die Organisation Wert darauf, dass sie eine gewisse Robustheit mitbringen und Erfahrung im Umgang mit Menschen in Krisen haben. 

Fast 25.000 Menschen hatten 2024 ein Telefonat oder einen Chat mit Livslinien. Aufgrund der Anonymität gibt es zwar keine Statistik darüber, wie es ihnen danach ergangen ist. Eine aussagekräftige Zahl gibt es jedoch: Im vergangenen Jahr ist es den Beraterinnen und Beratern gelungen, 700 akute Suizidversuche zu unterbrechen. 

„Viele dieser Menschen hätten sich das Leben genommen, wenn sie sich nicht an uns gewandt hätten“, sagt Jeppe Kristen Toft.

2023 starben 528 Menschen laut Gesundheitsbehörde an einem Suizid. Die Anzahl der Versuche ist geschätzt zehnmal so hoch.

Freiwilliger Einsatz mit Erfüllung

Für Antje Marquardsen steht zumindest fest, dass sie mit ihrem Einsatz einen Unterschied macht. 

„Einige der Ehrenamtlichen sind hier bereits seit 20 Jahren. Ich kann mir auch vorstellen, das noch viele Jahre lang zu machen.“

Sie hat sich, wie alle Freiwilligen, verpflichtet, zweimal im Monat einen Dienst zu übernehmen.