Deutsche Minderheit

Nordlichter, Orkas, Angelabenteuer: Lasse Schuler hat auf den Lofoten ein neues Zuhause gefunden

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Seit dem Winter 2023 lebt Lasse Schuler aus der deutschen Minderheit in Nordschleswig auf den Lofoten und ist Mitbegründer des Natur- und Tourismusunternehmens „Hooked on Lofoten“.

Wenn er von den Lofoten erzählt, leuchten Lasse Schulers Augen. Für ihn sind die Inseln im Norden Norwegens nicht nur atemberaubende Landschaft, sondern ein Lebensgefühl. Vor zwei Jahren entschied sich der ehemalige Nordschleswiger für ein Leben, das von Staunen, Neugier und Abenteuerlust geprägt ist.

Schnee treibt waagerecht über den Strand, als Lasse Schuler den Reißverschluss seines Neoprenanzugs hochzieht. Das Surfbrett liegt im eisbedeckten Sand. Wenige Minuten später sitzt der 33-Jährige draußen auf dem Wasser, während dicke Flocken auf Neopren und Board fallen. Links und rechts der Bucht ragt die zerklüftete Landschaft der Lofoten in den Winterhimmel.

„Es hört sich kälter an, als es ist“, lacht Lasse am Abend im Telefoninterview, als er sich an diesen Moment erinnert – als sei es das Selbstverständlichste der Welt. „Mit einem dicken Neoprenanzug fühlt man sich wie ein kleiner Seelöwe.“ Zwei, drei Stunden könne man problemlos im Wasser bleiben.

Zurück in Kabelvåg knirscht der Schnee unter seinen Schuhen, als er die Wohnungstür öffnet. Vor ihm liegt das Meer, darüber ein milchiges Winterlicht, das nur für wenige Stunden den Horizont färbt.

Hier surft Lasse Schuler gelegentlich über die Wellen am eisbedeckten Strand der Lofoten.

Wasserratte – auch bei Schnee und Eis

Dass Schnee und Eis ihn nicht davon abhalten, mit dem Surfboard ins kalte Dezember-Wasser zu steigen, überrascht wenig, wenn man Lasse kennt. In der Natur, beim Surfen, Angeln oder Erkunden neuer Orte ist er ganz bei sich. Seine Augen erzählen dann Geschichten – von Lebensfreude, Abenteuerlust, Staunen und Respekt.

„Es gibt viele Momente, in denen ich glücklich bin“, sagt Lasse mit einem für ihn typischen freundlich-verschmitzten Lächeln.

Aufgewachsen ist der Nordschleswiger in Gravenstein (Gråsten). Er besuchte die Förde-Schule, die Deutsche Schule Sonderburg und später das Deutsche Gymnasium für Nordschleswig in Apenrade. Wasser spielte schon früh eine Rolle: Windsurfen, Angeln, draußen sein. Die Natur war schon immer ein Ort, in dem sich Lasse wohlgefühlt hat.

Heute, hoch oben im Norden Norwegens, ist dieses Gefühl noch intensiver geworden. „Hier ist das alles nicht einfach nur Alltag“, sagt der Auswanderer. „Ich mache mir immer wieder bewusst, dass das ein Privileg ist. Auf dem Boot siehst du Orkas direkt neben dir, Seeadler über dir. Jahrhundertealte Fischereikultur prägt die Inseln. Das Wetter ist extremer. Da fühlt man sich klein – und hat Respekt vor dem Hiersein.“

Mit der Angel in der Hand – Lasse Schuler in seinem Element.

Entscheidung und Aufbruch: Raus aus der Großstadt

Dass er im Winter 2023 gemeinsam mit seiner Freundin Kirstine Jensen von Kopenhagen auf die Lofoten zog, war kein spontaner Impuls. Nach seinem Masterstudium in „Environmental Risk“ mit Schwerpunkt Klimaveränderungen wollte er Veränderung. Schon früher hatten die beiden Zeit auf den Lofoten verbracht: im Sommerurlaub, später während der Corona-Zeit auch drei Monate im Winter.

„Beide Erlebnisse haben den Grundstein gelegt“, sagt Lasse. Als sich die Möglichkeit ergab, hier einen Job anzunehmen, zögerten sie nicht lange. „Hätten wir Nein gesagt aus Angst oder Bammel – und später zurückgeschaut –, hätten wir es vermutlich bereut.“ 

Zweifel an der Entscheidung gab es bis heute keine. „Nenn es Fluch oder Segen: Ich treffe Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Zu viel Grübeln wäre hemmend. Ich habe die Grundeinstellung, lieber Möglichkeiten zu sehen, statt mir Sorgen zu machen, was schiefgehen könnte.“

Ein erster Winter, der alles andere als sanft war

Der erste Winter war dennoch eine Prüfung. Die beiden zogen zunächst für drei Monate auf die kleine Insel Gimsøy. Kaum Nachbarn, viel Wind. „Wir lagen abends im Bett und haben gespürt, wie sich die Wände bewegt haben“, erzählt Lasse. Einmal wurden sie eingeschneit, er kam nicht zur Arbeit. „Das war isoliert, taff und extrem – vor allem, wenn man aus Nørrebro kommt, wo der nächste Kiosk vier Meter entfernt ist.“

Heute wohnen sie in Kabelvåg, einer Kleinstadt mit rund 2.300 Menschen, in der Jung und Alt, alteingesessene Fischer, Künstlerinnen und Künstler sowie Musikerinnen und Musiker ihren Alltag miteinander teilen. Es gibt eine Filmhochschule, Cafés, Museen, Kultur. Von der Wohnung mit Blick auf das Meer erreicht Lasse Arbeit, Supermarkt und Sport (Handball und Fußball) zu Fuß.

Dieses klassische Hamsterrad-Gefühl habe ich hier nicht.

Lasse Schuler

Der Winter bleibt dennoch speziell. Im Januar beginnt ihr drittes Jahr. „Die Sonne geht gar nicht auf, aber so langsam haben wir uns an die Dunkelheit im Winterhalbjahr gewöhnt“, sagt er. Die Sonne zeigt nur ein rötliches Licht am Horizont für wenige Stunden. „Dann nutzt man diese Zeit bewusst.“ 

Der Sommer dagegen explodiert förmlich – Mitternachtssonne, Energie, Aktivität. „Das verlängert die Möglichkeiten im Alltag, auch nach der Arbeit noch rauszugehen und aktiv oder sozial zu sein. Es ist faszinierend, das mitzuerleben.“

Glücksmomente statt Hamsterrad

Was das Paar hier hält, ist mehr als Landschaft. Es ist ein Gefühl von Lebendigkeit. „Die Lofoten sind spektakulär“, findet Lasse. Vor allem aber biete das Leben hier unzählige Möglichkeiten.

„Ich glaube, der eigentliche Reiz der Lofoten liegt darin, dass man so viele verschiedene Dinge unternehmen kann“, erklärt er. „So öffnen sich viele neue Türen zu verschiedenen Welten. Das ist es, was die Lofoten für mich so faszinierend macht.“

Besonders wichtig ist ihm, dass der Alltag nicht zur Routine verkommt. „Dieses klassische Hamsterrad-Gefühl habe ich hier nicht.“ Auch, weil seine Freundin und er das Gefühl haben, sich selbst verwirklichen zu können. Gemeinsam teilen sie sich unter anderem eine Werkstatt: Sie macht Kunst, er baut Blinker und Angelsachen. Neues auszuprobieren gehört zum Alltag.

Eine von unzähligen Aktivitäten auf den Lofoten: Lasse Schuler und Kirstine Jensen erkunden die Berge auch im Winter.

„Hooked on Lofoten“

Auf Menschen zuzugehen und schnell Anschluss zu finden, ist Lasse schon immer leichtgefallen. Diese Offenheit und Unbekümmertheit führte schließlich auch zu seinem heutigen zweiten Standbein: Gemeinsam mit zwei Freunden und Freundin Kirstine gründete er vor einem Dreivierteljahr das Unternehmen Hooked on Lofoten.

Als Tour- und Angelguide teilt er hier seine Begeisterung für Natur und nachhaltigen Tourismus. Angeboten werden unter anderem Hochseeangeln, Natur- und Angeltouren vom Land, Schneeschuhwanderungen mit Nordlichtblick, Saunazelt am Meer, Sightseeing – und ab Sommer sogar mehrtägige Survival-Touren. Der Gedanke dahinter: Erlebnisse zu ermöglichen, ohne die Natur zu belasten.

„Ich bin stolz darauf, wie schnell sich das entwickelt“, sagt Lasse. Auch im Winter kommen Gäste. Gefangener Fisch wird direkt zubereitet – teils in der Natur, teils in Kooperation mit einem Restaurant. „Man isst den Fisch, den man selbst gefangen hat. Damit entfällt nicht nur die gesamte Produktionskette, sondern auch der Transport – und das stärkt das Lokale. Das ist nachhaltig und fühlt sich richtig an.“

Lasse und Kapitän Erlend (r.) beim Hochseeangeln – zwischen Orkas, Delfinen, spektakulären Landschaften und dem Genuss von frisch gefangenem Fisch im Anschluss.

Noch arbeitet der 33-Jährige parallel als „Miljøterapeut“ (vergleichbar mit einem Sozialpädagogen) mit Jugendlichen im Autismus-Spektrum. Es ist der Job, der den Umzug auf die Lofoten möglich machte. Doch das Ziel ist klar: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir alle von Hooked on Lofoten leben können.“ Etwas zu tun, das sich nicht wie Arbeit anfühlt, sei ein großes Glück.

Der Reiz der „Schatzsuche“

Bei Hooked on Lofoten ist Lasse unter anderem für die Angeltouren vom Land zuständig. Er führt Gäste zu Seen, Flüssen und Küstenstellen, zeigt Techniken, erklärt Köder und bereitet den gefangenen Fisch gemeinsam mit ihnen in der Natur zu.

Für den Tourguide selbst geht es beim Angeln längst nicht nur um den Biss. „Das war vielleicht am Anfang spannend“, sagt er. Heute reizt ihn vor allem das Erlebnis in der Natur. „Ich habe ein Glücksgefühl, wenn ich einen guten Angelspot oder einen schönen Ort entdecke – weil ich Karten gelesen, Gespräche geführt oder eine Vermutung hatte, dass hier ein bestimmter Fisch zu finden ist.“

Mir geht es um das Entdecken – wie bei einer Schatzsuche.

Lasse Schuler

Wenn dann tatsächlich ein Fisch an seinem selbstgebastelten Blinker oder Wobbler anbeißt, sei das ein besonderes Erfolgserlebnis. „Aber ob am Ende ein Fisch anbeißt, ist für mich trotzdem zweitrangig. Mir geht es um das Entdecken – wie bei einer Schatzsuche.“

Wie eine Makrele im richtigen Element

An seinem Körper trägt Lasse ein bunt schillerndes Tattoo seines Lieblingsfisches – der Makrele. Die Skizze dafür hat seine Schwester Swaantje gemalt. „Die Makrele ist ein Powerfisch“, sagt er. Im Wasser leuchtet sie, ist kraftvoll. Außerhalb verliert sie Farbe und Energie. „Das ist für mich eine Erinnerung, meinem Bauchgefühl zu folgen und in meinen Elementen zu bleiben.“ Und jedes Mal, wenn er das Tattoo sieht, denkt er an seine Schwester – und lächelt.

Ob die Lofoten ein Zuhause fürs Leben sind? Lasse plant nicht in Jahrzehnten. „Ich würde niemals nie sagen.“ Vielleicht führt der Weg eines Tages zurück nach Dänemark oder Nordschleswig, wegen Familie, Job oder weil sich das Gefühl ändert. Doch solange das Bauchgefühl Ja sagt, bleibt er – zwischen Fjorden, Bergen und einem Alltag, der ihn immer wieder staunen lässt.

Das Makrelen-Tattoo erinnert Lasse Schuler daran, sich selbst treu zu bleiben und seinem Bauchgefühl zu folgen.