Anneli und Jürgen Lorenzen haben gezeigt, dass es auch von ihrer nordschleswigschen Heimat aus möglich ist, ein international anerkanntes Unternehmen aufzubauen.Foto: Anke Haagensen
In die Firma am Papegøjevej fährt Jürgen Lorenzen heute nur noch selten. Gemeinsam mit seiner Frau Anneli blickt der Unternehmer aus Tondern auf ein bewegtes Berufs- und Familienleben zurück – geprägt von Mut, Rückschlägen, Zusammenhalt und einem Unternehmen, das sie sich buchstäblich selbst erarbeitet haben.
Jürgen Lorenzen hat schon vor zwei Jahren die Leitung des Unternehmens PTI Europa A/S in die Hände seines Sohnes übergeben, obwohl er erst im Mai seinen 67. Geburtstag feiern kann und damit offiziell Rentner wird. Er kommt eigentlich nur noch in die Firma am Papegøjevej – direkt am Festivalplatz – wenn seine Hilfe gefragt ist.
Er hat in den vergangenen zwei Jahren schon festgestellt, dass es ihm im Ruhestand nicht langweilig wird. Er hat selbst viele Interessen, denen er sich gerne widmet. „Darüber hinaus sorgt Anneli mit ihren Ideen auch dafür, dass wir eigentlich immer etwas vorhaben“, foppt Jürgen Lorenzen seine Frau. Sie reagiert prompt mit gespielter Entrüstung. Beide lachen.
Die Liebe begann an der LAS
Seit der 2. Real in der Ludwig-Andresen-Schule sind die beiden ein Paar. Anneli Lorenzen arbeitet auch nicht mehr Vollzeit, aber ist noch immer auf der Gehaltsliste des Unternehmens – als Personalleiterin. Im Dezember vollendet sie ihr 67. Lebensjahr. Aber eigentlich ist sie noch nicht bereit für die Rente, wie sie selbst sagt. Demnächst wird aber auch ihre jüngste Tochter mit ihrem Lebensgefährten und dem gerade erst geborenen Sohn von Aarhus zurück nach Nordschleswig ziehen – genauer nach Hadersleben (Haderslev), wo bereits zwei ihrer Geschwister wohnen. „Louise ist so ein Familienmensch“, freut sich Oma Anneli, demnächst alle Kinder und Enkelkinder wieder in unmittelbarer Nähe um sich zu haben. Nicht nur Louise scheint ein Familienmensch zu sein.
Ein Auge auf das Mädchen mit den damals langen dunklen Haaren hatte Jürgen Lorenzen schon geworfen, bevor sie in der 1. Real in eine Klasse kamen.
Er kam aus Hoyer (Højer) nach Tondern. „Wir kannten uns eigentlich auch schon vom Handball“, erinnert er sich. Doch bei einem Karnevalsfest in der Tonderner Schweizerhalle, zu dem die damaligen Siebtklässler aus Hoyer auch eingeladen waren, hatte sie ihn bereits verzückt. „Du warst als Hawaiianerin verkleidet und erhieltst den Preis für das beste Kostüm“, erinnert sich Jürgen Lorenzen. „Was? Daran erinnerst du dich noch? – Du bist mir da allerdings noch nicht aufgefallen. Als was gingst du denn zum Karneval?“, fragt sie ihn. „Ich war als Frau verkleidet. Vielleicht hast du mich deshalb nicht beachtet“, vermutet Jürgen Lorenzen; die beiden lachen herzlich.
Nach den Sommerferien kamen sie in dieselbe Klasse, gefunkt hat es dann im folgenden Schuljahr – „bei einer Geburtstagsfeier von Inge Petersen“, erinnert sich Anneli noch sehr gut.
Das Kleine Latinum – der Liebe wegen
Sie ergänzen sich privat und beruflich: die gebürtige Tonderanerin Anneli und der aus Hoyer stammende Jürgen.Foto: Anke Haagensen
Für Jürgen stand schon früh fest: Er wollte ans Technikum nach Sonderburg (Sønderborg), um dort Ingenieurswesen zu studieren. Sein Vater war eigentlich Prokurist bei dem Hoyeraner Unternehmen Ohlsen und Co., war aber ein begeisterter Tüftler, konstruierte zunächst in seiner Freizeit technische Lösungen für das Unternehmen und baute schließlich eine bestens ausgerüstete Werkstatt im eigenen Gemüsegarten. Neben seinem Prokuristenjob bei Ohlsen und Co. machte er sich mit einem kleinen Unternehmen selbstständig. „Ich bin mit einer Werkstatt im Garten und dem Erfindergeist meines Vaters groß geworden“, erklärt er seine heutige Affinität zu allem Technischen.
Obwohl seine älteren Geschwister ihm heute noch vorwerfen, ein verzogener Nachzügler gewesen zu sein, ist Jürgen Lorenzen selbst der Meinung, dass er eine konsequente Erziehung genossen hat. Nicht wirklich streng, aber eine Maxime im Hause Lorenzen lautete: „Ohne Fleiß kein Preis“.
Während für Jürgen Lorenzen schon recht früh klar war, dass er Ingenieurswesen studieren und deshalb nach der 3. Real nach Apenrade ins Deutsche Gymnasium für Nordschleswig wechseln wollte, war Anneli nicht ganz so entschlossen. Ein Berufspraktikum in der Bank hatte ihr jedoch so viel Spaß gemacht, dass sie eigentlich nach dem Realexamen an die Handelsschule wechseln wollte. Doch die Aussicht, auf ihren „Jockel“ und ihre anderen Freundinnen und Freunde zu verzichten, die sich fast alle fürs DGN entschieden hatten, führten dazu, dass sie umdisponierte, auch wenn es bedeutete, dass sie auf die Schnelle das Kleine Latinum nachholen musste, um die Zulassung fürs Gymnasium zu erhalten. Auch sie wollte nun nach Apenrade, Abitur machen – wie „ihr“ Jürgen. Das Realexamen hatten sie 1976 in der Tasche. Danach ging es gemeinsam ans DGN.
Drei Jahre später ging Jürgen ans Technikum nach Sonderburg, und Anneli entschied sich für die Ausbildung als Medizinische Fachangestellte. So konnten sie zusammen in die Alsenmetropole umziehen.
Ein verlockendes Angebot
Noch während seines Studiums bekam Jürgen ein Angebot. Ein großes deutsches Wälzlagerunternehmen suchte gezielt am Technikum in Sonderburg nach einem Mitarbeiter für eine damals neu ins Leben gerufene Niederlassung in Aarhus. Bei einem Praktikum hatte er schon viel mit Kugellagern gearbeitet. „Der Gedanke des Unternehmens, dass man im deutsch-dänischen Grenzland wohl am ehesten jemanden findet, der beide Sprachen beherrscht, war nicht ganz falsch“, findet Jürgen Lorenzen und lacht. Die Stelle war dem jungen Mann aus der deutschen Minderheit nahezu auf den Leib geschneidert. Er bewarb sich und bekam sie. Gleich nach dem Abschluss 1983 war Dienstantritt.
Das bedeutete aber, dass er nach Aarhus umziehen musste. Anneli folgte ihm auch diesmal. „Die erste Zeit war für mich schwierig, doch als ein befreundetes Paar ebenfalls nach Aarhus zog, fühlte ich mich nicht mehr so einsam“, gesteht sie.
Herausgefordert war sie allerdings, als ihr Jürgen im Zuge seiner firmeninternen Ausbildung für zwei Jahre ins unterfränkische Schweinfurt sollte. Natürlich wollte sie ihn auch diesmal begleiten. Die gesamte Planung kam jedoch im Vorfeld ins Schleudern, weil sich ein Baby ankündigte. „Wir mussten deshalb vorher noch schnell heiraten“, so Anneli herzlich lachend. Die eigenen Eltern hielten das für unbedingt notwendig. Allerdings wäre eine „wilde Ehe“ von zwei jungen Menschen noch – dazu mit Kind – sicherlich auch in Unterfranken nicht gut angekommen.
Sohn Carsten ist heute 42 Jahre alt und leitet das Unternehmen. Im Laufe der Jahre wurde die Familie um die Kinder Kerstin, Stefan und Louise erweitert.
Handball gegen das Heimweh
Die Lorenzens haben den Hauptsitz ihres Unternehmens vor einigen Jahren an den Papegøjevej in Tondern verlegt – in unmittelbarer Nähe des Festivalplatzes.Foto: Anke Haagensen
Während Jürgen voll mit seiner Ausbildung beschäftigt war, fühlte sich Anneli, die an die Wohnung und das Kind gebunden war, oft einsam. Heimweh kam auf. Die Rettung war der Handball. Den Sport hatte sie schon bei der SG West in Tondern und der Turnerschaft Sonderburg betrieben. Sie schloss sich einem Schweinfurter Sportverein an, wurde nett in der Mannschaft aufgenommen und baute einen eigenen Freundes- und Bekanntenkreis auf.
Nach dem zweijährigen Abenteuer in Schweinfurt kehrten die Lorenzens zunächst nach Aarhus zurück, wo Jürgen in der Dänemark-Filiale des Unternehmens eine zentrale Position einnahm. Vor allem die damals aufkommende Windenergiebranche beanspruchte gern seine Dienste als beratender Ingenieur.
Eigentlich gefiel ihm der Job, aber dann erhielt er ein verlockendes Angebot eines Konkurrenzunternehmens. Es war zwar kleiner, aber flexibler und konnte auf spezielle Kundenwünsche schnell reagieren. 1990 wechselte er den Arbeitgeber.
Ein Konkurs verlangte schnelles Handeln
Dass das Unternehmen HFH Finkenrath von einem Menschen geführt wurde, der sich später als Betrüger herausstellen sollte, ahnten die Lorenzens damals noch nicht. Zunächst lief alles wie am Schnürchen.
Jürgen Lorenzen erhielt den Auftrag, eine Niederlassung in Dänemark für den skandinavischen Markt aufzubauen. „Der Unternehmer war zwar davon ausgegangen, dass wir einen Standort im Raum Kopenhagen wählen. Wir aber wollten beide gern zurück nach Nordschleswig und hatten uns die alte dänische Schule in Norderseiersleff gekauft“, erzählt Jürgen Lorenzen. Die Familie war inzwischen um zwei weitere Kinder – Kerstin und Stefan – gewachsen, und Anneli stieg als Bürokraft in das Unternehmen ein.
Als der Firmenchef den günstigen Kaufpreis hörte, war er recht schnell überzeugt. Es war in der Folgezeit kein Problem, notwendige Anbauten und weitere Immobilienankäufe in der Umgebung zu tätigen. Die Zahl der Mitarbeitenden wuchs in dieser Zeit immer weiter.
Es ging sogar ziemlich steil bergauf. Durch seine guten Kontakte in der Branche und durch das qualitativ sehr gute Produkt hatte Jürgen Lorenzen schnell einen ständig wachsenden Kundenstamm geschaffen.
Schon nach anderthalb Jahren hatte HFH Danmark die Gewinnschwelle erreicht.
Alles wäre perfekt gewesen, wenn dem Firmenchef der Muttergesellschaft der Erfolg nicht zu Kopf gestiegen wäre.
Er bewegte sich in illustren Kreisen, war einer der Großsponsoren des Fußballbundesligisten Borussia Dortmund und war sogar zur Hochzeit des damaligen Bundesfinanzministers Theo Waigel mit der ehemaligen Skirennläuferin Irene Epple eingeladen. Wenige Tage vor diesem gesellschaftlichen Großereignis wurde er jedoch festgenommen. Das war am 8. Dezember 1994. An das Datum erinnern sich Anneli und Jürgen Lorenzen noch gut.
Jahrelang hatten die Banken den HFH-Unternehmer zuvor mit gigantischen Darlehen versorgt. Als Sicherheit hatte er auch Abschlüsse mit seiner dänischen Tochtergesellschaft präsentiert. „Der Warenbestand, der der HFH Danmark aufgedrückt wurde, war nur bedingt auf den dänischen Markt zugeschnitten und hatte eigentlich für uns keinen Wert“, erinnert sich Jürgen Lorenzen.
Zum Glück war HFH Danmark nicht von dem Konkurs des Mutterunternehmens betroffen. „Eine halbe Milliarde D-Mark sollen die Gläubiger damals verloren haben. Wir haben vorerst einfach weitergearbeitet“, erzählt Anneli Lorenzen. Wenige Tage später erhielt ihr Mann eine Einladung von einer Münchner Bank. „Das war schon eine Art Tribunal“, erinnert er sich. Um den Verlust so niedrig wie möglich zu halten, boten sie ihm ein Management Buy Out an.
Die Finanzierung war natürlich für ein junges Paar, Mitte 30, mit damals noch drei Kindern (Nesthäkchen Louise kam erst später dazu) nicht gerade einfach zu stemmen.
„So viel Geld hatten wir ja nicht einmal annähernd; wir wandten uns an unsere Bank in Tondern“, erinnert sich Anneli Lorenzen und fügt lachend hinzu: „Ich glaube, unser persönlicher Bankberater kam ganz schön ins Schwitzen!“
Die Lorenzens schalteten auch ihren Anwalt ein, der sich zum Glück sehr gut in internationalem Wirtschaftsrecht auskannte. Wenn der Kauf zu möglichst günstigen Konditionen über die Bühne gehen sollte, war Eile geboten. Noch vor dem Jahreswechsel musste der Vertrag unterschrieben sein, so seine Botschaft. Trotz der Weihnachtsfeiertage klappte der finanziell nicht ganz unriskante Deal.
Gleichzeitig mit der Unternehmensübernahme entschied man sich zu einem Namenswechsel. Aus HFH wurde PTI. PTI Europa A/S gehört Anneli und Jürgen Lorenzen. Es gibt auch ein PTI International mit Sitz in den USA. Dieses Unternehmen ist in den Händen eines gebürtigen Deutschen, den der oberste Firmenchef seinerzeit mit der Leitung seiner US-amerikanischen Niederlassung betraut hatte.
Mitarbeiterbindung ist den Lorenzens wichtig
Die ganze Familie Lorenzen auf einen Streich: Jürgen, Louise, Anneli, Kerstin, Stefan und CarstenFoto: privat
Gemeinsam mit dem US-amerikanischen Schwesterunternehmen konnten die Lorenzens eine neue Lieferkette aufbauen. Die Kugellager werden heute in China produziert, mit derselben Qualität wie zuvor. „Wir können Kugellager und -gehäuse von wenigen Zentimetern bis zu mehreren Metern Größe liefern. Wir haben ein breites Programm, und im Gegensatz zu vielen Konkurrenten haben wir die Größen nicht nur im Programm, sondern auch auf Lager. Das wird von unserer Kundschaft sehr geschätzt“, unterstreicht Jürgen Lorenzen.
Der PTI-Kundschaft gefällt zudem, dass sie dort auch Spezialanfertigungen erhalten können. Was nicht passt – und sei es einfach die Farbe – wird passend gemacht. Entsprechend bringen die Mitarbeitenden auch völlig unterschiedliche Kompetenzen mit.
Dass die Fluktuation im Mitarbeiterstab so niedrig ist, kann wohl auf zwei Dinge zurückgeführt werden: „Jürgen lässt die Leute machen! Er vertraut ihnen. Eigenverantwortliches Arbeiten nennt man das wohl“, lobt Anneli ihren Mann. „Und Anneli sorgt dafür, dass es unseren Mitarbeitenden gut geht. Hier will keiner weg“, fügt er lachend hinzu.
Das Konzept der Lorenzens scheint aufzugehen. Viele Mitarbeitende sind schon 10, 20, 30, 40 oder mehr Jahre dabei und haben die Höhen, aber auch die Tiefen miterlebt.
Ein Brand hätte das Ende sein können
Ein Tiefpunkt, der den Lorenzens fast den Unternehmergeist geraubt hätte, war allerdings ein verheerender Brand im Jahr 2001. Das gesamte Lager wurde ein Raub der Flammen. „Wir mussten feststellen, dass wir hoffnungslos unterversichert waren“, räumt Jürgen Lorenzen einen großen Fehler ein.
Das Unternehmen war ständig und stetig gewachsen, aber die Lorenzens hatten versäumt, die Versicherungssumme entsprechend anzuheben.
Während andere Familien an solch einem finanziellen Desaster womöglich zerbrochen wären, rückten die Lorenzens nur noch näher zusammen. „Wir waren aber noch relativ jung. Wäre es jetzt passiert, wäre ich mir nicht so sicher, dass wir die nötige Kraft für einen Neuanfang gehabt hätten. Denn das war ja irgendwie ein Neuanfang“, betont Jürgen Lorenzen.
Allerdings waren sie zuversichtlich, auch mit weniger Geld auskommen zu können. „In unserer Familie lautete die Maxime immer: ,Man skal sætte tæring efter næring’ – also nicht mehr ausgeben, als man einnehmen kann. Das ist vielleicht altmodisch, aber uns hat das geholfen – privat und beruflich“, sagt Jürgen Lorenzen.
Der Generationswechsel kann kommen
Das Unternehmen ist inzwischen nach Tondern umgezogen, um genügend Lagerkapazitäten haben zu können. Auch die Lorenzens leben jetzt in der Wiedaustadt – am Elisabethvej, wo Anneli seinerzeit aufgewachsen ist.
Obwohl Sohn Carsten nun das Unternehmen leitet, sind Anneli und Jürgen Lorenzen weiterhin Alleineigentümer. Sie besitzen 100 Prozent der Aktien. Ob und wie die insgesamt vier Kinder in den Familienbetrieb einsteigen oder ob die Generation der Enkelkinder irgendwann Interesse für das Unternehmen entwickelt, wird sich noch finden.
„Wir haben im Laufe der Jahre schon ein paar Kaufangebote abgewiesen. Sollten die Kinder aber kein Interesse haben, steht die Option ja dann noch immer offen. Wenn der Betrieb allerdings in andere Hände kommen sollte, dann nur, wenn der Standort gesichert wird“, sagt Jürgen Lorenzen abschließend mit Betonung auf den letzten Satz.