Interreg-Projekt

„Plötzlich waren sie da“ – Deutsche Flüchtlinge in Nordschleswig

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Obwohl seine Mutter eine begeisterte Fotografin war, hat Hans Christian Bock nur ganz wenige Fotodokumente aus den Jahren 1944 und 1945. Viele Dinge war damals knapp – auch Fotofilme.

Wie erlebten die Menschen in Nordschleswig die Ankunft deutscher Flüchtlinge nach 1945? Zeitzeuge Hans Christian Bock erzählt am 3. April in der Zentralbücherei Apenrade von seinen persönlichen Erinnerungen an diese Zeit – von Herausforderungen, Begegnungen und bewegenden Schicksalen.

Am 3. April erwartet die Besucherinnen und Besucher der Deutschen Zentralbücherei Apenrade ein Abend der Erinnerung und Begegnung: Hans Christian Bock aus Apenrade wird ab 19 Uhr über die Ankunft deutscher Flüchtlinge in Nordschleswig nach 1945 berichten.

Als Zeitzeuge teilt er seine persönlichen Erinnerungen an diese bewegte Epoche und gewährt Einblicke in das Leben jener Menschen, die in einer fremden Umgebung, wenn nicht eine neue Heimat, dann jedoch eine sichere Oase suchten, wo man ohne Angst um das eigene Leben und das seiner Liebsten – zumindest für kürzere Zeit – durchschnaufen konnte, bevor man eine neue Bleibe fand.

Der Vortrag ist Teil des deutsch-dänischen Interreg-Projekts „Die Fremden/De Fremmede“, das sich mit den Begegnungen zwischen Geflüchteten und der nordschleswigschen Bevölkerung in der Nachkriegszeit befasst. Im Fokus stehen dabei die Herausforderungen, die sich durch die plötzliche Ankunft vieler Deutscher ergaben – zu einer Zeit, in der die Wunden des Krieges noch frisch waren.

H. C. Bock besitzt nur ein einziges Foto, auf dem er (links) und sein Bruder Carl Jürgen (unten in der Mitte; hockend) mit der Familie Pomian, bestehend aus der Mutter sowie den Kindern Renate, Sigrid und Reinhard und der Hausangestellten Olga (hinten links) zu sehen ist. Und das sogar nur als Fotokopie.

Die fremde Familie

Das Programm der Vortrags- und Gesprächsreihe

Hans Christian Bock, Jahrgang 1940, erlebte diese Zeit als Kind auf dem elterlichen „Marienhof“ in Broacker (Broager). Eines Morgens erwachte er und fand eine fremde Familie im Haus vor: Frau Pomian mit ihren drei Kindern, geflüchtet aus Ostpreußen. „Plötzlich waren sie da“, erinnert sich Bock. Während Erwachsene mit den alltäglichen Herausforderungen des Zusammenlebens rangen, sah Bock in dem gleichaltrigen Reinhard Pomian vor allem eines: einen neuen Spielkameraden.

Wie organisierte sich das Leben in einem Haushalt, in dem so viele Menschen untergebracht waren? – Außer der Familie Pomian saß bei den Mahlzeiten die Hausangestellte namens Olga, deren Eltern bereits 1916 von Ostpreußen nach Broacker gekommen waren, die Oma von Hans Christian Bock und seine Großtante Walburg, deren Wohnung in Hamburg ausgebombt worden war, samt mehreren Bediensteten am großen Küchentisch.

Welche Herausforderungen brachte das Zusammenleben mit sich? Und wie sah der Alltag der Geflüchteten aus, die in einer fremden Umgebung ihr Schicksal meistern mussten? Diesen Fragen wird Hans Christian Bock in seinem Vortrag sicherlich nachgehen.

Besonders bewegend ist auch die Geschichte eines anderen Flüchtlingskindes: Heinz, ein Junge, der auf tragische Weise seine Eltern verlor, von einer völlig fremden Familie auf die weitere Flucht mitgenommen wurde und mit ihnen auf Broackerland landete. Erst später wurde der Junge im Kuhstall des Marienhofs entdeckt. Er hatte sich in einer Futterkrippe ein provisorisches Nachtlager eingerichtet. Statt ihn wegzujagen, nahm die Familie Bock auch diesen Jungen auf.

Interreg-Projekt „Die Fremden“

Projektbeschreibung: Das Interreg-Projekt „Die Fremden“ („De Fremmede“) ist eine grenzüberschreitende Initiative, die das Zusammenleben von Mehr- und Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzgebiet thematisiert.

Beteiligte: Deutsche und dänische Büchereien aus dem deutsch-dänischen Grenzland. Darunter sind kommunale Bibliotheken, Stadtbüchereien sowie die Büchereien der deutschen und der dänischen Minderheit.

Veranstaltungen: Im Jahr 2025 werden rund 22 Veranstaltungen organisiert, davon die Hälfte im Frühjahr, die andere Hälfte im Herbst.

Standorte: Die Veranstaltungen finden in Tondern (Tønder), Apenrade (Aabenraa), Sonderburg (Sønderborg), Schleswig (Slesvig), Flensburg (Flensborg) und Niebüll (Nibøl) statt.

Finanzierung: Das Projekt erhält 380.000 Kronen aus dem Interreg-Topf für Bürgerprojekte.

Ziel: Förderung des interkulturellen Dialogs und Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen den Bevölkerungsgruppen in der Region.

In Vorbereitung auf den Vortrag in der Zentralbücherei hat H. C. Bock ein altes Fotoalbum hervorgeholt, das er lange nicht mehr in den Händen hatte. Die Bilder wecken Erinnerungen.

Bewegender Abend

Viele Jahre später kam es zu einer überraschenden Begegnung: Reinhard Pomian, einst der Flüchtlingsjunge aus Ostpreußen, kehrte als älterer Mann nach Broacker zurück und stand plötzlich auf dem Hofplatz von Carl Jürgen Bock, dem jüngeren Bruder des Referenten. Er war 1944 nur ein Baby gewesen und kannte deshalb die Flüchtlingsfamilie Pomian nur aus Erzählungen.

Der Vortrag verspricht einen bewegenden Abend voller persönlicher Erinnerungen und spannender Einblicke in ein Stück deutsch-dänischer Nachkriegsgeschichte. Im Anschluss steht Hans Christian Bock für Fragen und Gespräche bereit. Die Moderation des Abends übernimmt die Büchereidirektorin Claudia Knauer.

Das war Anfang der 1940er-Jahre der Deutsche Kindergarten Broacker. Fräulein Wernich war die Schwester von Dr. med. Niels Wernich, dem späteren Hauptvorsitzenden des Bundes Deutscher Nordschleswig (BDN). Sie wohnte in einer Wohnung im Gebäude. Die beiden Fenster, auf die Hans Christian Bock zeigt, gehörten zu dieser Wohnung. Bock besuchte den Kindergarten und erinnert sich noch gut daran, dass er mittags als Drei- und Vierjähriger den Weg nach Hause allein bewerkstelligte.

Interessierte sind herzlich eingeladen, sich auf eine Reise in die Vergangenheit zu begeben und mehr über das Schicksal der deutschen Flüchtlinge in Nordschleswig zu erfahren. Der Eintritt kostet 30 Kronen. Anmeldungen bitte per E-Mail an zentral@buecherei.dk.

Mehr zum Thema Nachkriegsflüchtlinge in Nordschleswig gibt es unter www.nordschleswiger.dk/kriegsfluechtlinge.