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Er macht „grøn trepart“ mitverantwortlich: LHN-Chef nach 30 Jahren nicht mehr Ökolandwirt

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Christian Kock
Christian Kock produziert bisher ökologisch. Doch bald ist er kein Bio-Bauer mehr, obwohl er es immer gerne war.

Zukunftsweisend oder kontraproduktiv? Für Christian Kock ist die Antwort klar – obwohl er die Idee hinter den Umwelt- und Klimaplänen für Dänemarks Landwirtschaft teilt. Im Interview erläutert er seine Haltung als Verbandsvorsitzender – und welche Konsequenzen er privat für seinen Betrieb zieht.

550 Milchkühe, 550 Färsen und 250 Stück Mastvieh (Bullen und Färsen), dazu 300 Hektar eigenes und 700 Hektar gepachtetes Land. Christian Kock ist wahrlich kein Kleinbauer. Am Dienstag wurde er nach inzwischen vier Jahren im Amt als Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Hauptvereins für Nordschleswig (LHN) wiedergewählt. Grund genug, ihn auf seinem Hof in Stepping-Bjerndrup bei Christiansfeld zu besuchen.

Christian, auf der Generalversammlung des LHN hast du viel über die „grüne Dreierabsprache“ (grøn trepart) gesprochen und davon, dass euch Landwirtinnen und Landwirten Land „geklaut“ werden soll. Weshalb reagierst du gerade bei dem Punkt Renaturierung so empfindlich, also wenn landwirtschaftliche Flächen zum Beispiel zu Wald werden sollen?

„Ich denke, dass wir Landwirte aus der deutschen Minderheit in Nordschleswig vielleicht eine stärkere Bindung an das Land haben als die dänischen Landwirte. Das könnte historisch bedingt sein, vielleicht durch das Gefühl, dass uns etwas weggenommen werden könnte. Wir sind sehr mit Nordschleswig verbunden, und das wird oft von Generation zu Generation weitergegeben, ohne dass man es bewusst wahrnimmt.“

Du hast in deiner Rede auf der Generalversammlung mehrere Gründe dafür angesprochen, dass du mit dem „grøn trepart“ nicht so glücklich bist. Gleichzeitig bist du aber Vorsitzender des in der deutschen Minderheit verankerten LHN, der Teil des Dachverbandes Landbrug & Fødevarer ist, der dieses Abkommen unterzeichnet hat. Wie passt das zusammen?

Zugestimmt haben im Folketing:

Die drei Bereiche Regierung, Landwirtschaft und Naturschutz haben sich 2024 auf eine Reihe von Maßnahmen geeinigt, um die Klimaziele zu erreichen und mehr natürliche Flächen und Artenvielfalt zu schaffen. Dänemark ist laut EU-Statistik das naturärmste Land in der EU.

Quelle: regeringen.dk

„Die Grundidee des ,grøn trepart' ist gut – nämlich eine langfristige Planung für die nächsten 30 Jahre zu schaffen. Allerdings wurden wir Landwirte in die Voraussetzungen für dieses Abkommen nicht ausreichend einbezogen. Es gibt viele Maßnahmen, die auf Modellberechnungen basieren, aber nicht praxisnah sind. Zum Beispiel sollen Stickstoffemissionen reduziert werden, ohne genau zu messen, woher sie kommen. Stattdessen werden pauschale Maßnahmen wie Mini-Feuchtgebiete vorgeschlagen, die oft ineffektiv sind. Außerdem weigert man sich zum Beispiel, Emissionen von Klärwerken zu messen.

In Dänemark und anderen Ländern wird argumentiert, dass Kläranlagen kaum Nährstoffe ins Grundwasser abgeben. Bestreitest du das?

„Das mag stimmen, wenn Kläranlagen einwandfrei funktionieren. Aber durch den Klimawandel und stärkere Regenfälle können viele Kläranlagen bei uns das Wasser nicht mehr filtern. Es läuft durch. Überschüssiges Wasser läuft dann ungefiltert in Förden oder Flüsse. Das wird dann aber nicht gemessen oder berücksichtigt.“

Politisch wird gesagt, dass die Landwirtschaft der Hauptverursacher von Stickstoffemissionen ist. Ist das nicht Fakt?

Christian Kock
Auf dem Hof von Christian Kock gibt es Milch- und Mastvieh.

„Nein, ich glaube nicht, dass das so eindeutig ist. Ein großer Teil des Stickstoffs in den dänischen Förden stammt aus Nachbarländern und wird durch Meeresströmungen hereingetragen. Natürlich müssen wir Landwirte unsere Prozesse verbessern – das wollen wir auch –, aber die alleinige Schuld liegt nicht bei uns.“

Dein Betrieb ist seit 1997 ökologisch, zunächst unter deinem Vater, seit 2003 dann mit dir. Jetzt bereitest du alles darauf vor, von ökologischer auf konventionelle Landwirtschaft umzustellen. Was hat dich zu dieser Entscheidung bewogen?

„Es gibt mehrere Gründe. Der Druck auf landwirtschaftliche Flächen steigt enorm – durch höhere Pachtpreise und neue Anforderungen wie Moorflächen oder Waldprojekte im Rahmen des ,grøn trepart'. Dadurch, dass es weniger landwirtschaftliche Fläche gibt, steigen die Preise. Für einen Biobetrieb ist es dann noch schwieriger, wirtschaftlich zu bleiben, weil er eben mehr Fläche pro Tier benötigt und weniger Ertrag hat. Auch die Nachfrage nach Biomilch sinkt, da sie für Verbraucher zu teuer geworden ist. Es ist schließlich auch teuer, Biomilch zu machen. Die Preise für die Verbraucher sind enorm angestiegen, und Arla kippt doch schon die Hälfte der Biomilch in die konventionelle Milch.“

Biolandwirtschaft generiert also für dich weniger Einnahmen. Aber ist es nicht ein ökologischer Verlust, umzusteigen? Du warst ja überzeugter Öko-Landwirt, sprichst davon, dass man seine Tiere kennen sollte, auf ihr Wesen Rücksicht nehmen und das Tierwohl achten sollte.

„Bio hatte ganz klar auch seinen Wert. Die Biodiversität zum Beispiel. Aber es kostet einfach zu viel in der Produktion, gerade, wenn die Flächen nun knapper werden. Durch die Leistungssteigerung im Stall und auf den Feldern bei konventioneller Produktion sinkt bei uns der CO2-Ausstoß pro Tier enorm. Das gehört auch zur Geschichte dazu.“

Was hat die Dreierabsprache konkret mit deinem Umstieg zu tun?

„Konkret geht es darum, dass die Nachfrage steigt und das Land teurer wird. Sowohl Ackerland als auch Pachtland werden teurer. Dazu kommt die CO2-Steuer. Man muss einfach effizienter werden. Bei Bio stößt man irgendwann an Grenzen, während bei konventioneller Landwirtschaft noch viel Potenzial besteht. Mit neuer Technik, beispielsweise beim Spritzen, kann man enorme Fortschritte erzielen. Eine Drohne fliegt über das Feld, erstellt eine Karte, die man in den Traktor lädt. Dann wird gezielt nur das Unkraut bekämpft, nicht flächendeckend. Das ist eine riesige Innovation in der konventionellen Landwirtschaft. Außerdem gibt es bei Bio viele Auflagen und strenge Kontrollen. Wir sind eigentlich sehr liberal eingestellt und mögen keine übermäßige Kontrolle. Ich sage nicht, dass es bei konventioneller Landwirtschaft viel weniger Kontrollen gibt, aber es ist etwas anders."

Was du beschreibst, klingt so, als würde die ökologische Innovation eigentlich aus der konventionellen Landwirtschaft kommen ...

Christian Kock
Tiere mögen Routinen, sagt Christian Kock. Seine Tiere sollen so wenig Stress wie möglich haben. Daran will er auch ohne Öko-Zertifikat festhalten.

„Die konventionellen Milchviehbetriebe entwickeln sich auch in Richtung besserer Praktiken. Sie orientieren sich an den Bio-Betrieben, die dadurch immer neue Initiativen ergreifen müssen, um sich abzugrenzen. Manche dieser Maßnahmen haben aber nichts mehr mit Tierwohl zu tun. Zum Beispiel halte ich es nicht für tierfreundlich, wenn ein vier Monate altes Kalb bei Regen draußen auf dem Feld stehen muss. Die Idee mag gut sein, aber in der Praxis ist es nicht immer richtig.“

Was ändert sich konkret für deine Tiere durch den Wechsel zur konventionellen Landwirtschaft?

„Die Kühe werden im Sommer nicht mehr auf die Weide gehen, was wirtschaftlicher ist und weniger Emissionen verursacht. Jungvieh wird weiterhin draußen sein. Zudem kann ich bei der Fütterung flexibler sein und mehr Mais statt Gras einsetzen.“

Würdest du jemals wieder zur ökologischen Landwirtschaft zurückkehren?

„Das wäre möglich, wenn ausreichend Land verfügbar wäre und wir nicht ständig für alles bestraft würden – sei es durch CO2-Steuern oder andere Auflagen. Aktuell sehe ich jedoch keine Perspektive dafür. Wir Landwirte haben das Fachwissen, werden aber nicht ausreichend gehört. Sie wollen die Bio-Produktion in Dänemark verdoppeln, aber wir sind viele, die jetzt wegen der Politik mit Bio aufhören. Es kann sogar so sein, dass einige umsteigen, weil sie denken: lieber jetzt noch als wenn es irgendwann verboten wird, konventionell zu werden.“

Obwohl du diese drastische Entscheidung triffst, wirkst du nicht verbittert …

Für Christian Kock geht es konventionell statt ökologisch in die Zukunft. Eine Rückkehr möchte er aber nicht ausschließen.

„Nein, das bin ich auch nicht. Das Wichtigste für mich ist immer die Freude an der Arbeit in der Landwirtschaft und beim LHN. Bessere Zeiten machen mehr Spaß, und abgesehen von den Problemen, die wir besprochen haben, geht vieles gerade unseren Weg. Für uns ist es zuletzt eigentlich besser geworden. Es ist doch so: Wir Landwirte mögen vielleicht nicht immer, wenn etwas Neues kommt. Doch das heißt ja nicht, dass wir nicht mitmachen wollen. Wir wollen eben auch mitreden und unsere Fachlichkeit einbringen, und es soll nicht einfach über unsere Köpfe hinweg entschieden werden.“

Du meinst, die Landwirtschaft sei übergangen worden?

„Mir geht es darum, dass Entscheidungen auf Fachlichkeit und Wissenschaft basieren und praxisnah sind. Wir Landwirte wollen Verantwortung übernehmen und innovativ arbeiten – aber nur mit Lösungen, die realistisch und wirtschaftlich tragfähig sind. Dialog ist dabei der Schlüssel. Beim LHN haben wir diesen Dialog nicht nur in Dänemark, sondern über die Grenze. Wir sehen uns als Bindeglied zwischen deutscher und dänischer Landwirtschaft und haben deshalb oft einen anderen Blick, können etwas von beiden Seiten einbringen.“