Kommentar

„Nach Schulschließungen: Wer die Minderheit nutzt, muss sie auch stärken“

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Rapstedt verliert seine Schule, Lunden hat eine Atempause. Was jetzt wichtig für die Minderheit ist und warum Solidarität in unterschiedliche Richtungen zeigen kann, reflektiert Projektmitarbeiterin Hannah Dobiaschowski.

Die deutsche Schule Rapstedt soll geschlossen werden, die deutsche Schule Lunden hat noch eine Chance bekommen. Aufwühlende Zeiten im Deutschen Schul- und Sprachverein (DSSV), die emotionale Reaktionen hervorrufen. 

Die kleinen Schulen brauchen das Solidaritätsprinzip. Sie existieren, weil es den Wunsch gibt, sie zu erhalten, nicht, weil sie sich in irgendeiner Form rechnen. Und wenn das Geld alle ist, dann geht es eben nicht mehr. Jedenfalls nicht, wenn es auf Kosten anderer ist.

Schließen ist keine leichte Entscheidung

Das ist bitter für die Betroffenen. Das ist auch bitter für diejenigen, die vor den Zahlen sitzen und ausrechnen, was noch leistbar ist und was nicht. Keiner der Entscheidungstragenden im DSSV (Uwe Jessen und Bernd Søndergaard als Geschäftsführer, Kerstin Jürgensen als Vorsitzende zum Beispiel) schließt eine deutsche Schule leichtfertig.

Man kann die Leitungsebene nicht mögen, man kann ihr vorwerfen, dass sie ihren Job nicht gut macht, wenn man möchte, man kann uneinig sein über Vorgehensweisen.

Was man ihnen aber nicht vorhalten kann, ist, dass ihnen die Minderheit egal ist. Oder dass für sie nur das Geld zählt.

Ganz im Gegenteil. Man könnte sogar behaupten, dass alle Verantwortlichen im Haus Nordschleswig lieber jede kleine Dorfschule in Loit oder Hoyer oder Holebüll wieder zurückhaben wollen, als noch eine Schule mehr schließen zu müssen. Wenn es denn bezahlbar wäre.

Das als Ausgangspunkt genommen, können wir alle froh sein, dass der DSSV nun eine vernünftige Geschäftsführung hat, die sich der Finanzen annimmt und den DSSV zukunftsfähig macht. Denn es kommen riesige Herausforderungen auf ihn zu. Der demografische Wandel ist Realität, aber kein minderheitenspezifisches Problem. Auch dänische Schulen sind längst geschlossen oder zusammengelegt worden, weil der Nachwuchs fehlt. Rapstedt ist übrigens die 16. deutsche Schule, die seit dem Zweiten Weltkrieg geschlossen wurde. Und niemand macht das gerne. 

Profitieren, ohne beizutragen

Realität ist aber auch die Tatsache, dass die Minderheit immer mehr als Möglichkeit, als bequeme Lösung gewählt wird, ohne selbst groß beitragen zu müssen. Kinder an einer deutschen Schule lernen zwei Sprachen, zwei Kulturen. Zugezogene wollen den sanften Übergang mit beiden Sprachen. Die Vorteile sind oft groß.

Aber alle müssen sich dringend die Frage stellen, was sie selbst beitragen können. Solidarität ist nämlich keine Einbahnstraße. 
Die sehr einfache, aber auch dringend notwendige Lösung ist: Werde Mitglied im Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN). Wenn du die Schule deines Kindes unterstützen willst, tritt dem BDN bei. Wenn du deinen Arbeitsplatz als Lehrkraft stärken willst, tritt dem BDN bei. Das tut dir nicht weh, die Mitgliedschaft kostet – je nach Ortsverein – zwischen 40 und 100 Kronen pro Jahr. 

Der DSSV ist der größte Verband in der Minderheit, aber nur wenige Lehrkräfte oder Eltern der Kinder, die Schule und Kindergarten besuchen, sind Mitglied im BDN. Diese Art von Solidarität findet man hier nicht. Würden alle beitreten, hätte man auf einen Schlag viele Hundert Mitglieder mehr. Wer die Vorteile der deutschen Minderheit nutzt, für den sollte es auch selbstverständlich sein, einen Beitrag zu leisten.

Jede Mitgliedschaft zählt

Falls dir bisher nicht klar ist, was der BDN mit deiner Schule oder der deines Kindes zu tun hat, kommt hier eine Erklärung.
Der BDN ist der Dachverband der deutschen Minderheit. Er bekommt Geld, damit der Betrieb am Laufen gehalten werden kann. Das Geld kommt aber nicht von allein, sondern weil sich Leute darum kümmern. Uwe Jessen als Generalsekretär, der Vorsitzende Hinrich Jürgensen und viele andere müssen in Berlin, Kopenhagen und Kiel die Hand aufhalten, verhandeln, argumentieren, bitten, und Kompromisse eingehen, und das tun sie beharrlich und unermüdlich. 

Im Gepäck haben sie unter anderem die Mitgliedszahlen des Verbandes, also die Menschen, für die sie verhandeln. Aber wie viel besser wäre ihre Position bei Verhandlungen (die, sind wir mal ehrlich, oft Bittstellerei sind), wenn alle, die in irgendeiner Form mit der Minderheit partizipieren, dem BDN beitreten und somit zu einer wichtigen Grundlage beitragen?

Somit ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass mehr Geld im Hut landet und du deinen Schülerinnen und Schülern neue Buntstifte kaufen kannst, wieder in Farbe kopieren kannst und dein Kind in einem sanierten Gebäude lernen kann.  

Für dich ist es ein kleiner Schritt, für die Minderheit ist es existenziell. 

Wir sitzen alle in einem Boot. Die Leitungsebene ist auf eine stabile Basis angewiesen, die Basis braucht eine gute Führung. Somit lassen sich zwei Lehren aus den vergangenen Monaten ziehen.

Was die Führung besser machen muss

Alle, die die Minderheit nutzen, haben die Verantwortung, sie zu stärken, und der erste Schritt ist nicht schwer.

Die Verantwortlichen im Haus Nordschleswig können aber auch einiges besser machen: Missstände schneller aufdecken, transparenter arbeiten, Kommunikation verbessern und Strukturen überdenken. Ihr müsst Entscheidungen treffen, die nicht für alle bequem sind, das ist unausweichlich. Aber wie ihr sie kommuniziert, wie ihr Betroffene einbezieht, das habt ihr in der Hand, und da ist für euch noch viel Luft nach oben. 

Wenn alle wieder ein bisschen mehr aufeinander zugehen und erkennen, welchen Beitrag sie leisten müssen, dann wird es schon klappen mit der Minderheit, auch in Zukunft.