Volkstrauertag

Zwischen Gedenken, Geschichte und der Frage nach Erinnerungskultur

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Jørn Vestergaard legt den Kranz der deutschen Botschaft in Kopenhagen auf dem Gräberfeld auf dem Tonderner Friedhof nieder.

In Tondern wurde in dieser Woche in Vorträgen, Gottesdienst und stillen Aktionen über Sinn, Wandel und Zukunft des Volkstrauertags diskutiert. Ein Bundeswehr-Hauptmann sprach über die Herausforderungen militärischer Erinnerung, eine Pastorin über Hiobsbotschaften und Versöhnung – und eine kleine Protestaktion führte vor Augen, wie umkämpft das öffentliche Gedenken auch heute noch ist.

Der deutsche Teil der Tonderner Kirchengemeinde, der Sozialdienst Tondern und die Deutsche Bücherei Tondern hatten kürzlich zu einem gemeinsamen Vortragsabend in das Brorsonhaus eingeladen. Referent war Hauptmann Robin Bräuer von der Bundeswehr. Der Jugendoffizier sprach über die Aufgaben der Streitkräfte, die Wehrpflicht und über Munitionsreste in Nord- und Ostsee – und darüber, wie schwer sich viele Deutsche noch immer mit dem Gedenken an im Dienst gestorbene Soldatinnen und Soldaten tun.

Als Jugendoffizier ist Bräuer ausschließlich für politische Bildung und Öffentlichkeitsarbeit zuständig – nicht für die Anwerbung von Nachwuchs. „Das ist Aufgabe der speziell geschulten Rekruter“, stellte er klar. Gerade dieser Punkt war ihm wichtig, denn eine Protestaktion von Paul-Ernst Cohen aus Ruttebüll (Rudbøl) auf dem Kirchplatz zielte erkennbar auf die Befürchtung ab, er wolle junge Menschen zum Dienst an der Waffe bewegen und damit zu potenziellem „Kanonenfutter“ machen.

Ein besonderer Tag für den Referenten

Protest am Kircheneingang

Begleitet wurde der Vortragsabend von einer stillen Einzelaktion: Paul-Ernst Cohen aus Ruttebüll (Rudbøl) stellte sich als Sensenmann verkleidet neben die Brorson-Büste vor dem Kircheneingang. Auf seinem Schild stand: „Friedensfähig statt kriegstüchtig“.

Den zweiten Teil seiner Protestaktion konnten die Kirchgängerinnen und Kirchgänger am Sonntag, 16. November, beim deutschen Gottesdienst zum Volkstrauertag sehen.

Das Datum seines Besuchs war für Bräuer selbst bedeutsam: Am 12. November 1955 wurde die Bundeswehr gegründet, genau 70 Jahre vor dem Abend in Tondern. Dennoch habe es lange gedauert, bis es überhaupt eine zentrale Gedenkstätte für im Dienst verstorbene Angehörige der Bundeswehr gab.

Erst 2009 wurde in Berlin der Bendler-Block eingeweiht – ein 32 Meter langes und zehn Meter hohes Ehrenmal aus Stahlbeton und Bronze, unweit des Verteidigungsministeriums. Obwohl mitten in Berlin gelegen, sei es, wie Bräuer betonte, nicht so präsent im Stadtbild wie das sowjetische Ehrenmal im Treptower Park oder das Holocaust-Mahnmal in Berlin-Mitte. „Dort wird allen militärischen und zivilen Angehörigen der Bundeswehr gedacht, die infolge ihrer Pflichterfüllung ihr Leben verloren haben“, sagte er.

Fast 3.400 Menschen sind seit 1955 im Dienst ums Leben gekommen – bei Einsätzen, Unfällen oder Übungen. Ihre Namen erscheinen im Ehrenmal auf einem fortlaufenden Lichtband.

An einer Skizze erläutert Jugendoffizier Robin Bräuer, wie es sein kann, dass unter 500 Jahre alten Häusern noch heute Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden werden.

Der Wald der Erinnerung: Persönliche Nähe 

Noch eindrucksvoller als das Berliner Ehrenmal ist für Bräuer jedoch der Wald der Erinnerung in Potsdam, der 2014 eingeweiht wurde. Angehörige können sich dort einen Baum auswählen, der mit einer Plakette und einem QR-Code versehen ist. Dieser führt zu den Geschichten der Verstorbenen.

„Wenn an so einem Baum Kinderzeichnungen hängen, auf denen steht: Papa, du fehlst – das berührt. Und zwar sehr“, sagte Bräuer.

Robin Bräuer steckte bei der Hinfahrt aus Hamburg eine Stunde lang in einem Stau fest, weshalb der Vortrag mit Verspätung los ging. Die Wartezeit lohnte sich jedoch.

Der 30-Jährige erzählte auch von seinem eigenen Weg: Mit 17 Jahren trat er als Offiziersanwärter in die Luftwaffe ein – die Unterschrift seiner Eltern war als Minderjähriger noch nötig. Er studierte Alte Geschichte an der Helmut-Schmidt-Universität (Schwerpunkt: Römisches Reich) und später Kriegsgeschichte in Glasgow. „In Deutschland gibt es den Studiengang gar nicht. Dort kann man das Fach Friedensgeschichte studieren“, sagte er. Das sei ein Beispiel dafür, wie andere Nationen und Völker mit ihrer militärischen Vergangenheit umgehen.

Volkstrauertag: Solidarität statt Heldenpathos

Pastorin Dorothea Lindow erinnerte in ihrer Predigt beim Gottesdienst zum Volkstrauertag am 16. November daran, dass der Volkstrauertag heute kein Heldengedenktag mehr sei, sondern ein Tag der Solidarität mit Trauernden. „An dem Tag kommt zum öffentlichen Gedenken das persönliche Gedenken dazu“, sagte sie.

Ihre Predigt nahm Ausgangspunkt in der biblischen Figur Hiob, der trotz Verlusten und Schmerz an seinem Glauben festhielt.

Schreckliche Nachrichten werden auch heute noch als Hiobsbotschaften bezeichnet. Eine solche erhielten Karl und Käthe Kollwitz im Jahr 1914. Ihr 18-jähriger Sohn Peter hatte sich kurz zuvor freiwillig als Soldat im Ersten Weltkrieg gemeldet.

Der Vater war dagegen, doch die Mutter Käthe gab dem minderjährigen Sohn die gewünschte Unterschrift. Fatal. Denn nur wenig später erhielten die Eltern die Nachricht, dass ihr Sohn in den ersten Kriegstagen in Westflandern gefallen sei. Für die Gedenkstätte im belgischen Roggeveld schuf die Künstlerin das Skulpturenpaar „Trauernde Eltern“. 

Pastorin Dorothea Lindow las außer dem offiziellen Gedenktext zum Volkstrauertag 2025 von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auch drei sehr unterschiedliche Texte aus dem Jahr 1943 vor.

Pastorin Lindow erinnerte in ihrer Predigt auch an den 21-jährigen Sergej Motz. Seine Eltern erhielten im April 2009 die Hiobsbotschaft, dass der Sohn bei einem im Einsatz der deutschen Bundeswehr in Afghanistan in einen Hinterhalt der Taliban geraten und schwer verwundet worden und  am darauffolgenden Tag seinen Verletzung erlegen war. Der Spätaussiedler Sergej, der mit seinen Eltern aus Kasachstan Ende der 1990er-Jahre nach Deutschland kam, war zwar nicht der erste Tote, den die Bundeswehr zu beklagen hatte, aber er war der erste im Dienst gefallene Soldat der Bundeswehr.

Die Geschichte eines schwierigen Gedenktags

Lindow erinnerte an die wechselvolle Geschichte des Volkstrauertags: 1919 vorgeschlagen, 1922 erstmals begangen, im Nationalsozialismus zum „Heldengedenktag“ pervertiert und nach 1945 jahrelang umstritten. Erst in den 1950er-Jahren fand man ein neues Verständnis und ein neues Datum: den vorletzten Sonntag vor dem ersten Advent. Seitdem gilt das Gedenken allen Opfern von Krieg, Gewalt und Verfolgung, nicht nur Soldaten.

Kranzniederlegung und Texte aus dem „Echolot“

Auf dem Friedhof wurde zunächst der Kranz der deutschen Botschaft in Kopenhagen am Gräberfeld niedergelegt, in dem 87 Soldaten und 56 Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs ruhen. Lindow verlas das offizielle Totengedenken von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Neu aufgenommen hat der Präsident die Opfer von Gewalt gegen geschlechtliche und sexuelle Identität sowie Polizistinnen und Polizisten, die im Dienst starben.

Aus Walter Kempowskis großem Dokumentationsprojekt „Das Echolot“ las Pastorin Lindow Texte dreier sehr unterschiedlicher Stimmen aus dem Jahr 1943: des Widerstandskämpfers Willi Graf (Mitglied der „Weißen Rose“), des kommunistischen Widerstandskämpfers Wilhelm Thews, der 1943 in Plötzensee hingerichtet wurde, und des nationalsozialistischen Reichsinnenministers Heinrich Himmler, einer der Hauptverantwortlichen für die systematischen Verbrechen des NS-Regimes.

Bewusst stellte sie den Text von Wilhelm Thews ans Ende. Obwohl er seinen „letzten Willen“ kurz vor seiner Hinrichtung schrieb, waren seine Worte voller Hoffnung für die Nachwelt – ein starkes Gegengewicht zu Himmlers zuvor gehörten menschenverachtenden Anordnungen.

„In der Uniform steckt ein Mensch“

Der Kranz der deutschen Botschaft in Kopenhagen

Am Denkmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs las Lindow Kondolenzbriefe an eine Mutter eines gefallenen Soldaten. Dadurch wurde spürbar: In der Uniform steckt ein Mensch, mit Talenten, mit Gefühlen, Stärken und Schwächen – keine „Killermaschine“.

Am Denkmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs trug sie Warn- und Protestgedichte von Erich Fried und Kurt Tucholsky vor. Spätestens da schien auch Paul-Ernst Cohen überzeugt: Der Volkstrauertag, wie er in Tondern begangen wird, ist ein Tag des Friedens, der solidarischen Trauer – und der Versöhnung.