Wittenberg des Nordens

Wie der Berliner Birck im Dom die Reformation formt

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Der Berliner Künstler Harald Birck hat in Hadersleben „seine“ Königin gefunden: Im Renaissance-Kostüm sitzt Anette Prip, Vorsitzende des Mittelalterfestivals zu Ehren von Herzog Hans, dem Künstler im Dom Modell.

Im 500. Jahr der Reformation bekommt Hadersleben Besuch aus Ton: Der Berliner Künstler Harald Birck formt Luther, Christian III. und Königin Dorothea – nicht im Atelier, sondern mitten in der Domstadt.

Im Nebenraum des Schiffs im Dom liegen Tonklumpen auf Zeitungspapier, auf dem Tisch stehen Kaffee und Kuchen. Zwischen halb fertigen Büsten steht Harald Birck, Bildhauer aus Berlin. Für ein paar Wochen hat er seine Werkstatt nach Hadersleben verlegt, um hier seine Reformationsausstellung zu gestalten.

Renaissance der Reformation im Dom

„Ich wollte meine Figuren vor Ort zum Leben erwecken“, sagt er.

Die Tür zur Werkstatt steht offen. Wer neugierig ist, darf hineinschauen – und Zeuge werden, wie Birck Geschichte modelliert. Es sind seine eigenen Vorstellungen, denen er in Ton Gestalt verleiht. Der Anlass: das Lutherjahr in Hadersleben, bekannt als das „Wittenberg des Nordens“. Die Domstadt feiert in diesem Jahr 500 Jahre Reformation – und ihre Helden.

 

„Ein mutiger Monarch“

In einem Nebengelass des Dom hat der Künstler eine Werkstatt eingerichtet. Das Interesse an seiner Arbeit ist groß: Immer wieder schauen Gäste des Doms dem Berliner über die Schulter oder suchen das Gespräch.

„Christian III. war schon ein mutiger Mann“, sagt Birck. Denn einfach sei die Reformation ja nicht gewesen. Der Künstler stellt sich Luther im Alltag vor. Aus seinen Gedanken dazu ist ein ganzer Katalog entstanden. „Es hilft natürlich, dass Cranach Luther fleißig gemalt hat.“ Das alles wird zur Vorlage für Bircks Figuren aus Ton im Dom.

Königin Dorothea erlebt durch Bircks Arbeit ebenfalls eine Renaissance – obgleich sie im Bewusstsein der Menschen in Hadersleben längst präsent ist. Nicht zuletzt dank des Herzog-Hans-Festivals und seiner Vorsitzenden Anette Prip. Im Nebenberuf ist sie die Königin des alljährlichen Mittelalterfestivals.

„Unser Kirchendiener hat mir von dem Kunstprojekt erzählt“, sagt sie. Jetzt steht sie Birck Modell. „Ich habe nicht gewusst, dass Hadersleben eine Königin hat, noch dazu eine so bezaubernde. Das herrliche Kostüm hat sie auch gleich mitgebracht“, schwärmt der Bildhauer.

Reformationsfiguren bevölkern das Schiff

Harald Bircks Büste von Christian III. entsteht aus Ton, behandelt mit Engoben. Die farbigen Oxide brennen sich bei 1.100 Grad in die Oberfläche ein. So bekommt der Reformatorkönig nicht nur Gesicht, sondern auch Ausdruck. Hier ist der König in guter Gesellschaft mit einem Gemäldes des früheren Bischofs Olav Christian Lindegaard (1980–1999) zu sehen.

Die Ausstellung unterscheidet sich von Bircks bisherigen Projekten. Nichts ist vorgefertigt – alles entsteht vor Ort in der Interimswerkstatt: Köpfe, Figuren, Komposition. „Meine Skulpturen sollen für sich sprechen, ohne dass man ein Schild daneben braucht“, sagt er. Die Ausstellung versteht sich als Einladung zur Auseinandersetzung mit der Reformation – und mit den Menschen dahinter. 

Dazu gehören Johann Wendt und Eberhard Weidensee, beide von Herzog Christian III. nach Hadersleben berufen. 1528 verfassten sie die Haderslebener Artikel: Sie definierten die kirchliche Neuordnung auf lutherischer Grundlage. In der Ausstellung bekommen auch sie ein Gesicht.

Und das alles an einem historischen Ort. Hadersleben war unter Christian III. das Zentrum der dänischen Reformation. Der Herzog und spätere König residierten im Schloss Hansborg – dort, wo heute das Arbeitsamt der Kommune steht.

„Frau Luther“ in bester Gesellschaft

Luther thront vorläufig als Makette auf einem Fenstersims im Dom.

Birck plant vier zentrale Figuren: Christian III., der Reformatorkönig, soll überlebensgroß im Altarraum stehen. Luther darf nicht fehlen. Auch Königin Dorothea von Sachsen-Lauenburg bekommt in Hadersleben ein tönernes Antlitz – ebenso wie Katharina von Bora, „Frau Luther“.

Die Ausstellung beginnt Ende Mai – pünktlich zum Herzog-Hans-Festival – und endet im September. Dann begegnen uns Königin Dorothea, Christian III. und Luther höchstselbst in Bircks Reformation aus Ton im Dom – 500 Jahre danach.