Suizid

Nis-Edwin List-Petersen: Meine Schwester Gebbe hat 26 Jahre geschenkt bekommen

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Gebbe und Nis-Edwin List-Petersen auf Gran Canaria

Vielen Menschen war Gebbe List-Petersen als lebensfrohe Künstlerin bekannt. Ihr Bruder erzählt dem „Nordschleswiger“ von ihrer anderen Seite: dem bipolaren Leiden, das sie in tiefe Depressionen fallen ließ. Er wünscht sich, dass offener über Suizid und die Ursachen dafür gesprochen wird.

Nis-Edwin List-Petersens Stimme ist ruhig. Er scheint gefasst, als er über das letzte Telefonat mit seiner Schwester Gebbe am 19. Februar 2024 berichtet. Wie so oft zuvor konnte er ihr anhören, dass es ihr nicht gut ging, sie sich auf dem Weg in eine depressive Phase befand.

Telefonseelsorge:

Dieser Text beschäftigt sich mit Suizid. Wenn es dir nicht gut geht oder du daran denkst, dir das Leben zu nehmen, versuche, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen du dich melden kannst.

Die dänische Telefonseelsorge „Livslinien“ ist anonym und täglich zwischen 11 und 5 Uhr unter 70 201 201 erreichbar. Der Chatservice hat wochentags von 17 bis 21 Uhr, am Wochenende von 13 bis 17 Uhr geöffnet.

Die deutsche Telefonseelsorge ist ebenfalls anonym und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind (+49) (0) 800 111 0 111 und (+49) (0) 800/111 0 222.

Er sprach lange mit ihr. Sie versicherte ihm, dass sie ihre Medizin nehmen würde und eine Ärztin aufgesucht hatte. Nis-Edwin befand sich zu diesem Zeitpunkt in seiner Ferienwohnung auf Gran Canaria. Nach dem Gespräch fühlte er sich halbwegs beruhigt. Gebbe hatte zuletzt vor 26 Jahren versucht, sich das Leben zu nehmen.  

„Ich habe selbstverständlich überlegt, zurückzufliegen. Das hätte ich auch gemacht, wenn ich den Verdacht gehabt hätte, dass sie wieder versuchen würde, aus dem Leben zu scheiden“, sagt er. 

Zwei Tage später, am 21. Februar, nahm sich Gebbe List-Petersen das Leben. Sie ging bei Hoyer (Højer) ins Meer. 

Fünf Wochen danach wurde sie an der nordjütischen Westküste gefunden: eine große Erleichterung für die Familie.

List-Petersen wünscht offenen Umgang mit bipolarem Leiden

Von Anfang an ist ihr Bruder offen damit umgegangen, dass es ein Suizid war. In einer kleinen Gemeinschaft wie der Minderheit, wolle er keine „merkwürdigen Botschaften“ aufkommen lassen. 

Vor allem ist es ihm jedoch ein Anliegen, dass offen über das Thema Suizid und die häufig damit verbundenen psychischen Leiden gesprochen wird. Gebbe entwickelte in ihren Wechseljahren ein bipolares Leiden, das früher als manisch-depressive Erkrankung bekannt war. 

Es ist letztendlich Gebbes Entscheidung gewesen. Und da muss ich auch deutlich sagen: Das muss man akzeptieren.

„Ich dachte mir, es ist gut, öffentlich zu sagen, dass es eine Krankheit ist wie andere Krankheiten auch. Wir sollten ebenso natürlich darüber sprechen können, wie über eine Krebserkrankung.“

Der erste Suizidversuch

Zunächst nahm Nis-Edwin Gebbes Erkrankung schleichend wahr. An dem Tag, an dem ihm vollends klar wurde, wie ernst das Leiden ist, erinnert er sich genau, auch wenn er nach der genauen Jahreszahl in seinem Gedächtnis ein wenig kramen muss. Es war Mitte der 90er-Jahre. 

Er fand sie in einem Gartenhäuschen im hinteren Ende ihres Gartens in Tondern (Tønder). Sie hatte versucht, sich das Leben zu nehmen.

„Es war für mich sehr schockierend, denn damit hatte man nicht gerechnet. Ich zumindest nicht.“

Psychische Leiden als Risikofaktor

In den Jahren darauf folgten zwei weitere Suizidversuche. Nis-Edwin konnte bei Telefonaten bereits ihrer Stimme anhören, wenn sie in einer Depression versank. 

„Das Problem bei der Krankheit ist, dass es Himmel-hoch-jauchzend- und zu-Tode-betrübt-Phasen gibt.“

Der Experte Erik Christiansen vom Zentrum für Suizidforschung in Odense warnt davor, nach einfachen Erklärungen für einen Suizid zu suchen. Es steckt oft ein Zusammenspiel von einer Reihe von Faktoren dahinter.

Nis-Edwin List-Petersen meint, bipolares Leiden solle offen angesprochen werden – wie jede andere Krankheit auch.

„Eine psychische Erkrankung, wie ein bipolares Leiden, ist der stärkste Risikofaktor für einen Suizid“, sagt er dem „Nordschleswiger“.

Er betont jedoch, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen auslösenden Faktoren und dem eigentlichen Hintergrund gibt. 

„Obwohl ein bipolares Leiden der Hintergrund ist, weshalb eine Person suizidgefährdet ist, hat sie häufig lange Perioden ohne Suizidgedanken. Diese tauchen bei besonderen Belastungen auf“, erklärt Christiansen.

Feste Beziehung bringt neue Hoffnung

Nach Gebbes drittem Suizidversuch 1999 fand sie in Ulla eine Lebensgefährtin und zog mit ihr zusammen nach Aventoft. Das half ihr, neuen Mut zu schöpfen. Sie widmete sich erneut ihrer Kunst, wurde Teil der Künstlergruppe „De Experimenterende“ in Tondern.

„Sie bekam noch einmal 26 Jahre geschenkt“, sagt ihr Bruder im Rückblick.

Der Experte Christiansen erklärt, dass eine solche Entwicklung keineswegs ungewöhnlich ist.

„Baut eine suizidgefährdete Person eine enge Beziehung zu einem anderen Menschen auf, kann das neue Hoffnung erzeugen. Die- oder derjenige kann die Möglichkeit eines guten Lebens jenseits der aktuellen Krise erkennen“, sagt er.

„Gebbe war in den Zeiten, in denen sie gut drauf war, ein ungeheuer fröhlicher Mensch. Sie hatte einen enormen Bekanntenkreis, hat mit Leib und Seele in der Nordschleswigschen Musikvereinigung mitgesungen“, sagt Nis-Edwin.

Auch Schatten in den guten Jahren

Die wenigsten kannten die andere Seite. Wussten von den düsteren Gedanken, die sie immer wieder heimsuchten. 

„Gebbe war ein Paradiesvogel. Sie war, wie ihre Bilder, unglaublich farbig in ihrer Ausstrahlung und liebenswürdig.“

Die Malerei half ihr, mit ihrem bipolaren Leiden zu arbeiten – zu lernen, damit umzugehen.

„Es ist wichtig, sich auf die positiven Faktoren zu konzentrieren. Das ist die Fähigkeit der Problemlösung, Robustheit und soziale Beziehungen“, so der Experte Erik Christiansen.

Der „Paradiesvogel“ und ihre Kunst

Wiederholte Einweisungen in die Psychiatrie

Doch auch in den 26 guten Jahren erlebte sie immer wieder depressive Perioden. Gebbes Lebensgefährtin informierte Nis-Edwin, wenn diese sich anbahnten. Dann fuhr er zu ihr an die Westküste.

„Ich habe meine Schwester immer bewegen können, auch wenn es widerwillig war, sich in eine Klinik einweisen zu lassen.“ 

Nis-Edwin spricht von den vier „gefährlichen Wochen in der Mitte“ der Depression, in denen das Risiko eines erneuten Suizidversuches am größten war. In dieser Zeit war sie dann in der Klinik unter Aufsicht. Und nach ungefähr zwei Wochen begann es dann dank der medizinischen Behandlung wieder aufwärts zu gehen. 

Der Tod der Lebensgefährtin

Zwei Jahre vor Gebbes Tod starb ihre Partnerin Ulla. Sie war wieder alleine. 

Als die Polizei an jenem Februartag ihr Auto verlassen an der alten Schleuse in Hoyer fand, war Nis-Edwin sofort klar, dass seine geliebte Schwester sich das Leben genommen hatte.

„Das war für uns Angehörige selbstverständlich erschütternd und es bleiben immer Fragen und Zweifel, ob man etwas hätte ändern können. Im Nachhinein steht für mich jedoch fest, dass sie nicht mehr wollte.“

Es sei letztendlich Gebbes Entscheidung gewesen. 

„Da muss ich auch deutlich sagen: Das muss man akzeptieren. Diese Botschaft möchte ich gerne verbreiten“, sagt Nis-Edwin List-Petersen.