Deutsche Minderheit

Irmgard Hänel: Ein Leben im Zeichen des Ehrenamts

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Irmgard Hänel
Irmgard Hänel wohnt im Zentrum von Apenrade mit Blick aufs Meer.

Beim Deutschen Tag wurde Irmgard Hänel der Nordschleswig-Preis für ihr Engagement für die Minderheit verliehen. In ihrem Zuhause in Apenrade erzählt die 73-Jährige aus ihrem Leben in Nordschleswig, über ein halbes Jahrhundert Ehrenamt und die Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden.

Irmgard Hänel sitzt am Esstisch ihrer lichtdurchfluteten Wohnung am Gammel Flensborgvej. Die Wohnung in einem Block mit mehreren Apartments ist modern eingerichtet und bietet einen tollen Blick auf die Apenrader Förde. Sie sei auch gut geschnitten, sagt die 73-Jährige. Dabei hatte sie sich damals, als die Wohnungen gebaut wurden, noch nicht vorstellen können, dass sie 20 Jahre später hier lebt. Ihr und ihrem Mann sei der Komplex damals „zu zackig“ gewesen, erzählt sie.

Beim Deutschen Tag wurde Irmgard Hänel mit dem Nordschleswig-Preis der Jes-Schmidt-Stiftung für ihr besonderes Engagement im Sinne der deutschen Minderheit ausgezeichnet. Sie sei „vollkommen überrascht“ gewesen, was man ihr vielleicht auch angesehen habe. „Ich wusste gar nicht, was ich auf der Bühne sagen sollte und ob ich wohl wie ein großes Fragezeichen ausgesehen habe“, erzählt sie. Am Abend und auch am nächsten Tag sei sie sich nicht sicher gewesen, ob sie den Preis wirklich bekommen habe. Weil es so schnell im „Nordschleswiger“ stand, habe sie bereits zu Hause die ersten Glückwünsche bekommen.

Nordschleswig-Preis zum Geburtstag 

Die stellvertretende Vorsitzende der Jes-Schmidt-Stiftung Ilse Friis überreicht Irmgard Hänel die Auszeichnung.
Irmgard Hänel bei der Überreichung während des Deutschen Tages.

Mitte der Woche standen dann erneut Gratulantinnen und Gratulanten vor der Tür, denn am 5. November feierte Irmgard Hänel auch noch ihren 73. Geburtstag. 

Auf einem Hof bei Hokkerup erblickte sie 1952 das Licht der Welt. Sie war die zweitälteste von insgesamt vier Geschwistern. Im Alter von acht Jahren zog sie mit der Familie nach Quars (Kværs). Das Aufwachsen in der deutschen Minderheit in den 1950er und 1960er Jahren erlebte sie positiv. „Ich bin nicht angefeindet worden“, erzählt sie. Allerdings sei es auch eine ein wenig isolierte Welt in der Volksgruppe gewesen, mit den eigenen Freunden aus der deutschen Schule. „Man hat sich natürlich immer ein bisschen außerhalb gefühlt“, sagt Irmgard Hänel.

Nordschleswigerin durch und durch

Die gebürtige Nordschleswigerin besuchte den Deutschen Kindergarten in Rinkenis (Rinkenæs), die Deutsche Schule Gravenstein (Gråsten), die Deutsche Privatschule Apenrade und die Nachschule Tingleff (Tinglev). 

Prägend sei für sie der Wechsel von der kleinen Dorfschule in Gravenstein nach Apenrade gewesen. „Das war schon eine Umstellung“, sagt sie. „Da merkte man schon, dass die anderen aus der Stadt kamen und andere Sachen machen als wir.“ Sie selbst sei immer morgens zur Schule und mittags mit dem öffentlichen Bus wieder nach Hause gefahren. 

Schon früh war Irmgard Hänel klar, dass sie sich im sozialen Bereich engagieren möchte. „Ich bin, als ich älter war, auch in den Ferien schon in den Kindergarten nach Rinkenis geradelt, um dort ein paar Stunden zu verbringen.“ Dort habe sie gemerkt, dass ihr die Arbeit mit Kindern gefällt.

Die Hauswirtschaftsklasse der Nachschule Tingleff war Voraussetzung für die Ausbildung, erinnert sich Hänel. Nach einem Vorpraktikum im Kindergarten in Broacker (Broager) ging es dann nach Flensburg an die Frauenfachschule. „Ich habe dann auch in Flensburg gewohnt, am Südermarkt.“

Berufsleben beginnt in Rothenkrug

Nach der Ausbildung war der heute 73-Jährigen aber klar, dass sie nach Nordschleswig zurückkehrt. „Ja, natürlich. Ich bin Nordschleswigerin.“ Ihr Anerkennungsjahr machte sie 1973 in Rothenkrug (Rødekro) bei der damaligen Kindergarten-Leiterin Maja Nielsen. Der Kindergarten hatte erst im Jahr zuvor eröffnet und so war Irmgard Hänel fortan Assistentin und einzige Kollegin.

Zunächst war der Kindergarten nur halbtags von 7 bis 13 Uhr geöffnet. Weil der Betreuungsbedarf auch in Nordschleswig stieg, wurde die Betreuungszeit bald bis halb fünf am Nachmittag verlängert. Es folgte mehr Personal und im Jahr 1979 übernahm Irmgard Hänel dann die Leitung, als Maja Nielsen sich um ihren kranken Sohn kümmern musste.

Abschied mit großem Fest

Weil die Leitungsfunktion sehr viele administrative Aufgaben beinhaltete, entschied sich die Nordschleswigerin für einen Wechsel. „Ich wollte eigentlich lieber im Praktischen arbeiten, also lieber mit den Kindern. Das andere wurde ziemlich viel.“ Zeitgleich sei ihr Mann Henning damals Schulleiter in Apenrade geworden, was viel Arbeit bedeutete.

Nach einigen Jahren in Tingleff ging es wegen notwendiger Einsparungen noch einmal nach Pattburg in den Kindergarten, wo Irmgard Hänel 2007 dann in den selbst gewählten Vorruhestand verabschiedet wurde – damals mit einem großen Fest, wie sie sich erinnert.

Irmgard Hänel
Anfang November 2007 wurde Irmgard Hänel nach 30 Jahren in Diensten des Deutschen Schul- und Sprachvereins (DSSV) verabschiedet.

Was die Arbeit mit Kindern so besonders macht? „Ihnen eine gute Kindheit zu geben“, sagt die 73-Jährige. „Wir hatten auch gute Eltern – das spielt ja alles mit.“ Auch die Gemeinschaft zwischen Eltern, Kindern und Erziehenden sei früher sehr stark gewesen. Noch heute habe sie Kontakt zu ihren früheren Kolleginnen und Kollegen aus Rothenkrug. 

Wenn ich Kinder sehe, die spazieren gehen, sie höre oder in der Fußgängerzone treffe, muss ich immer hinschauen und mich freuen.

Irmgard Hänel

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sei sie in den Vorruhestand gegangen. „Ganz raus, das wollte ich auch nicht, aber ich wollte auch nicht mehr so viel Arbeit haben“, sagt die Apenraderin. Ihr Mann sei zu dem Zeitpunkt bereits krank gewesen. Zehn Jahre lang sprang sie weiterhin als Vertretungskraft ein – meist in Apenrade, aber auch in Rothenkrug und selten in Pattburg.

Heute, acht Jahre später, vermisst sie die Arbeit im Kindergarten nicht mehr. „Wenn ich Kinder sehe, die spazieren gehen, sie höre oder in der Fußgängerzone treffe, muss ich immer hinschauen und mich freuen.“ 

Die Minderheit ist eine große Familie für mich.

Irmgard Hänel

Bei ihrer Verabschiedung durfte Irmgard Hänel damals ihren verzierten Bürostuhl mitnehmen. Den hat sie heute allerdings nicht mehr. Als sie vor fünf Jahren in die Wohnung am Gammel Flensborgvej zog, musste sie ihren Haushalt verkleinern. Nach dem Tod ihres Mannes 2010 habe sie das gemeinsame Haus verkauft und „da sind längst nicht alle Sachen mitgekommen“, sagt sie.

Die Minderheit, die Gemeinschaft und ihr jahrzehntelanges Engagement halfen Irmgard Hänel auch dabei, den Verlust ihres Mannes zu verkraften. „Die Minderheit ist eine große Familie für mich.“ 

Irmgard Hänel
Irmgard Hänel kümmert sich heute vorwiegend um die Älteren in der Minderheit.

Standortschließungen: Wo ist die Minderheit?

Die Debatte um die Schließungen der Standorte in Lunden und Rapstedt verfolgt auch Irmgard Hänel genau. „Ich bin ja eigentlich für kleine Institutionen“, sagt sie. „Ich habe mich auch immer wohlgefühlt in einer kleinen Einrichtung wie Rothenkrug. Es ist eine schwierige Sache und der DSSV macht das ja nicht aus reiner Lust und Laune.“ 

Allerdings müsse man auch realistisch sein. „Wenn da nichts nachkommt und wenn das Geld knapp ist.“ Es sei auch ein Problem, was nicht plötzlich entstanden ist. „Wilsbek schloss ja auch.“

In Lunden und Rapstedt gebe es heute keinen BDN-Ortsverein und keinen Sozialdienst mehr. Jetzt blieben nur noch Schule und Kindergarten. „Wo ist die Minderheit, frage ich mich?“

Entwicklung macht auch vor dem Donnerstagsclub nicht Halt

Der Schwund ist allerdings auch in den Vereinen zu spüren. Der Heimatwanderclub löste sich in diesem Jahr auf und auch in den Vereinen, in denen Irmgard Hänel aktiv ist, ist der Rückgang spürbar. „Wir sind heute noch 30 Mitglieder im Donnerstagsclub, früher waren wir 30 zu jeder Veranstaltung“, sagt sie. „Wenn wir jetzt 15 bis 20 haben, können wir froh sein. Aber es bröckelt.“ Auch der Schützenverein Rothenkrug, in dem die 73-Jährige über Jahrzehnte aktiv war, wurde 2021 aufgelöst. 

Seit 52 Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich. In Rothenkrug habe man über die Jahrzehnte viel auf die Beine stellen können. Die Gemeinschaft sei stark gewesen. „Die Leute waren im Schützenverein, im BDN, in der Kirche. Das war ein fester Kern.“

„Jetzt werden sie immer älter. Natürlich werden sie älter. Wir ja auch. Viele haben da keine Lust mehr, aus dem Haus zu gehen.“ Auch die Corona-Pandemie habe dazu beigetragen, dass die Teilnahme geringer wird. Es gebe viele Gründe. „Dabei machen wir es ja für die Älteren.“

Heute arbeite man deshalb auch mit dem Mittwochstreff zusammen – vom Entenessen bis zum Frühlingsausflug.

Ehrenamt als Selbstverständlichkeit

„Das Ehrenamt ist für mich immer selbstverständlich gewesen“, sagt Irmgard Hänel. Sie ist keine Person, die sich ins Rampenlicht stellen möchte oder Anerkennung für ihre Vorstandsarbeit sucht. Das wird im Gespräch deutlich. Sie ist eine stille Arbeiterin für die Gemeinschaft der deutschen Minderheit. 

So wirkt sie ehrlich betroffen, dass es auch im Donnerstagsclub schwieriger wird, die Posten im Vorstand zu besetzen. Der Tod von Kassierer Hans Hinrich Matzen zu Beginn der Woche, nimmt Irmgard Hänel offensichtlich mit. „Ich möchte nachher noch eine Anzeige aufgeben gehen“, sagt sie. 

Doch es sei auch schwierig, neue Mitglieder für den Donnerstagsclub zu finden. „Man kann niemanden zwingen.“ Die Entwicklung könne man wohl nicht aufhalten. 

Dabei sei es wichtig, sich ehrenamtlich zu engagieren. Die Gesellschaft lebe davon. „Wenn man sich einsam fühlt, dann soll man ins Ehrenamt gehen“, appelliert Hänel. Dort lerne man Menschen kennen, und bekomme sozialen Kontakt. „Wenn du sozialen Kontakt hast, geht es dir auch besser.“ Es gebe unendlich viele Sachen, wo man sich beteiligen kann – nicht nur in der Minderheit, sondern auch darüber hinaus. Nach dem Tod ihres Mannes habe dieses soziale Netz sie auch auffangen können.

Ich mache es so lange, wie es geht.

Irmgard Hänel

Das Angebot der Minderheit steht und fällt mit Menschen wie Irmgard Hänel. „Ich mache es so lange, wie es geht“, sagt sie heute und hofft, auch noch mit 80 Jahren fit genug zu sein.  

Irmgard Hänel
Irmgard Hänel ist seit mehr als 50 Jahren ehrenamtlich aktiv.

Ein Leben für Jung und Alt

Dass sie sich um die andere Seite der Alterspyramide kümmert, ist für sie keine Besonderheit. „Das hängt mit dem Sozialen zusammen. Die Arbeit mit Kindern ist sozial, die mit den Älteren auch.“ Bei einem früheren Ausflug mit dem Donnerstagsclub bekam sie Lust, sich mehr zu engagieren – und das tat sie. 

Zeit für Hobbys bleibt der 73-Jährigen aber auch noch. Bis zum Ende des Schützenvereins war sie dort aktiv, heute mache sie das, was ihr Spaß bringt. „Ich gehe zu Veranstaltungen, wenn ich Zeit habe und wenn es passt, und gehe zum Yoga beim MTV.“ 

Auch Folkmusik hört sie gern, Folkbaltica oder Tønderfestival stehen dennoch nicht auf ihrem Zettel. „Das ist bei uns keine Tradition gewesen.“ Gern nutzt sie hingegen das Theater-Abo. „Das ist ein gutes Angebot, der Bus fährt und man trifft nette Leute.“

Die Herbstsonne taucht das Wohnzimmer mit der offenen Küche mittlerweile in goldenes Licht. Es ist zu hoffen, dass Irmgard Hänel noch lange Freude am Ehrenamt hat. Denn Wärme und Licht ausstrahlen, das kann auch sie.