Archäologie

Geschichte vor dem Supermarkt: Reste einer Brücke zum Schloss entdeckt

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Archäologin Anne Eg Tornø wirft einen Blick auf die Baustelle am Jomfruestien, wo die Überreste einer Brücke zum Vorschein kamen.

Archäologen haben vor dem Parkplatz eines Discounters in Hadersleben Eichenpfähle freigelegt – Reste einer Brücke, die einst zum Renaissanceschloss von Herzog Hans führte. Ein Besuch der Baustelle mit Archäologin Anne Eg Tornø, der zeigt, wie sich das Gesicht einer Stadt ändert.

Kurz vor 10 Uhr: Viel Betrieb auf dem Parkplatz des Lidl-Supermarktes in Hadersleben. Die höher liegende Asphaltfläche bietet einen schönen Blick auf die Baustelle am Jomfrustien; dort herrscht ebenfalls geschäftiges Treiben. Genau vor dem Parkplatz: ein recht tiefes Loch, an dessen Boden bereits die Betonröhren für das Regenwasser liegen. Oberhalb des tiefen Lochs sind im Hintergrund weiter rechts drei ältere Mehretagenhäuser zu sehen, ansonsten dominieren meist flache Industriebauten die Gegend. 

Ein ansehnliches Schloss im Industriegebiet

Und hier in der Nähe lag einmal ein Renaissanceschloss? Kaum zu glauben. „Es war sogar ein recht großes Schloss“, sagt Anne Eg Tornø, die als Archäologin das Bauvorhaben seitens des Museums Sønderjylland begleitet. Kann sie sich das vorstellen? „Es hilft, wenn man hier an Ausgrabungen beteiligt ist“, sagt sie – und Relikte vergangener Zeiten findet. So wie jetzt geschehen. 

Es kamen zutage: drei Eichenpfähle und -bretter, als Teil einer Ufersicherung. Ähnliche Uferbefestigungen entdeckten die Archäologinnen und Archäologen in der Vergangenheit am Jomfrustien weiter zur Stadt hin. Doch hier am Lidl-Parkplatz und auch weiter ostwärts zur Förde hin scheint die Anordnung auf ein Brückenfundament hinzudeuten. So stehen die Kundinnen und Kunden, die unweit des tiefen Lochs ihren Einkauf ins Auto verfrachten, auf der ehemaligen Schlossinsel. Der Jomfrustien war ein Kanal, dessen Ufer befestigt war, um eine Verlandung zu vermeiden. Die Brücke führte zum Schloss, das Herzog Hans im 16. Jahrhundert errichten ließ, was einige Jahre in Anspruch nahm. 

Reste einer fünf Meter breiten Brücke

Nun hat der Bagger Reste einer Brückenbefestigung freigeschaufelt, die Anne Eg Tornø gesichert hat. „Da hinten war noch eine Brücke“, sagt sie und zeigt zum zweiten Bagger, der in rund 100 Metern Entfernung abgestellt ist, Richtung Haderslebener Förde. Hier war es Eiche, die verbaut wurde, dort hinten anderes Holz. Fünf Meter war die Eichenbrücke breit, die Wissenschaftler schätzen sie als die ältere der beiden ein. Wie alt das geborgene Eichenholz wirklich ist, das klärt sich im Laufe des kommenden Jahres. Anne Eg Tornø schickt es ins Labor.

„Die Gegend lag  niedrig und war sehr feucht“, sagt Anne Eg Tornø. Dies erwies sich für die Erhaltung der Eichenpfähle und -bretter als Vorteil. Auch der Umstand, dass später in der Zeit der Industrialisierung noch einmal eine zwei Meter dicke Schicht aus Erde und Müll darüberkam, kam dem Holz zugute.  Doch nicht alles verlief aus Sicht der Archäologie in der Vergangenheit optimal. „In den 50er-Jahren wurde hier die Kanalisation verlegt, da hat man nicht auf Dinge geachtet, die archäologisch interessant waren“, so Anne Eg Tornø. Heute sieht es anders aus. 

Ein Kran hievt einen massiven, zugespitzten Eichenpfahl aus der Baustelle. Er ist Teil der älteren der beiden Brücken.

Tornø lobt die Arbeiter. „Sie sind selbst sehr interessiert, und wenn sie etwas finden, dann legen sie es beiseite und geben Bescheid.“ Nur kurze Zeit später öffnet sich die Tür des Baggers, der Baggerführer steigt aus, grüßt die Archäologin und sagt: „Anne, wir graben jetzt hier in diese Richtung“ – immer noch im alten Kanal. 

Ein Schloss nicht für die Ewigkeit

Wo genau lag denn nun das Schloss? Anne Eg Tornø dreht sich um und weist über den Discounter. Wir haben Ziegel auf dem Gelände des Jobcenters gefunden, das Schloss lag weiter Richtung Osten, dort, wo jetzt das Freigelände liegt. Laut Chronologie brannte das Schloss gleich zweimal im 17. Jahrhundert. Es waren kriegerische Zeiten, das Schloss überlebte diese nicht. Fertiggestellt 1585, wurde es nach dem zweiten Brand 1644 nicht wieder aufgebaut. 

Ein langes Leben war dem Schloss also nicht beschert. „Die Ziegel hatten ein spezielles Format, noch größer als das schon große Klosterformat. Sie wurden wiederverwendet, sogar in Kopenhagen“, weiß Anne Eg Tornø zu berichten. Heutzutage nennt man das wohl Recycling oder Mehrfachnutzung. Ganz modern also. Und es ist fast wie mit dem Geld: Es ist nicht weg, nur woanders.

Braunius und Hogenbergs Ansicht von Hadersleben, gesehen von Süden, aus dem Jahr 1585. Gelb markiert ist die Eichenbrücke, deren Reste auf der Westseite das Museum glaubt, gefunden zu haben. Rosa markiert sind Bereiche, an denen die Archäologinnen und Archäologen 2023 und 2024 Reste von Ufersicherungen finden konnten.