Wort zum Sonntag

„Wie hast du's mit der Religion?“

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Das Wort zum Sonntag, 18. Mai 2025, von Pastorin Dorothea Lindow aus der Gemeinde Tondern.

Die Gretchenfrage im Faust fordert ein Bekenntnis. Wie hast du's mit der Religion?

Heutzutage darf man diese Frage nicht mehr stellen. In diese Richtung argumentiert zumindest der Neurowissenschaftler Raphael Bonelli in seinem aktuellen Buch Tabu „Was wir nicht denken dürfen und warum“. (Wien 2025)

Er analysiert die Tabus unserer Gesellschaft. Ein Tabu ist etwas, was unantastbar ist. Dabei unterscheidet sich ein Tabu von einem einfachen Verbot. Ein Tabu weist auf etwas Besonderes hin, entweder etwas Heiliges, Reines, Besonderes oder, ganz im Gegenteil, etwas Falsches, etwas, was man auf jeden Fall meiden sollte. Im jüdischen Glauben zur Zeit Jesu war es beispielsweise ein Tabu, das Allerheiligste im Tempel zu betreten. Das tat man nicht. Das musste nicht diskutiert werden. Das war tabu!

Heute, so behauptet es Bonelli, gibt es neue Tabus. Er analysiert, dass es in unserer Gesellschaft Themen gibt, bei denen das Gefühl entsteht: Das darf man ja (nicht mehr) sagen. Vor allem in Deutschland bezeichnet er als Tabus: die Diskussion um die Abtreibung, aber auch um den Klimawandel und ums Gendern. Das sind aus seiner Sicht Tabus der Gegenwart. Wer da etwas sagt, was nicht dem Mainstream entspricht, der hat es schwer. Er oder sie hat ein Tabu gebrochen.

Ein Tabu soll aber seiner Meinung nach auch das „Gottes-Tabu“ sein. Bonelli beobachtet, dass man nicht mehr über seinen christlichen Glauben sprechen darf. Modern ist es aus seiner Sicht, sich eine auf Wienerisch „Melange-Spiritualität“ (S.108) zuzulegen. Für ihn ist das eine selbstgestrickte Religion, zusammengesetzt aus allem, was guttut, während das Anspruchsvolle, das Herausfordernde des christlichen Glaubens gestrichen wird. Über diese, meine sogenannte Melange-Spiritualität darf ich sprechen, das ist woke, das ist modern.

Aber wer Kirchenmitglied einer christlichen Kirche ist, wer glaubt, dass es Konsequenzen hat, an den christlichen Gott zu glauben, der schweigt, so Bonelli. Man würde ein Tabu brechen, würde man erzählen, was der christliche Glaube einem bedeutet. Und so kommt es, dass unser Glaube immer unsichtbarer wird.

Gleichzeitig fällt uns auf, dass häufig Menschen muslimischen Glaubens ihren Glauben viel selbstverständlicher und öffentlicher leben. Sie scheinen ihren eigenen Glauben nicht tabuisiert zu haben.

Sollte uns das nicht Mut machen? Sollten wir uns nicht viel stärker trauen, unseren Glauben an- und auszusprechen?

Der Glaube an den dreieinigen Gott, an Jesus Christus als Gottes Sohn, der den Tod überwunden hat. Der Glaube an die Rechtfertigung und damit an eine fehlerfreundliche Religion, die Neuanfänge ermöglicht. Der Glaube an einen Gott, der Mensch geworden ist und deshalb alles weiß und kennt, was uns ausmacht. Und das alles schaut Gott nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit Liebe an. Besser geht es doch nicht!

Wenn wir es geschehen lassen, dass unser Glaube tabuisiert wird, dann sind wir auf dem besten Weg, uns selbst abzuschaffen.

Wie hast du's also mit der Religion?

Traut euch, es einander zu erzählen. Es lohnt sich!

Einen gesegneten Sonntag

Dorothea Lindow