Flucht 1945

Kalte Nächte im Lager Oksbøl

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Das Lager Oksbøl

Herbst 1945: Der nun vierjährige Helmut ist im Mai des Jahres mit seiner Familie vor der Roten Armee über die Ostsee geflüchtet. Ihr Schiff machte letztlich in Hadersleben fest. Einige Monate verbringt die Familie in relativer Freiheit in Anslet. Nun naht der Winter, und die Familie muss ins Lager Oksbøl. Teil drei der vierteiligen Reihe.

Helmut Tomaschewski hat seine Erinnerungen aufgeschrieben und sie dem „Nordschleswiger“ zur Verfügung gestellt. Weil er 1945 noch sehr klein ist, lässt er in seinem Bericht auch seine Cousine Else Keuchel zu Wort kommen, die im April 2025 90 Jahre alt wird und 1945 zehn Jahre alt ist. Über den Umzug von Anslet nach Oksbøl schreibt sie:

„Es war ein kalter, windiger, regnerischer Tag und es wurde schon dunkel. Wir mussten im Regen mit Gepäck eine weite Strecke laufen. Man brachte uns in ein Lager und wies uns als Unterkunft einen Pferdestall an. In dem Stall standen rechts und links dreistöckige Holzbetten, jeweils zwei zusammen, in denen nur Bretter lagen. Dazwischen war ein schmaler Gang.“

Helmut Tomaschewski findet später durch Rückfragen in Dänemark heraus, dass die Familie bis zum 22. September 1945 in Anslet registriert war, danach im Lager Oksbøl.

Schlafen auf nassem Stroh

Else Keuchel notiert: „Wir fanden draußen Strohballen, vom Regen durchnässt. Die Erwachsenen holten sie in den Stall, banden sie auf und legten das Stroh, das noch nicht so ganz nass war, auf die Holzbretter. Ich hatte Angst, mich in ein Bett zu legen, weil man sich dort hineinrollen musste. Sitzen war nicht möglich, so gering war der Abstand zwischen dem unteren und dem darüber liegenden Bett. Das oberste Bett hatte noch weniger Abstand bis zur Decke. Mir legte Vater die erste Nacht Stroh auf den Steinfußboden. Ich war so müde und erschöpft, dass ich gleich einschlief. Erst am nächsten Tag bei Licht sahen wir, wo wir gelandet waren. In unserer Nähe befanden sich noch mehrere Pferdeställe, jeder mit ungefähr 200 Personen belegt. Wir waren in einem ehemaligen deutschen Soldatenlager untergebracht.“

Nur die Pferdeställe blieben übrig

Die Zehnjährige erinnert sich daran, dass die Gegend um Oksbøl karg war. „Die Erde bestand auch aus Sand, gehalten von kleingewachsenen Kiefern“, schreibt sie und führt aus:

„Um das Lager befand sich ein dicker Stacheldrahtzaun. Einige Meter davor war noch ein weiterer, einfacher Stacheldraht gespannt, dazwischen standen dänische Wachposten mit Gewehren, um uns an einer Flucht zu hindern. Mir ist nicht bekannt, dass jemand den Versuch machte. Wo sollten wir auch hin? Bis zur deutschen Grenze war es weit, dazwischen lag noch die Ostsee. Wer gleich nach der Kapitulation in das Lager kam, wurde in Baracken untergebracht. Sie waren wärmer und auch nicht so groß. Bei unserer Ankunft waren schon alle belegt, so blieben für uns nur die Pferdeställe.“

Else Keuchel dachte vermutlich an ihre weit entfernte Heimat im Osten, die nicht mit Dänemark verbunden ist so wie Norddeutschland.

„Es sollen in Oksbøl 38.000 Deutsche interniert gewesen sein, so nannte man unsere Gefangenschaft. Wir lebten dort zwei Jahre auf engstem Raum. Wir sieben Personen hatten sechs Betten. Unten schlief der Großvater Gustav Tomaschewski. Das Bett daneben war unser Abstellplatz für alles, was wir besaßen. Darüber schliefen Tante Hilde, Helmut und ich. Ganz oben meine Eltern und mein Bruder Walter. Nur ein schmaler Gang trennte uns von den anderen Betten. Ein Tisch und Sitzgelegenheit stand vor jedem Bettenblock.“

Deutsche Flüchtlinge holen Stroh, Ort nicht bekannt.

Ein weiterer kurzer Einschub, bevor es mit Else Keuchel weitergeht: Das Museum Flugt in Oksbøl geht von 35.000 deutschen Flüchtlingen aus. Auch die Universität Aarhus nennt auf der Seite danmarkshistorien.dk diese Zahl mit dem Hinweis darauf, dass diese Maximalzahl 1946 erreicht wurde.

„Brot, Margarine, Käse, oft mit Maden, bekamen wir zugeteilt. Für die Kinder gab es Vollmilch, für die Erwachsenen Magermilch. Einmal am Tag bekamen wir eine warme Suppe. Die Suppen wechselten zwischen Weißkraut- und Graupensuppe. Selbst kochen konnten wir nicht. Im Stall standen Kanonenöfen, die nur zum Heizen gedacht waren. Wasser konnte man darauf zum Kochen bringen oder Milch aufwärmen. Ein anderer Ofen hätte uns auch nichts genützt, denn wir hatten im Lager keine Möglichkeit, etwas zu kaufen und Geld hatten wir auch keines.

Dann kam der Winter mit Sturm, viel Schnee und großer Kälte. Die Öfen schafften es nicht, den Stall zu beheizen. Er bestand ja nur aus Brettern. Man konnte durch ausgebrochene Äste ins Freie sehen. Heizmaterial bekamen wir nur wenig, und so haben wir die meiste Zeit gefroren. An besonders kalten Tagen blieben wir auch am Tage im Bett. Unser Vater hat oft in der Nacht heimlich einen Baum ausgegraben und in den Stall gezogen. Dort wurde er zerkleinert und verheizt. Doch schnell war das Holz verbraucht. Einmal ging auch der Winter vorbei. Im Sommer war das Leben erträglicher.

Neuigkeiten aus Deutschland

Nach einem Jahr, so Else Keuchel in ihren Erinnerungen, durften die Internierten zum ersten Mal Briefe nach Deutschland an Verwandte schicken und erfuhren unter anderem, dass die Verwandten dort sie tot geglaubt hatten, und die Menschen in Deutschland hungerten und es schwer war, ein Dach über dem Kopf zu finden. So eine Bleibe in Deutschland hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Internierten in Dänemark. Else Keuchel erinnert sich:

„Wer durch Bekannte oder Verwandte in Deutschland eine Wohnung vermittelt bekam, konnte ausreisen. Unsere Heimat gab es nicht mehr, und die Verwandtschaft lebte auf engstem Raum. Wir hatten keine Aussicht auf Ausreise. Einige, die das Glück hatten, in die Heimat zu reisen, machten ein wenig Platz und so lebten wir nicht mehr ganz so beengt. In einer Baracke wurde sogar Schulunterricht erteilt.

Schöne und weniger schöne Erinnerungen

Das junge Mädchen nimmt die Unfreiheit wahr – und den Neid unter den Internierten, obwohl es, wie sie bemerkt, „wenig zu neiden gab“. Sie vergisst aber nicht die schönen Erinnerungen:

„Unsere Geburtstage haben wir trotz Armut groß gefeiert. Geschenke hat es auch gegeben, über die wir uns mehr gefreut haben als heute manches Kind. Es wurde im wahrsten Sinne des Wortes aus nichts etwas gemacht. Puppenstofftiere, Bälle auch aus Stoff, Poesiealben, Blumen aus Papier und vieles mehr. Es wurde auch gedichtet. Jedem Geburtstagskind wurde ein Geburtstagslied gesungen. Am Nachmittag gab es sogar Sahne. Wir machten sie aus Magermilch. Es ist kein Scherz, es geht. Einen Sahneschläger haben wir uns selber aus Draht zurechtgebogen. Not macht erfinderisch. Wenn wir noch ein paar geröstete Haferflocken darüber streuen konnten, waren es für uns geröstete Mandeln und das Höchste an Genuss. Zu meinem elften Geburtstag bekam ich von einer Tante Grete ein Poesiealbum mit einem Gedicht.

Wir haben auch Theaterstücke eingeübt und aufgeführt, vor Weihnachten Krippenspiele. Uns Kindern zeigte man Schattenspiele oder Kasperletheater. Hätten die Menschen sich nicht selbst beschäftigt, dann wären sicher noch mehr seelisch krank geworden.“

Krankheiten verbreiten sich

Doch das Lagerleben setzt auch körperlich zu. „Der Winter 1946/1947 war noch kälter als der davor“, schreibt sie. Das Mädchen wird krank. Ein Lagerarzt ist der Ansicht, dass das Kind einen weiteren Winter im Lager nicht überstehen wird und rät der Mutter, das Lager so schnell wie möglich zu verlassen. Und Else ist nicht die Einzige. Ihren Worten nach ging es immer mehr Internierten schlecht.

Doch sie erkennt, dass die Ausreise nun einfacher wird und hat Glück: Ihr Vater darf mit seiner Familie nach Deutschland ausreisen, dort werden Arbeitskräfte gesucht – viele Männer sind in Gefangenschaft oder im Krieg gefallen. Der kleine Helmut, der ohne Vater aufwächst, hat weniger Glück. Er muss mit seinem Teil der Familie im Lager bleiben. Seine Cousine quert am 2. Juli 1947 die deutsch-dänische Grenze, und ihre Familie findet noch vor Winteranfang eine Wohnung in Weilheim in Bayern.

Familie wird getrennt

„Wenn wir an die Tante Hilde, an den kleinen Helmut und an den alten Großvater dachten, die noch einen Winter in dem Pferdestall verbringen mussten, dann wurde unsere Freude getrübt“, schreibt sie. Helmut Tomaschewski wird mit seiner Familie nachkommen. Doch das wird dauern. Für ihn bedeutet es: noch ein Winter im Lager Oksbøl. Davon soll im vierten und letzten Teil die Rede sein.

Teil 3 von 4 Teilen, basierend auf den Aufzeichnungen und Erinnerungen von Helmut Tomaschewski und seiner Cousine Else Keuchel, geborene Grabowski, geboren 1941 bzw. 1935. Alle Artikel zum Thema unter https://www.nordschleswiger.dk/de/kriegsfluechtlinge