Silvester

1995, 2005, 2015: So schaute die Minderheit aufs Jahr zurück

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Viel ist passiert in sieben Jahrzehnten deutsche Minderheit.
Viel ist passiert in sieben Jahrzehnten deutsche Minderheit.

Am Ende eines jeden Jahres blickt die Minderheit stets auf die vergangenen zwölf Monate zurück. Anlässlich des 70-jährigen Bestehens der Bonn-Kopenhagener Erklärungen geht in Zehnjahresschritten der Blick zurück: Was hat die Volksgruppe damals beschäftigt und wie hat sich der Ton mit der Zeit verändert? Zweiter Teil einer Archivreise von 1995 bis 2015.

Was hat die Minderheit am Ende eines Jahres bewegt? Was ist erreicht worden? Was ist gut gelaufen und was nicht? Und worauf wird im kommenden Jahr der Fokus gelegt? 

2025 war etwa geprägt von den Feierlichkeiten zu 70 Jahren Bonn-Kopenhagener Erklärungen, von Schulschließungen und der Kommunalwahl. Doch was war 1955, 1965, 1975, 1985, 1995, 2005 und 2015? Ein Rückblick in zwei Teilen.

1995 steht im Zeichen der Wiedervereinigungsfeier auf den Düppeler Schanzen, wo der neue BDN-Hauptvorsitzende eine Rede mit Signalwirkung hält, wie es der „Nordschleswiger“ zum 75. Jahrestag der Grenzziehung 1920 schreibt. 

1995: Ein Jahr der Jahrestage

Deshalb gibt es heute keine Verlierer, sondern nur Gewinner.

Hans Heinrich Hansen

„Der Beifall am Ende von den rund 15.000 in den Schanzen war nicht nur höflich, sondern spontan und ehrlich“, schreibt der „Nordschleswiger“ im Jahresrückblick über die Rede des BDN-Hauptvorsitzenden Hans Heinrich Hansen am 11. Juli in Düppel (Dybøl).

Königin Margrethe: Grenzland als Vorbild

Hans-Heinrich Hansen schrieb dazu in seinem Jahresrückblick, die Einladung sei als „Handschlag und Ausdruck dessen zu verstehen, dass aus Toleranz inzwischen gegenseitiger Respekt geworden ist“. Minderheit und Mehrheit lebten heute friedlich zusammen in einer bereichernden Wechselwirkung zweier Kulturen. „Deshalb gibt es heute keine Verlierer, sondern nur Gewinner.“

Auch Margrethe II. wohnte den Feierlichkeiten bei und nannte das Grenzland „ein Vorbild für viele andere Regionen“.

Hans Heinrich Hansen
Hans Heinrich Hansen bei seiner Rede an den Düppeler Schanzen.

„Der Nordschleswiger“ schreibt: „Düppel war deshalb auch nicht ein Abschluss, wohl aber der vorläufige Höhepunkt eines oft mit Rückschlägen behafteten langen Prozesses, der inzwischen jedoch zwischen Deutschen und Dänen so gefestigt ist, dass die Grenzfrage im Gegensatz zu anderen Gebieten in Europa heute überhaupt kein Thema ist.“

50 Jahre Kriegsende

Wenn Hans Heinrich Hansen deshalb heute von einem gestärkten Selbstbewusstsein spricht, dann hängt das auch mit dem inneren Zustand der deutschen Volksgruppe zusammen, wo es auch in der sogenannten Führungsspitze keine ideologischen Graben- oder persönlichen Machtkämpfe gibt und wo sich die Volksgruppe heute als Team/Einheit präsentiert.

Am 5. Mai 1995 jährt sich auch das Kriegsende zum 50. Mal. Dazu der BDN-Hauptvorsitzende: Eine Kollektivschuld der deutschen Volksgruppe könne es nicht geben, aber es gebe eine historische Mitverantwortung der damaligen Führung der Minderheit. „Das beschämt uns heute zutiefst, dass das Opfer unserer Gefallenen zugleich eine Mahnung an uns ist, dass sich solche Irrtümer eines entarteten, totalitären Systems nicht wiederholen dürfen.“ Und weiter: „Dänische Landsleute, denen von Mitgliedern der Volksgruppe unrecht getan worden ist, bitten wir um Vergebung.“

Das in Kürze endende Jahr beschreibt „Der Nordschleswiger“ als das Minderheitenjahr schlechthin. 50 Jahre Bonn-Kopenhagen, Kommunalreform und erste Wahlen für das neue Nordschleswig haben 2005 geprägt.

Was 1995 sonst noch geschah?

2005: „Heide“-Mord, Sonderburger Erklärung und Deutscher Tag

Dunkle Wolken über dem Grenzland, als der Südschleswigsche Wählerverband (SSW) trotz Stimmenrückgangs Zünglein an der Waage in Kiel wird. Aus der hauchdünnen Mehrheit für eine Koalition mit SPD und Grünen wird nichts, weil sich ein Mitglied der neuen Koalitionsmehrheit bei der Wahl auf Ministerpräsidentin Heide Simonis in vier Wahlgängen der Stimme enthält. Der „Heide-Mörder“ geht am 17. März 2005 in die Geschichte ein. 

Eine Morddrohung gegen die SSW-Fraktionsvorsitzende Anke Spoorendonk macht die gereizte Stimmung im Land deutlich. „Manche Äußerung deutscher Politiker passte leider nicht in die Minderheiten-Landschaft 2005“, schrieb der „Nordschleswiger“ im Jahresrückblick. 

Feierlichkeiten am Alsensund

Am 29. März wird in Sonderburg gemeinsam mit Gerhard Schröder (SPD) und Anders Fogh Rasmussen der Jahrestag der Bonn-Kopenhagener Erklärungen gefeiert. In der dänischen Minderheit gab es zuvor Überlegungen, der Veranstaltung fernzubleiben. Die Idee wurde jedoch fallen gelassen. Die Ereignisse in Kiel waren eine Momentaufnahme. Die Sonderburger Erklärung beinhaltet die Absicht beider Regierungen, die Barrieren im Grenzbereich dort zu beseitigen, wo dies national bzw. gemeinsam mit gutem Willen möglich sei. 

Auch die Kommunalreform taucht im Jahresrückblick auf. „Dank anhaltender Verhandlungen und dem Entgegenkommen von Regierung und Folketing haben wir die finanzielle Absicherung unserer kulturellen und sozialen Arbeit erreicht. Die Sicherung der politischen Arbeit war für uns alle die schwierigste Aufgabe“, so der BDN-Hauptvorsitzende Hans Heinrich Hansen. 

Gerhard Schröder
Gerhard Schröder (SPD) besucht als Bundeskanzler die deutsche Minderheit.

Kommunalreform und Mandatsgewinne

Einfluss in allen vier Kommunen war ein Hauptziel, das erreicht werden konnte – durch die Mandatsgewinne von Stephan Kleinschmidt in Sonderburg und Uwe Jessen nach 25 Jahren Abwesenheit in Hadersleben. „Das ist für mich eines der positivsten Ergebnisse der politischen Arbeit der letzten vielen Jahre“, so Hansen.

2015 ist ein ereignisreiches Jahr. Neben Jubiläen ist die Flüchtlingsbewegung eines der vorherrschenden Themen. Die Volksabstimmung über den EU-Rechtsvorbehalt und die Debatte um zweisprachige Ortsschilder bewegen die Minderheit. 

Was 2005 sonst noch geschah?

2015: Identität, Flüchtlinge und Ortsschilder 

Der Hauptvorsitzende des Bundes Deutscher Nordschleswiger, Hinrich Jürgensen, gibt in seinem Resümee des Jahres ein Ziel aus: Er möchte, dass sich die Minderheit „intensiv mit sich selbst beschäftigt, um neue Strukturen zu etablieren“. 

Jürgensen freut sich offen auf eine Diskussion zur Identität der deutschen Minderheit in Nordschleswig. Eine Debatte, die durch mehrere Projekte angestoßen werden soll. 

Toleranz leben und Verantwortung übernehmen

Für das Jahr 2017 warnt Jürgensen vor Sparmaßnahmen. Demnach könnten sich im Flüchtlingsjahr die Kosten für Migrantinnen und Migranten negativ auf die Zuschüsse der Minderheit auswirken. Er hoffe aber, dass die Minderheit im kommenden Jahr ihrer Verantwortung gegenüber den in den Landesteil kommenden Flüchtlingen gerecht wird. „Wir als Minderheit wissen, was es bedeutet, Minderheit zu sein.“

Es müsse Verpflichtung sein, in Reden und auch ganz praktisch Toleranz und Verantwortung zu leben und nach außen zu tragen. „Aus unserer Erfahrung heraus“, so Jürgensen. Es sei Aufgabe der Gesellschaft und rein praktisch auch der Menschen, Vereine und Gruppen der deutschen Minderheit, die Flüchtlinge in Nordschleswig zu integrieren. „Wir haben die Kapazitäten, nutzen wir sie.“ 

Autobahn Flüchtlinge
Flüchtlinge marschieren über die Autobahn bei Pattburg (Padborg).

Auf der Sankelmark-Tagung spricht DF-Chef Kristian Thulesen Dahl als Referent. Der Politiker erklärt, seine Partei wolle sich und ihren Wählerinnen und Wählern in Dänemark maximalen Einfluss sichern. Er unterstreicht die Forderung nach dauerhaften Grenzkontrollen. Folketings-Vize Bertel Harter sagt, zwischen Deutschen und Dänen herrschten heute Wort und Papier statt Blut und Eisen. 

Sichtbarmachung der Minderheit

Im April 2015 kippt die Stimmung im Landesteil, als der BDN-Hauptvorstand vor dem Haus Nordschleswig in Apenrade Modelle für zweisprachige deutsch-dänische Ortsschilder in Nordschleswig präsentiert. Nachdem es zunächst nach Zustimmung in Tondern und Hadersleben aussieht, kommt der Rückschlag nach einem Alleingang von Bürgermeister H.P. Geil (V) in Hadersleben, der ein Probeschild montieren lässt. Das Schild wird über Nacht entfernt. Fremdenverkehrschef Svend Brodersen plädiert ebenso wie die ECMI-Direktorin Tove Malloy für deutsch-dänische Schilder. Malloy mahnt, das deutsch-dänische Grenzland hinke in Sachen Sichtbarmachung von Minderheiten in der Region im europäischen Vergleich weit hinterher.

Dazu Hinrich Jürgensen: „Bei den zweisprachigen Schildern geht es darum, sichtbar zu machen, dass es in Nordschleswig neben der dänischen auch eine deutsche Minderheitenkultur gibt. Zwei Kulturen, die nicht getrennt voneinander existieren, sondern sich gegenseitig befruchten, und die geprägt sind von der Geschichte, die wir heute als gemeinsame anerkennen. Zweisprachige Ortsschilder sind Symbole für Toleranz, Respekt und Anerkennung.“ So sei auch das Motto des Deutschen Tages 2015 gewählt: „Toleranz und Verantwortung.“

Zweisprachige Ortsschilder sorgen für Wirbel im Grenzland.
Zweisprachige Ortsschilder sorgen für Wirbel im Grenzland.

Volksabstimmung über Rechtsvorbehalt

Dezember 2015: Im Folketing sind die Ja-Parteien klar in der Überzahl, und auch im Wahlkampf sind sie prominent vertreten. So kommt Regierungschef Lars Løkke Rasmussen eigens nach Nordschleswig, um für ein Ja zur Abschaffung des EU-Rechtsvorbehaltes zu werben. 

In Pattburg debattiert Justizminister Søren Pind mit dem Europaabgeordneten der Europagegner der Dänischen Volkspartei, Morten Messerschmidt. 

Auch der Bund Deutscher Nordschleswiger empfiehlt ein Ja, LHN-Chef Jørgen Popp Petersen weist auf die Vorzüge der Rechtszusammenarbeit hin. Allein: Das Volk entscheidet am Ende anders. 

Der Chef der Dänischen Volkspartei feiert den Erfolg.
Der Chef der Dänischen Volkspartei feiert den Erfolg.

BDN-Chef Hinrich Jürgensen: „Wenn alle EU-Länder das herausnehmen würden, was ihnen nicht in den Kram passt, dann hätten wir kein Europa mehr. Dänemark pickt sich die Rosinen raus und will keine Verantwortung übernehmen.“

Hier geht es zu Teil 1:1955, 1965, 1975 und 1985: So schaute die Minderheit aufs Jahr zurück

Was 2015 sonst noch geschah?