Landwirtschaft und Klimawandel

Vor 100 Jahren Auftakt zur „Zähmung“ der Tonderner Marsch

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Die Schöpfwerke sind sichtbare Elemente der vor 100 Jahren eingeleiteten Entwässerung der Tonderner Marsch. Das Vorhaben war in den 1920er- und 1930er-Jahren das größte Wasserbauprojekt in Nordeuropa. Auf dem Foto die kleine Pumpstation am Seiersbekkoog (Sejersbækkog) bei Hoyer, die seit 1934 die angrenzende Niederung entwässert. Aktuell ist eine Wiedervernässung in Vorbereitung, als Maßnahme zum Klimaschutz, indem der Austritt von Kohlendioxid durch Zersetzung von Torf und Humus verhindert wird.

1925 billigten Folketing und Landsting in Kopenhagen das „Gesetz zur Entwässerung der Marsch bei Tondern“: 4,3 Millionen Kronen wurden zum Bau von elektrischen Schöpfwerken, Kanälen, Flussdeichen und eines neuen Deiches zwischen Emmerleff und Hoyer bereitgestellt. Die Grundbesitzer hatten mit großer Mehrheit für das Vorhaben gestimmt – sie mussten ein Drittel der auf gut 6 Millionen Kronen gestiegenen Kosten übernehmen.

In den vergangenen 40 Jahren ist die Tonderner Marsch (Tøndermarsken) in Dänemark vor allem als eine Niederung mit internationaler Bedeutung für Watvögel, Seeschwalben und andere auf Feuchtgebiete angewiesene Brut- und Rastvögel bekannt geworden. Die „Initiative Tonderner Marsch“ fand in den vergangenen zehn Jahren Aufmerksamkeit, weil sie mit einem Millionen-Etat in Zeiten mit steigendem Meeresspiegel und häufigerem Starkregen das Land zwischen Hoyer und Tondern (Tønder) vor negativen Folgen des Klimawandels schützen soll.

Schon vor 100 Jahren Überschwemmungsgefahr aktuell

Neu ist das Thema Überschwemmungsschutz in der Marschlandschaft nördlich der deutsch-dänischen Grenze jedoch nicht.

In diesem Jahr jährt sich zum 100. Mal der Auftakt zur Entwässerung der Tonderner Marsch. Mit der einstimmig beschlossenen Bereitstellung von 4,3 Millionen Kronen durch das Folketing und den Landsting im Februar 1925 wurde das seinerzeit größte Wasserbau-Vorhaben in ganz Nordeuropa zur „Zähmung“ der oft die gesamte Niederung zwischen dem Seedeich bei Hoyer und der Stadt Tondern entlang der Wiedau überschwemmenden Wassermassen auf den Weg gebracht.

Ende der 1920er-Jahre wurden entlang der Wiedau, auf dem Foto bei Hoyer, leistungsfähige Schöpfwerke und Kanalanlagen errichtet.

Tiefgreifende Veränderung des Landschaftsbildes

Bei Sturmfluten staut sich das Wasser in der Wiedau hinter dem Seedeich. Bis zur Fertigstellung der Wiedauschleuse 1982 entwässerte die auf dem Foto hinten sichtbare Hoyerschleuse das Hinterland. Bei Starkregen und hohen Wasserständen im Wattenmeer kommt es seit einigen Jahren immer häufiger zu Überflutungen am Binnenhafen an der Wiedau, wo ein kleines Freilichtmuseum an die Fischerei in der Tonderner Marsch erinnert.

Mit dem „Gesetz zur Entwässerung der Marsch bei Tondern“, das mit der Unterzeichung durch König Christian X. am 18. April 1925 in Kraft trat, wurde eine Kommission im Juni des Jahres zur Umsetzung der seit 1921 angelaufenen Planungen eingesetzt. Diese führten in Zusammenarbeit mit dem Deichverband in die Umsetzungsphase des Vorhabens – und es begann wie durch frühere Eindeichungen eine weitere tiefgreifende Veränderung des Landschaftsbildes entlang der Wiedau. Die Entwässerung der Tonderner Marsch wird oft auch als eines der „Geschenke“ Dänemarks an Nordschleswig als Belohnung für das pro-dänische Votum bei der Volksabstimmung in der nördlichen Abstimmungszone bezeichnet.

Doch wurde das Vorhaben auch von den gerade in der Tonderner Marsch stark vertretenen Mitgliedern des deutschen Bevölkerungsteils unterstützt, der mit der Grenzziehung erst kurz zuvor zur Minderheit geworden war. Dazu zählte auch Deichgraf Dethlef Dethlefsen (1880-1964), der zusammen mit vielen Ingenieuren und Wasserbautechnikern das Vorhaben prägte. Er wurde für seine Verdienste vom dänischen König zum Ritter des Dannebrogordens ernannt. Die Grundeigentümerinnen und -eigentümer in der Tonderner Marsch, deren Repräsentanten im Deichverband organisiert sind, hatten vor Beginn der politischen Entscheidungen über das Großvorhaben mit großer Mehrheit den Vorschlägen zur Entwässerung zugestimmt.

Deichgraf Dethlef Dethlefsen (1880-1964), er lebte auf seinem Hof An der Gath (Ved Gaden) bei Hoyer, war ein Hauptakteur bei der Vorbereitung und Durchführung der Entwässerung der Tonderner Marsch vor 100 Jahren.

Pläne zur Entwässerung und Kanäle bis Flensburg im 19. Jahrhundert

Vom Neuen Friedrichenkoog aus ist Hoyer mit (v. l.) den historischen Höfen Boy Matthiesens, der Familie Kier sowie der großen Windmühle zu sehen. Im Vordergrund einer der typischen Be- und Entwässerungsgräben, die vor fast 100 Jahren angelegt worden sind.

Pläne zur Entwässerung der Tonderner Marsch gab es bereits Mitte des 19. Jahrhunderts noch während der Zugehörigkeit des Herzogtums Schleswig zum dänischen Gesamtstaat. Und nach 1864, nach der Eingliederung des Gebietes ins preußische Königreich, wurden weitere Pläne geschmiedet, um das teilweise sehr fruchtbare Marschenland landwirtschaftlich besser nutzen zu können. Auch wurden Kanalbaupläne nicht nur für Schiffsverkehr zwischen Hoyer und der einstigen Seestadt Tondern, sondern auch für eine Verbindung bis zur Ostsee nach Flensburg (Flensborg) ausgebrütet. Bereits im 17. Jahrhundert hatte davon Herzog Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf geträumt.

Doch es fehlte nicht allein an finanziellen Mitteln. Es war auch neue Wasserbautechnik erforderlich. Erst Anfang der 1920er-Jahre stand in Nordschleswig elektrische Energie aus Kraftwerken zum Betrieb leistungsfähiger Schöpfwerke zur Verfügung. Zuvor gab es nur Pumpen mit Windkraftantrieb und Dampfmaschinen zur Verfügung. Bis heute pumpen vier große, bis 1934 erbaute elektrische Schöpfwerke Wasser aus den Kögen entlang der Wiedau.

Das größte Schöpfwerk in Legan (Lægan) entwässert allein 8.000 Hektar Land einschließlich der Stadt Tondern, von der einige Stadtbereiche auf Meeresspiegelniveau liegen.

Bei Legan liegt an der Wiedau das größte Schöpfwerk der Tonderner Marsch. Es entwässert rund 8.000 Hektar Fläche und verhindert auch, dass man in der Stadt Tondern „nasse Füße“ bekommt.

Ausgeklügeltes Be- und Entwässerungssystem

Ohne Abpumpen des Wassers würde Tondern oft unter Wasser stehen. Erst vor wenigen Jahren drohten bei Starkregen Lagerhallen „abzusaufen". Die Pumpstation bei Hoyer versorgt im Sommer auch den Alten und Neuen Friedrichenkoog mit Wasser über ein ausgeklügeltes Rohr-, Kanal- und Grabensystem. Die hohen Wasserstände zur Förderung des Graswachstums sind ein Faktor für den Status des Gebietes als Vogelparadies.

Doch die umfangreichen Baumaßnahmen, die 1926 begannen, hatten seinerzeit auch spürbare negative Konsequenzen. So verschwanden die meisten Störche aus Hoyer, die dort bis in die 1930er-Jahre noch zu Dutzenden gebrütet hatten. Auch viele zuvor wirtschaftlich bedeutende Fischarten wie der Schnäpel verloren ihren Lebensraum oder wurden zur Seltenheit. Jahrhundertelang war die Fischerei entlang der Wiedau ein wichtiger Erwerbszweig.

Viele technische Anlagen wie das abgebildete Stemmwerk im Neuen Friedrichenkoog sorgen seit fast 100 Jahren für eine verbesserte landwirtschaftliche Nutzung der Marsch, geben aber auch vielen, teilweise seltenen Tieren und Pflanzen Lebensraum.

Die inzwischen nicht mehr ganz neuen Gräben zeichnen sich allerdings auch durch eine Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten aus. 1,8 Millionen Kubikmeter Erde wurden aus den Wasserläufen gebaggert. Davon wurden 1,1 Millionen Kubikmeter in neue Audeiche verbaut. Insgesamt wurden 175 Kilometer neue Kanäle gebaggert, mithilfe großer Dampfbagger, die sich durch die Marschen „fraßen“. Viele alte Wasserläufe wurden umgeleitet. So der einst direkt an Hoyer entlangfließende Seierbek (Sejersbæk) oder der Lindschauer Mühlenstrom (Lindskov Møllestrøm).

Der Kiebitz zählt zu den typischen Brutvögeln der Tonderner Marsch. Die dänische Naturbehörde „Naturstyrelsen" hat in den vergangenen Jahren Flächen in der Tonderner Marsch aufgekauft und erhöht auf ihnen die Wasserstände zusätzlich, um die landesweit immer selteneren Kiebitze und weitere gefährdete Arten in der Niederung bei Hoyer zu vermehren.

Bis 1934 dauerten die Bauarbeiten an. Es zeigte sich, dass die bewilligten Gelder nicht ausreichten. Verbaut wurden letztlich 6,25 Millionen Kronen. Die Grundeigentümer, die bis heute, seit 1988 ergänzt durch Beiträge der Naturschutzbehörde, die Entwässerungskosten tragen, mussten gut 2 Millionen Kronen an den Gesamtkosten als Kredit übernehmen. Bis 1976 wurde alles abgezahlt.

Die Schwanenblume ist ein Schmuckstück in den Gräben der Tonderner Marsch

Vor 50 Jahren Gedenkfeier

Vor 50 Jahren veranstaltete der Deichverband eine Feier zum Gedenken an den Auftakt des Entwässerungsprojektes, über den „Der Nordschleswiger“ am 19. April 1975 berichtete. Unter anderem wurde ein Kranz am Grab des 1964 verstorbenen Deichgrafen Dethlef Dethlefsen in Hoyer niedergelegt.

Geburtstagswunsch 1975 war der 1982 eingeweihte Seedeich

Der Bau des neuen Deiches für den Margrethenkoog und den Rickelsbüller Koog von 1977 bis 1982 war der Geburtstagswunsch des Deichverbandes vor 50 Jahren. Durch die Wiedauschleuse fließt das Wasser aus der Tonderner Marsch und der Wiedau ins Wattenmeer. Der neue Deich mit 7,45 Meter über Normalnull hoher Deichkrone schützt bei Sturmfluten das Gebiet bis östlich von Tondern. Doch der Klimawandel mit höherem Meeresspiegel und häufigerer Starkregen überfordern die Kapazität der vorhandenen Fließgewässer und Stauräume bei länger geschlossenen Toren der Schleuse.

Während der Feierlichkeiten wurde der „Geburtstagswunsch“ des 1975 von Deichgraf Thomas Dethlefsen geleiteten Deichverbandes geäußert: Der Bau eines neuen Seedeichs zwischen Emmerleff Kliff und dem Hindenburgdamm sowie die Eindeichung des Vorlandes westlich des Seedeichs von 1861 in Kombination mit dem Bau neuer Speicherbecken, um die oft überlasteten Audeiche vor drohenden Brüchen zu bewahren. Thomas Dethlefsen war der Sohn Dethlef Dethlefsens.

Doch einen neuen Deich und den Margrethenkoog und den Rickelsbüller Koog gab es erst nach der schweren Sturmflut im Januar 1978, als die gesamte Tonderner Marsch wegen eines drohenden Bruchs des Seedeichs bei Hoyerschleuse evakuiert worden war. 1982 wurde der neue Deich von Königin Margrethe und Bundespräsident Karl Karstens seiner Bestimmung übergeben.

In den Pflanzen entlang der Gräben in der Tonderner Marsch zwitschern jede Menge Schilfrohrsänger. Sie finden in den auch in den Sommermonaten gut mit Wasser gefüllten Gräben ideale Lebensbedingungen.

Weitere Maßnahmen in Sicht

Aktuell wird eine Umwandlung des Nordteils des Margrethenkoogs in ein Entlastungsreservoir vorbereitet – als Vorkehrung gegen den steigenden Meerwasserspiegel und immer mehr Binnenwasser. Dabei sollen Überschwemmungsschutz und Lebensbedingungen für Tier- und Pflanzenwelt verbessert werden.

Der Südteil des Margrethenkoogs dient bereits seit der Eindeichung in erster Linie Naturschutzzwecken. In einen Teil des eingedeichten Watts wird von See her Salzwasser gepumpt, als Ausgleich für den Verlust durch die Eindeichung bis 1982. Ein weiterer Bereich dient als Stauraum bei Sturmfluten. Die übrigen Bereiche werden extensiv beweidet und wurden unter anderem mit Brutinseln in kleinen Seen für Seeschwalben und Säbelschnäblern ausgestattet.

Die Säbelschnäbler brüten auf den neu angelegten Brutinseln im Margrethenkoog. Die Gelege werden zusätzlich mit Elektrozäunen gegen Raubsäuger wie Füchse, Marderhunde und Minks geschützt, die in den Naturschutzgebieten vielen Brutvogelarten zu schaffen machen.