Leben in Nordschleswig

Vom „Hackbrett“ zur Computerzeit: Gerda Paulsens halbes Jahrhundert im Dienst des Deichverbands

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Gerda Paulsen an einem windigen Tag an der Wiedau

Als junge Mutter begann Gerda Paulsen 1975 als Sekretärin des Deichverbands und blieb weit über das Rentenalter hinaus. Die Dienstwohnung der alten Schleuse war Arbeitsplatz, Familienheim und Krisenzentrale zugleich. Gerda Paulsen erinnert sich an Evakuierungen, eingeschneite Winter und an eine Ära, die nach 93 Jahren Familiengeschichte nun endet.

„Das Schlimmste ist der Ostwind“, sagt Gerda Paulsen an diesem eiskalten Wintermorgen, als der Wind aus besagter Richtung ums Haus in Hoyer Schleuse pfeift. 

Nachdem sie und ihr Mann Rolf Paulsen fünf Jahrzehnte lang in der Dienstwohnung der alten Schleuse ihr Zuhause hatten, ist dieses Kapitel nun abgeschlossen und sie sind nach Hoyer gezogen.

Dabei hat die langjährige Sekretärin des Deichverbandes weit über das übliche Rentenalter hinaus gearbeitet. 

„Ich darf jetzt auch gerne in den Ruhestand gehen, oder?“, fragt sie mit einem verschmitzten Lächeln, als sie erzählt hat, dass sie 79 Jahre ist.

Es fing mit einer Einladung zum Kaffeetrinken an

Dass sie 50 Jahre lang für den Deichverband als Sekretärin tätig sein würde, hatte sich die 29-jährige Mutter von drei Kindern seinerzeit nicht träumen lassen. Ungewohnt war das Metier nicht für Gerda Paulsen, da sie bereits ihrem Vater Jes Oden geholfen hatte, der Buchhalter und Schleusenmeister war.

„Ich wusste gar nicht, dass mein Vater aufhören wollte“, erinnert sie sich an das „Vorstellungsgespräch“, zu dem sich eine Einladung zum Kaffeetrinken beim damaligen Deichgrafen Thomas Dethlefsen für sie und ihren Mann Rolf entwickelte. 

Während er am 1. Oktober 1975 als Schleusenmeister die Nachfolge seines Schwiegervaters antrat, übernahm Gerda Paulsen die Büroarbeit. Mit Zahlen kannte sie sich aus, da sie in der Sparkasse in Hoyer gelernt hatte und dort bis 1969 tätig war. 

Danach widmete sie sich der Familie und dem Haushalt. „Die Buchhaltung war zwar neu für mich, aber etwas Einblick hatte ich ja schon von meinem Vater“, so Gerda.

Eine Dienstwohnung mit viel Platz

Gerda Paulsen kennt sich nach 50 Jahren mit der Wiedau und der alten Schleuse in direkter Nachbarschaft mit dem Wetter aus.

Ende September 1975 zog die fünfköpfige Familie in das Schleusenhaus ein, wo sie auf drei Stockwerken 270 Quadratmeter Platz hatte, und dann gab es auch noch einen Dachboden. 

„Ich fing damals mit einem ‚Hackbrett' von einer Schreibmaschine ohne Elektrik und einer Rechenmaschine an. Irgendwann später erhielt ich dann eine elektrische Reiseschreibmaschine.“

Die kleinen Pforten der Schleuse seien automatisch zugegangen, da sie vom Wasser gesteuert worden seien. Wenn das der Fall war, ertönte jedes Mal ein Klingelzeichen im Haus. „Das war schön“, sagt Gerda Paulsen lachend.

Die großen Tore mussten bei Sturmflut dagegen manuell zugedreht werden.

Von der Handschrift ins digitale Zeitalter

In früheren Jahren sei ihre Tätigkeit unter anderem mit den verschiedenen handgeschriebenen Listen weit umfassender gewesen. Zu ihren Aufgaben gehörten unter anderem die Lohnauszahlungen für die Koogsinspekteure und die zwei fest angestellten Mitarbeiter, die für den Betrieb der Pump- und Schöpfwerke in den Kögen zuständig sind.

„Früher war viel mehr Arbeit“, denkt sie an die Zeit ohne Computer. Damals musste sie zum Beispiel auch Berichtigungen in den Koogsbüchern vornehmen. Und auch bei Flurbereinigungen war sie für den Schriftverkehr zuständig.

Das Kräftemessen mit der Natur

Das mehrstöckige Haus an der alten Schleuse hatte sehr viel Platz.

Lange Zeit zum Eingewöhnen gab es für die Paulsens damals nicht. „Wir hatten ja das große  ‚Glück', dass wir gleich zwei Sturmfluten hatten“, formuliert sie es mit einem ironischen Unterton. 

Unten im Haus war ein Raum als Kommandozentrale vorgesehen. Dort traf sich am 3. Januar 1976 das damalige Krisenmanagement mit ihrem Mann Rolf Paulsen, dem Polizeimeister Erik Bøving und dem Deichgrafen Thomas Dethlefsen. 

„Ich wurde mit den Kindern, die damals neun, vier und zwei Jahre alt waren, evakuiert. Das war nicht schön“, lässt Gerda Paulsen die Gedanken zurückgehen. Als sie aus dem Haus kamen, konnten sie wegen der dunklen Witterung nicht sehen, wie hoch das Wasser stand. 

Die Nacht wurde in der Schule verbracht

Sie erinnert sich, dass sie für die Kinder Decken mitgenommen hatte, die bei der Übernachtung in der dänischen Schule in Hoyer genutzt wurden. 

„In der Schule spielten die Älteren Skat. Wir wussten damals gar nicht richtig, was passierte, da wir es nicht vorher erlebt hatten. Die letzte Sturmflut war 1923.“

Der ganze Koog und auch die Bewohnerschaft in Ruttebüll (Rudbøl) seien evakuiert gewesen. „Wir wussten außerdem nicht, was uns zu Hause erwarten würde“, erinnert sich Gerda Paulsen.

Hochrangiger Besuch an der Schleuse

Nach der Sturmflut habe es hohen Besuch durch den damaligen Staatsminister Anker Jørgensen und weiteren Persönlichkeiten gegeben. Nachfolgend wurde der Bau des vorgeschobenen Deiches zwischen Emmerleff-Kliff und dem Hindenburgdamm mit der neuen Wiedauschleuse beschlossen.

Indes ließ die nächste Sturmflut nicht lange auf sich warten. Sie folgte bereits am 22. Januar. 

„Sie war nicht ganz so schlimm und wir waren besser vorbereitet. Wir hatten aber trotzdem Treibsel im Flur, das mit den Wellen hochgespült worden war. Damals gab es hier am Haus noch nicht den Vorbau“, erklärt Gerda Paulsen in ihrem bisherigen Büro.

Mit Blick auf die Wiedau

Gerda Paulsen in ihrem Büro, wo sie fünf Jahrzehnte lang gearbeitet hat.

Von dort hatte sie stets einen guten Ausblick auf die Wiedau und später auch auf den vorgeschobenen Deich. 

„Als ich an einem Tag 1981 im Kontor saß, konnte ich sehen, wie die Wellen draußen über den neuen Deich geschwappt sind. Das war ein merkwürdiges Gefühl“, so Gerda Paulsen. 

Anfangs war von 9 bis 12 Uhr Bürozeit, welche gut mit dem Alltag der Kinder harmonierte. „Später habe ich um 7 Uhr angefangen. Ich fand es schön, dass ich um 10 Uhr fertig war.“ 

Einen langen Weg zur Arbeit hatte sie nicht und auch Treppen galt es in dem mehrstöckigen Haus nicht zu steigen. „Ich musste von der Küche nur drei Türen weiter“. An der dortigen Tür ist noch ein winziges Schildchen mit „Kontor“ zu sehen. Das selbstständige Arbeiten habe ihr immer gut gefallen.

Und während der Winter anno 2026 sich bemerkbar macht, erinnert sich Gerda Paulsen daran, dass die Familie 1978 eingeschneit war. Sie mussten damals zu Fuß nach Hoyer und die Kinder konnten nicht in die Schule.

Die Schulkinder von damals – Lars, Helle und Antje – haben ihre Eltern bei dem Umzug von 270 auf 120 Quadratmeter sehr tatkräftig unterstützt. Wehmut mischt bei ihr jetzt nicht mit, dass das Kapitel nach fünf Jahrzehnten zu Ende ist.

Früh und spät draußen in der Natur

Gerda Paulsen hat nun die Tür zu ihrem Kontor geschlossen.

„Wir haben alle Jahreszeiten genossen. Ich bin auch abends oft herausgegangen, bloß um zu gucken“. Unzählig sind die Aufnahmen im Morgen- oder Abendrot an der Wiedau, die Gerda Paulsen im Laufe der Jahre gemacht hat. 

Die Ära der Familie Oden/Paulsen im Dienst des Deichverbands währte 93 Jahre. Während Jes Oden 43 Jahre als Buchhalter und Schleusenwart tätig war, brachte es seine Tochter auf 50 Jahre.

Gerda Paulsens Aufgaben wandern Richtung Mittelrücken und werden vom Landwirtschaftlichen Hauptverein für Nordschleswig (LHN) übernommen. 

„Wir sind noch einmal davongekommen“ - 50 Jahre Sturmflut an der Westküste

Der Deichverband und die Deichgrafen

• Der Deichverband ist für den Betrieb und die Instandhaltung der Deiche und Ent- und Bewässerungsanlagen in den äußeren und inneren Kögen der Tonder ner Marsch (etwa 10.000 Hektar) zuständig. 
• Es gibt neun Köge und Koogsinspektoren
• Für jeden Koog wird für die Dauer von vier Jahren ein Vorstand gewählt an deren Spitze der Kogsinspektor steht.
•  Vorsitzender des Deichverbands ist der Deichgraf

Folgende Deichgrafe gab es in der Dienstzeit von Gerda Paulsen:
• Thomas Dethlefsen
• Hans Iversen
• Hans Sönnichsen
• Mathias Jepsen
• Fedder Feddersen
• Friedrich Hindrichsen