Deutsche Minderheit

Tischtennis-Boom in der Minderheit: Vom Schulprojekt zur Talentschmiede auf Liga-Niveau

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Trainer Christian Flader mit den beiden Sonderburger Tischtennistalenten Tim Skliarevski und Johan Kleinschmidt Salling

Ein Mann, ein Schläger und über 1.100 begeisterte Kinder. Christian Flader hat mit einem außergewöhnlichen Schulprojekt Tischtennis in Nordschleswig neu etabliert. Der Erfolg spricht für sich. Talente aus der deutschen Minderheit gehören nach gerade einmal anderthalb Jahren Training zu den Besten in ganz Dänemark.

Die vergangenen anderthalb Jahre haben gezeigt: In der deutschen Minderheit gibt es viele junge, gute Tischtennisspielerinnen und -spieler. Dass diese den Spaß am Sport entdeckt haben und sich kontinuierlich weiterentwickeln, ist vor allem einem Mann zu verdanken: Christian Flader. Der Teamleiter des Deutschen Jugendverbandes für Nordschleswig (DJN) hat sich Mitte 2024 vorgenommen, den Tischtennissport in der deutschen Minderheit zu etablieren. Mit beachtlichem Erfolg. Mittlerweile spielen rund 150 Kinder und Jugendliche in acht deutschen Vereinen in Nordschleswig Tischtennis (TS Sonderburg, Haderslebener TB, SV Tingleff, SG West – Tondern, DRG Landsport Gravenstein, Pattburger SV, MTV Apenrade und Powerkids Rothenkrug).

Umfassendes Schulprojekt

Dank Christian Flader (l.) hat Tischtennis in Nordschleswig eine immer größere Bedeutung.

Um die Kinder für den Sport zu begeistern und Talente gleichzeitig zu sichten und zu fördern, hat sich Flader ein umfassendes Tischtennis-Projekt für alle deutschen Schulen in Nordschleswig ausgedacht: die „Tischtennis mini-Meister-Tour“.

Bei dieser werden die Schülerinnen und Schüler in zwei Altersstufen eingeteilt: die 0. bis 2. Klassen und die 3. bis 6. Klassen. Insgesamt nehmen in diesem Schuljahr rund 1.100 Kinder teil.

Die Jüngsten (ca. 450 Kinder), die noch kein richtiges Tischtennis spielen können, machen das „Tischtennis-Sportabzeichen“, bei dem sie erste Erfahrungen mit Schläger und Ball sammeln können und insgesamt sechs Stationen durchlaufen. An denen stehen Geschicklichkeits-, Ziel-, Balance-, Platzierungs- und auch Kontrollübungen auf dem Programm, und die Kinder können dann je nach Abschneiden Punkte sammeln. Rund 60 von ihnen qualifizieren sich anschließend für den sogenannten „Tag des Talents“. An diesem wird nicht nur der Umgang mit dem Tischtennisschläger bewertet, sondern vor allem auch Geschicklichkeit, Schnelligkeit und Durchhaltevermögen. 

FSJlerin Melina Krenz unterstützt Christian Flader beim Tischtennistraining in der Minderheit.

Zum Einsatz kommt da etwa der sogenannte heiße Draht, bei dem eine Drahtöse möglichst schnell entlang eines gebogenen Drahtes geführt werden muss, ohne ihn dabei zu berühren. Das Durchhaltevermögen wird geprüft, indem die Kinder an einer Reckstange hängen und so lange wie möglich versuchen müssen, den Kopf über der Stange zu halten. „Das hat zwar nicht direkt etwas mit Tischtennis zu tun, aber in der Übung wird die Willenskraft der Kinder getestet. Wir wollen sehen, wer bereit ist, bis ans äußerste Limit zu gehen. Das ist eine Fähigkeit, die auch fürs Tischtennisspielen eine große Bedeutung hat. Bei Individualsportarten ist es ganz einfach: Wer aufgibt, verliert“, sagt Christian Flader. 

Die 20 besten Kinder bekommen anschließend die Möglichkeit, an einem Vorbereitungslehrgang teilzunehmen und dürfen beim Nordschleswig-Entscheid der mini-Meister-Tour mitspielen.

Zwei Qualifikationsturniere für den Nordschleswig-Entscheid

Für dieses große Tischtennis-Finale haben die Kinder aller deutschen Schulen ab der 3. Klasse (ca. 650) die Möglichkeit, sich in zwei Tischtennisturnieren zu qualifizieren. Zunächst ermittelt jede Schule ihre besten Schülerinnen und Schüler in einem schulinternen Turnier. Diese etwa 250 Kinder spielen dann in einem Endrunden-Qualifikationsturnier die ca. 70 besten Tischtennisspielerinnen- und Tennisspieler jeder Klassenstufe aus, die dann gemeinsam mit den 20 Qualifikantinnen und Qualifikanten vom Tag des Talents beim Nordschleswig-Entscheid um Nordschleswig-Kronen kämpfen.

„Es ist jetzt das zweite Mal, dass wir die mini-Meister-Tour durchführen. Beim ersten Mal haben knapp 700 Kinder teilgenommen, dieses Mal sind es rund 1.100. Es ist wirklich toll zu sehen, wie viel Spaß sie haben und auch wie ehrgeizig sie sind“, sagt Tischtennistrainer Christian Flader.

Es ist wirklich toll zu sehen, wie viel Spaß sie haben und auch wie ehrgeizig sie sind.

Christian Flader

Chance zum Vorbereiten

Allen Qualifizierten für den Nordschleswig-Entscheid bietet der Tischtennistrainer an fünf Terminen an, sich auf das große Finale vorzubereiten. Bereits 45 Kinder haben sich angemeldet. „Ich freue mich sehr, dass das Ganze so gut angenommen wird.“

Wer in der Schule Spaß am Tischtennis hat, hat vielleicht auch Lust, den Sport in seiner Freizeit auszuüben. Aus diesem Grund wird nach jedem Turnier versucht, Kinder und Eltern davon zu überzeugen, in einem der acht deutschen Vereine weiter Tischtennis zu spielen.

Ehrenamtliche und Tische fehlen

„Wenn wir solch ein großes Projekt durchführen, nutzen wir dieses natürlich auch dafür, um Werbung für unsere Vereine zu machen. Es ist toll zu sehen, dass viele so viel Freude am Tischtennis haben, dass sie im Verein weiterspielen wollen. Wir haben schon mehr als 150 Kinder in den acht Vereinen aktiv, das ist eine grandiose Zahl“, so Flader, der aber auch davor warnt, dass der Boom bald ins Stocken geraten könnte. Das liegt zum einen daran, dass es aktuell keine ehrenamtliche Kraft in ganz Nordschleswig gibt, die bereit ist, ein Tischtennistraining zu leiten. 

„Es ist leider sehr schade, dass wir es bisher noch nicht geschafft haben, jemanden zu finden, der uns unterstützt. Ich hoffe, da finden wir in Zukunft noch welche. Wir sind auch gerne bereit, sie auszubilden“, sagt Christian Flader, der aktuell gemeinsam mit der FSJlerin des DJN, Melina Krenz, das Training in allen acht Vereinen leitet und zusätzlich noch seine freien Wochenenden dafür opfert, mit den Kindern auf Turniere zu fahren oder Trainingslehrgänge anzubieten.

Ein weiteres Problem ist die Ausstattung an manchen Schulen. Oft sind entweder nicht ausreichend oder nur veraltete Tischtennistische vorhanden. „Das ist natürlich das Problem bei einer Einzelsportart wie Tischtennis, wenn viele Kinder aktiv sein sollen, wird auch ausreichend Material benötigt, was in diesem Fall mit den Tischen leider sehr teuer ist. Aktuell können wir nirgendwo mit mehr als 12 bis 14 Kindern trainieren.“

Dennoch hat sich in den vergangenen Monaten auch schon etwas getan. Der Förderverein des TS Sonderburg hat zum Beispiel sechs neue Tischtennisplatten gekauft und die alten an die deutsche Schule in Gravenstein (Gråsten) weitergegeben.

Leistungsgruppe Team Nordschleswig

Tim Skliarevski holt Turniersieg um Turniersieg und steht nun kurz davor, sich in seiner Altersklasse mit den besten Tischtennisspielern Dänemarks zu messen.

Wer besonders viel Trainingswillen und Talent mitbringt, hat nicht nur die Möglichkeit, in einem der acht Vereine zu spielen, sondern kann zusätzlich auch noch beim Team Nordschleswig Tischtennis mitmachen. Dort gibt es noch zusätzliche Angebote, die Tischtennisbegeisterte nutzen können. 

Aufgeteilt ist das Team Nordschleswig in drei Gruppen: Die einfachste Mitgliedschaft ist die in Gruppe C. Sie umfasst Einladungen zu Wochenend-Lehrgängen und Feriencamps. Außerdem hat jeder die Möglichkeit, Einzeltrainings zu buchen oder seinen Geburtstag gemeinsam mit Freundinnen und Freunden in der Sporthalle zu feiern.

Wer sich für Gruppe B meldet, erhält zusätzlich zu den Vorteilen aus Gruppe C noch eine Spielerinnen- bzw. Spieler-Lizenz, mit der an offiziellen Turnieren teilgenommen werden kann.

Die Gruppe A ist der sogenannte Top-Kader. Sie richtet sich an Spielerinnen und Spieler, die sich fast ausschließlich auf Tischtennis konzentrieren und nahezu alle angebotenen Trainings- und Wettkampfmöglichkeiten nutzen. Aktuell hat das Team Nordschleswig Tischtennis mit Tim Skliarevski und Johan Kleinschmidt Salling zwei Spieler, die das Talent und den Trainingsfleiß für den Top-Kader haben. Gemeinsam mit zwei Spielern aus Flensburg spielen die beiden Elfjährigen in dieser Saison in der höchsten dänischen U15-Jugendliga, der Drengeliga.

Top-Talente messen sich mit den Besten

Johan ist mittlerweile so gut, dass er auch beim „Jysk Top 12“ antreten darf, einem Turnier, bei dem sich die besten zwölf Spielerinnen und Spieler jeder Altersklasse aus Jütland messen.

Tim ist sogar noch einen Schritt weiter. Er hat bereits so viele Turniererfolge gefeiert, dass er für das Jysk Top 12 zu gut ist und sich nun als Nächstes mit den besten Spielern seines Alters aus ganz Dänemark misst, darunter viele Nationalspieler – und das, obwohl er erst seit anderthalb Jahren Tischtennis spielt. „So eine Entwicklung habe ich noch nicht gesehen. Er hat ein unglaubliches Talent und wird besser und besser. Mit den Spielerinnen und Spielern, die da noch nachkommen, können wir in Sachen Tischtennis in der Minderheit wirklich zuversichtlich in die Zukunft schauen“, sagt Christian Flader.

Insgesamt sind aktuell 25 Spielerinnen und Spieler im Team Nordschleswig Tischtennis gemeldet. Der Tischtennistrainer ist daher voller Hoffnung, dass in der kommenden Saison das Team Nordschleswig ein komplett eigenes Team für den dänischen Spielbetrieb melden kann und nicht mehr auf die Unterstützung aus Flensburg angewiesen sein wird.

Christian Flader ist sich sicher, dass die deutsche Minderheit noch einige weitere große Tischtennistalente hervorbringen kann – vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen verbessern sich weiter und es werden Ehrenamtliche gefunden, die bei den Kindern weiter den Spaß am Tischtennis fördern.