Buchbesprechung

„Die Jebsens: Von Segelschiffern zu Wirtschaftskapitänen“

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Das 1909 vom damaligen Chef der Jebsen-Unternehmen, Jacob Jebsen, erbaute „Haus Lensnack“, gelegen an der Apenrader Förde, ist heute ein Mittelpunkt der in aller Welt beheimateten Familie. Es wurde vom Jugendstilkünstler Anton Huber entworfen und gilt als sein Hauptwerk.

Die Autoren Jens Christian Hansen und Fleming Højbo präsentieren mit ihrem sorgfältig recherchierten Werk „Huset Jebsen – et familiedynasti i krig og fred“ eine spannende Lektüre. Sie bietet viele Einblicke in das Wirken mehrerer Generationen der eng mit Nordschleswig und der Minderheit – aber vor allem auch mit Hongkong und China – verbundenen Familie. Volker Heesch bespricht das Buch.

Kürzlich haben in Kopenhagen die bekannten Wirtschaftsjournalisten Jens Christian Hansen und Fleming Højbo ihr Buch „Huset Jebsen“ mit dem Untertitel „Et familiedynasti i krig og fred“ vorgestellt.

Das 334 Textseiten starke Buch mit über 100 weiteren Seiten mit Fotos aus Vergangenheit und Gegenwart der bereits im 19. Jahrhundert im Handel mit China und anderen Ländern Ostasiens engagierten „Jebsen-Dynastie“ wendet sich vor allem an die dänische Öffentlichkeit.

Die ist außerhalb Nordschleswigs erst in jüngster Zeit auf das Wirken der zu großem Wohlstand gelangten Familie aufmerksam geworden. Das resultierte 2023 sogar in Berichten in dänischen Medien über die Hochzeit des jungen Familienmitglieds Immanuel Jebsen mit Donata von Behr in der Kirche zu Loitkirkeby (Løjt Kirkeby).

Kapitän, Reeder und Politiker Michael Jebsen

Der Aufstieg der einstigen Seefahrerfamilie knüpft an das Unternehmertum des Apenrader Kapitäns Michael Jebsen (1835-1899) an.

Michael Jebsen war der Urgroßvater des 1956 geborenen aktuellen „Oberhauptes“ der Unternehmensgruppe Jebsen, Hans Michael Jebsen.

Der Gründer der Reederei Jebsen, Michael Jebsen, auf dem Foto mit seiner Ehefrau Clara, war als junger Mann Anhänger eines unabhängigen Schleswig-Holsteins. Er war als Schiffskapitän bereits in Ostasien gesegelt. Seine Frau begleitete den auch als Politiker erfolgreichen Apenrader auf langen Reisen auf den Weltmeeren.

Dieser hat von seinem Wohnsitz in Hongkong dank seiner profunden Ortskenntnisse und Kontakte in Ostasien und der nie aufgegebenen Beziehungen zu Dänemark und Deutschland seine Unternehmensgruppe erfolgreich weiterentwickelt.

Dabei konnte er unter anderem die Öffnung der Volksrepublik China für den Welthandel produktiv nutzen, die Unternehmensgruppe erwirtschaftet heute mit vielen Tausend Beschäftigten Milliardenumsätze und -gewinne.

Enge Verbindung zum dänischen Königshaus

Hans Michael Jebsen, der seit Jahren enge Verbindungen zum dänischen Königshaus pflegt – er wurde von Königin Margrethe 2020 zum Kammerherrn ernannt –, berichtet in Interviews mit den Autoren über seine eigene Tätigkeit im Fernen Osten seit 1981.

Hans Michael Jebsen, der seit Jahren enge Verbindungen zum dänischen Königshaus pflegt – er wurde von Königin Margrethe 2020 zum Kammerherrn ernannt – berichtet in Interviews mit den Autoren über seine eigene Tätigkeit im Fernen Osten seit 1981.

1987 haben Désirée von Schaffgotsch und Hans Michael Jebsen geheiratet. Das Foto zeigt sie 2024 an ihrem Wohnsitz in Hongkong.

Er gibt dabei auch Auskunft über seine fortdauernde Verbindung mit den eigenen familiären Wurzeln in Nordschleswig und eine zunehmend engere Einbettung in die dänische Gesellschaft als Mitglied einer einst jahrzehntelang für ein deutsches Nordschleswig engagierten Familie.

Unternehmen überlebte dramatische Kriegsjahre

Hansen und Højbo machen ihre Leserschaft nicht nur mit der mitunter hochdramatischen Jebsen-Unternehmensgeschichte beispielsweise während des Ersten Weltkriegs bekannt.

So berichten sie über teilweise lebensbedrohliche Internierungsjahre des Firmen- und Reedereichefs Jacob Jebsen (1870-1941), der als deutscher Staatsbürger von den Briten 1914 bei Kriegsausbruch in deren Kronkolonie Hongkong festgenommen wurde.

Michael Jebsen hielt die Stellung in Hongkong und China

Die Einrichtung des Knivbergs, der mit 97 Metern über dem Meeresspiegel höchsten Erhebung Nordschleswigs, zur Versammlungsstätte der deutschen Nordschleswiger war maßgeblich ein Verdienst der Familie Jebsen.

Dessen Sohn Michael Jebsen (1911-2000) bugsierte die Unternehmen der Familie, die lange Zeit gemeinsam mit der aus Apenrade stammenden Familie Jessen geführt wurden, durch die Zeiten der japanischen Besetzung Hongkongs und katastrophaler Verhältnisse in China während des Zweiten Weltkriegs und des chinesischen Bürgerkriegs.

Im Buch wird ausführlich die Tätigkeit der Mitglieder der Jebsen-Familie zunächst im Reederei-Geschäft, später vor allem auch im Handel, dargestellt. Dabei geht es auch um den Hintergrund des 1830 geborenen, stark deutsch geprägten Michael Jebsen, der in jungen Jahren Anhänger eines unabhängigen Schleswig-Holsteins war.

Michael Jebsen hat die längste Zeit seines Lebens in Hongkong und in anderen chinesischen Städten verbracht. Er unterstützte in den 1980er-Jahren Naturschutzprojekte in der Nähe seines Heimatortes Apenrade, beispielsweise zur Rettung des nur dort in Dänemark vorkommenden Bergmolchs. Er gründete auch die Michael-Jebsen-Stiftung, benannt nach seinem Großvater.

Dieses wurde aber nach der revolutionären Unabhängigkeitserklärung 1848 und der Verkündung einer freiheitlichen Verfassung im Jahre 1850 nach der Niederlage im blutigen Ersten Schleswigschen Krieg wieder Teil des dänischen Gesamtstaates. Dies führte zur Vertreibung und Unterdrückung vieler „Schleswig-Holsteiner“ wie Michael Jebsen.

Erfolgreicher Jebsen förderte Knivsberg-Denkmal

Dieser wurde nach der Niederlage Dänemarks gegen Preußen und Österreich im Zweiten Schleswigschen Krieg im Jahre 1864 zu einem Spitzenvertreter der deutsch gesinnten Bevölkerung im insgesamt eher dänisch geprägten Teil des seit 1871 in das neue deutsche Kaiserreich als Teil einer preußischen Provinz integrierten Ex-Herzogtums Schleswig.

Der erfolgreiche Berufsweg des 1899 kurz vor der Jahrhundertwende verstorbenen Michael Jebsen als Reeder und Unternehmer im wirtschaftlich immer mehr aufblühenden deutschen Kaiserreich wird im Buch „Huset Jebsen“ beschrieben.

Seit 1905 war die britische Kronkolonie Hongkong Zentrum der von Jacob Jebsen (auf dem Foto mit seiner Frau Käthe) zusammen mit seinem Apenrader Geschäftspartner und Schwager Heinrich Jessen gegründeten Firma Jebsen & Co. Das Ehepaar ließ sich nach Aufenthalt in Fernost aber dauerhaft in Apenrade nieder.

So können die dänischen Leserinnen und Leser, die vielfach meist nur die dänische Sicht auf eine deutsche „Fremdherrschaft“ im einstigen Herzogtum Schleswig nach 1864 erfahren haben, die Sichtweise der pro-deutschen Einwohnerschaft der jahrhundertelang – vor Aufkommen des Nationalismus – von sprachlicher und kultureller Vielfalt geprägten Region nachvollziehen und verstehen.

1890 Wahl in den Deutschen Reichstag

So ist auch die Wahl des nationalliberalen Politikers Michael Jebsen und Förderers eines die „Verdeutschung“ Schleswigs unterstreichenden Knivsbergdenkmals in den deutschen Reichstag 1890 im Wahlkreis Flensburg-Apenrade erklärlich.

Hansen und Højbo vermitteln in ihrem Werk die Besonderheit in der Geschichte der Jebsens, dass die meisten Mitglieder der Familie, aus deren Reihe mehrere als deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren, nach der Abtretung der nördlichen Abstimmungszone mit dänischer Mehrheit an Dänemark im Juni 1920 die dänische Staatsbürgerschaft annahmen.

Das Foto zeigt die britische Kronkolonie Hongkong um 1900. Die seit 1996 wieder chinesische Metropole präsentierte sich damals noch ohne eine Skyline mit Wolkenkratzern. Es ist eines der vielen historischen Bilder im Buch, die vielfach aus dem Archiv Jebsen & Jessen Historical Archives in Apenrade stammen.

Dieser Umstand hatte wesentlichen Anteil am wirtschaftlichen Neubeginn und Erfolg der Jebsen-Unternehmen in Ostasien nicht nur nach dem Ersten Weltkrieg, sondern auch nach dem Zweiten Weltkrieg.

Jacob Jebsen trat für die deutsche Minderheit ein

Beschrieben wird, wie Jacob Jebsen, der in die Fußstapfen seines Vaters Michael Jebsen getreten war, nicht nur für eine Vollendung des Knivsbergdenkmals nach 1900 gesorgt hatte, sondern auch in der 1920 entstandenen deutschen Minderheit bis zum Aufkommen des Nationalsozialismus eine bedeutende Rolle spielte.

Der auch kulturell hochgebildete Geschäftsmann, der 1909/1910 das vom Jugendstilarchitekten Anton Huber entworfene Haus Lensnack an der Apenrader Förde erbauen ließ, war unter anderem Mitbegründer der Schleswigschen Partei.

Er förderte die Einrichtung eines deutschen Gymnasiums in Apenrade und bemühte sich als Mitinitiator der Kreditanstalt Vogelgesang in den 1920er-Jahren, die „Erosion“ der deutschen Volksgruppe zu stoppen. Sie war von Abwanderung und andauernder deutsch-dänischer Gegnerschaft geschwächt und hielt bis zum Ende ihrer NS-geprägten Phase am Ziel einer Grenzrevision fest.

Seit 2018 steht das 1909/1910 erbaute Haus Lensnack bei Apenrade unter Denkmalschutz. Es ist auch ein wertvolles Stück Kulturerbe aus der Zeit der Zugehörigkeit Nordschleswigs zum deutschen Kaiserreich.

Mit Michael und Hans Jacob Jebsen Wiederaufbau nach 1945

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erwies sich neben der dänischen Staatsbürgerschaft der nach dem Tod Jacob Jebsens im Jahre 1941 nachgerückten neuen Spitzenleute in den Jebsen-Unternehmen, Michael und Hans Jacob Jebsen, auch deren Distanz zur nationalsozialistisch dominierten deutschen Minderheit in Nordschleswig als Vorteil.

Während in den Nachkriegsjahren vor allem Michael Jebsen in Hongkong die Geschicke der Unternehmen lenkte, hatte Hans Jacob Jebsen Anteil am demokratischen Neubeginn der deutschen Minderheit in Nordschleswig.

Darüber gibt der heutige Unternehmenschef Hans Michael Jebsen in Interviews Auskunft. Er hat 1987 Désirée von Schaffgotsch geheiratet, in der Ehe sind fünf Kinder aufgewachsen.

Ein Erinnerungsgarten am Haus Lensnack würdigt das Wirken Käthe und Jacob Jebsens und ihrer Kinder.
Michael und Hans Jacob Jebsen lenkten in Hongkong und Apenrade die Geschicke der Jebsen-Unternehmen. Das Foto zeigt die Brüder während eines Aufenthaltes in Shanghai.

Neben den Auskünften Hans Michael Jebsens liefert das Autorenduo weitere umfangreiche Informationen zur Firmengeschichte. Es wird sowohl über den Rückzug aus dem Reedereigeschäft als auch über die Neuausrichtung auf den Handel zwischen der aufstrebenden Volksrepublik China und deutschen Unternehmen, wie zum Beispiel Porsche, und auch zeitweilige Kooperationen mit dänischen Konzernen wie Danfoss berichtet.

Knivsberg heute Bildungsstätte und Lernort

Porträtiert werden auch die Geschwister und Geschäftspartner des heutigen Jebsen-Oberhauptes. So kommt auch sein Bruder Christian Jebsen, der mit Wohnsitz in Nordschleswig seit Jahrzehnten die Familie in deren Heimatregion repräsentiert, zu Wort.

Er hat als Vorsitzender der Knivsberggesellschaft die Aufarbeitung der dunklen Kapitel der deutschen Minderheit durch Neuformierung der Versammlungsstätte in eine Bildungsstätte und einen historischen Lernort entscheidend mitbestimmt.

In ihren Ausführungen zeigen die Autoren, dass der große Respekt der Jebsen-Akteure gegenüber ihren asiatischen Partnern seit weit mehr als 100 Jahren und die Vertrautheit, vor allem mit der chinesischen Kultur, großen Anteil am eigenen Erfolg haben.

Mehrere Häuser, wie der schon 1957 vom langjährigen Jebsen-„Chef“ Michael Jebsen zum Ferienhaus in der Heimat eingerichtete Hof Elsmark auf der Halbinsel Loit, sind bis heute im Besitz von Familienmitgliedern.

Dabei wird auch deutlich, dass nun schon mehrere Generationen der Jebsen-Dynastie vor allem den Raum Apenrade und die Halbinsel Loit kulturell und ideell bereichert haben.

Späte Würdigung des Kunstwerkes „Haus Lensnack“

Erstaunlich ist, dass das Haus Lensnack, ein herausragendes Gesamtkunstwerk des von 1905 bis 1919 als Direktor der Kunstgewerblichen Fachschule Flensburg tätigen Anton Huber, erst 2018 von den dänischen Behörden unter Denkmalschutz gestellt wurde, nachdem es wie andere Beispiele des deutschen Kulturerbes aus den Jahren 1864 bis 1920 lange als eine Art Fremdkörper missachtet worden ist.

In ihrem Buch gehen Hansen und Højbo auch ausführlich auf die Verdienste Hans Michael Jebsens als Bewahrer historischer Bausubstanz in Nordschleswig, in den vergangenen Jahren aber auch in anderen Regionen Dänemarks, ein.

So wird Auskunft über das „Gesellenstück“ Hans Michael Jebsens, die Rettung des Traditionsgasthauses Knapp auf der Halbinsel Loit, und die Restaurierung vieler weiterer gastronomischer Perlen von Damende bei Hadersleben (Haderslev) bis zum Schlosskrug Schackenborg in Mögeltondern (Møgeltønder) durch den Wirtschaftskapitän gegeben.

Thema ist auch die jüngste Generation der teilweise in der Jebsen-Gruppe engagierten Familienmitglieder, wie der durch seine Hochzeit in Nordschleswig bekannt gewordene Immanuel Jebsen, der auf eine Nachfolge als Unternehmenschef vorbereitet wird.

Jebsen-Familie Eigentümer dänischer Herrenhäuser

Die Autoren widmen sich ferner auch den zahlreichen Herrenhäusern und Gutsbetrieben, die Hans Michael Jebsen auf den Inseln Seeland (Sjælland), Lolland und Langeland teilweise für seine Kinder erworben hat.

Auch dabei spielt vielfach der von früheren, oft adeligen Eigentümern aus wirtschaftlichen Gründen vernachlässigte Erhalt der historischen Bausubstanz eine große Rolle. Dabei wird deutlich, dass auch die jüngeren Jebsens, wie zum Beispiel der Eigentümer des Gutes Tranekær auf Langeland, Caspar Jebsen, wie bereits sein Großonkel Michael Jebsen und sein 2021 verstorbener Onkel Markus Jebsen, sich dem Naturschutz verschrieben haben.

Das Buch gibt einen gut lesbaren Einblick in das Wirken der „Jebsen-Dynastie“, die seit weit über 100 Jahren die deutsch-dänische Geschichte in Nordschleswig mitgeprägt hat.

Das im Verlag Grønningen 1 erschienene Buch ist für 349,95 Kronen im Buchhandel erhältlich.