Deutsche Minderheit

Von Grenz-Fanatisten zur Brückenpartei: Die Geschichte der SP

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Die deutsche Minderheit zieht seit jeher mit der Schleswigschen Partei in den Wahlkampf – hier 2017 in der Kommune Sonderburg.

Minderheitenpolitik: Einst kämpfte sie für den Faschismus und dafür, dass Nordschleswig deutsch werden sollte – heute steht die Schleswigsche Partei wie keine andere Kleinpartei für Verständigung. Wie wurde aus nationalistischen Hardlinern eine Partei der Vielfalt und des Ausgleichs? Die Geschichte eines erstaunlichen Wandels.

„Die Schleswigsche Partei ist eigentlich gar keine Partei“, sagt Hauke Grella mit einem Schmunzeln. Im Interview mit dem Leiter des Deutschen Museums in Sonderburg (Sønderborg) macht der Historiker gleich zu Beginn klar: Der Ursprung des heute als „Partei der Mitte“ auftretenden politischen Arms der deutschen Minderheit in Nordschleswig liegt nicht im Versöhnlichen, sondern darin, sich als Deutsche in Nordschleswig gegen alles Dänische zu behaupten. 

1920 bis 1945: Von der Grenzrevision zur Integration

Nach der Volksabstimmung von 1920 sieht sich die neu entstandene deutsche Minderheit im nördlichen Teil des ehemaligen Herzogtums Schleswig, das nunmehr dänisch ist, in der Pflicht, „politisch aktiv zu sein, um deutsch zu bleiben“. Im Statut des Wählervereins steht damals deutlich: Die Grenze muss revidiert werden.

„Am 15. August 1920 wird der Schleswigsche Wählerverein gegründet“, erklärt Grella, „und der tritt bei den Wahlen unter der Listenbezeichnung Schleswigsche Partei auf. Das ist die Geburtsstunde der heutigen Bezeichnung – aber noch kein Parteigründungsakt.“

Grella betont: „Die deutsche Minderheit erkannte die Grenze von 1920 nicht an – offiziell bis 1945.“ Erst mit der Haderslebener Erklärung, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur politischen Grundlage der Organisationen der Minderheit wird, so Grella, beginnt der Bewusstseinswandel: Die Minderheit bekennt sich zu Dänemark und strebt nach politischer Mitarbeit statt nach Umkehr.

Die Grenze mitten durch das alte Herzogtum Schleswig wird akzeptiert, das eigene Schicksal als Untertaninnen und Untertanen des dänischen Königshauses wird mit der Loyalitätserklärung des Bundes Deutscher Nordschleswiger vom 1. Dezember 1945 unumkehrbar angenommen.

Drittes Reich und Besatzung: Die große Versuchung

SP Plakat von 1939
Ein Plakat der SP aus dem Jahre 1939

Doch der Weg dorthin ist schwer. Spätestens ab den 1930er-Jahren, als die Nazis in Deutschland die Macht ergreifen, stellt der politische Arm der Minderheit, damals noch als tatsächliche Partei, das Verhältnis zur dänischen Mehrheitsbevölkerung auf eine harte Belastungsprobe.

„Der Schleswigsche Wählerverein bleibt formal bestehen“, erzählt Grella, „aber tatsächlich steht ab 1935 die NSDAP-Nordschleswig dahinter.“ Die politische Übernahme der Minderheitenorganisationen ist nun bitter umkämpft. Allerdings nicht zwischen links und rechts – sondern zwischen unterschiedlichen nationalsozialistischen Gruppierungen.

Es gibt ideologische Streitigkeiten – vor allem aber geht es um Einfluss und Eitelkeiten, um die Macht innerhalb der deutschen Minderheit. Und damit letztlich auch darum, wer den erträumten Anschluss Nordschleswigs an das Dritte Reich von Nordschleswig aus würde vorbereiten dürfen.

Aufnahmen aus der Minderheit anlässlich der Schuleröffnung in Gravenstein (Gråsten) 1942. Video: danmarkpaafilm.dk

Das „Blut und Ehre“-Programm zur „Wehrertüchtigung“ mit militärischer Disziplin wurde auch auf Nordschleswigs deutschen Schulhöfen und anderswo in der Minderheit fleißig geübt. Zum nachhaltigen Gräuel der dänischgesinnten Nachbarinnen und Nachbarn.

Zahlreiche junge Nordschleswiger, die als dänische Staatsbürger gar nicht in den Krieg ziehen müssten, melden sich freiwillig zur Waffen-SS. Sie werden auch durch Politiker, die auf der SP-Liste stehen, indoktriniert. Viele finden den Tod. 

Das Dritte Reich wird vernichtend geschlagen. Der Traum eines deutsch-nationalsozialistischen Nordschleswigs ist 1945 endgültig geplatzt.

Ab 1945: Demokratischer Neubeginn – mit altem Namen 

Im November 1945 gründet sich der Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN) – die neue Dachorganisation der Minderheit. Sie hat nun die schwierige Aufgabe, die eben noch begeistert dem autoritären Hitlerkult verfallene Minderheit im demokratischen Nachkriegsdänemark zu integrieren. 

In den Jahren 1945 bis 1949 sitzt ein Großteil der Männer als Landesverräter im grenznahen Fårhuslager gefangen. Dort, wo zuvor die Nazis politische Widersacher eingesperrt haben – und von wo aus etliche in Konzentrationslager nach Deutschland deportiert worden sind.

All dies übrigens unter dem Beifall der NSDAP-N, die den Schleswigschen Wählerverein und damit die Listenbezeichnung „Slesvigsk Parti“ im Nationalsozialismus beibehielt, um nicht erneut eine Aufstellungsberechtigung beantragen zu müssen.

Aus pragmatischen Gründen wird der Name dann auch nach dem Krieg weitergeführt, um bürokratische Hürden bei Wahlen zu umgehen, erklärt Hauke Grella: „Vielleicht hat man das Gefühl, er sei als Listenname weniger belastet.“

Bei den ersten Kommunalwahlen 1946 tritt man in den Kommunen Nordschleswigs noch teils als „deutsche Liste“, teils als „Schleswigsche Partei“ an. „Es war ein Flickenteppich“, fasst Grella zusammen, „auch weil viele Minderheitenangehörige durch die Entnazifizierung nicht wahlberechtigt waren.“

Die Listenbezeichnung als Schleswigsche Partei setzt sich schließlich in den 1950er-Jahren durch. Nach außen ist die SP nun der „politische Arm des BDN“ – und bis heute ist sie organisatorisch eng an den Bund angebunden.

Fokus Kopenhagen: Die Schleswigsche Partei und das Folketing

Nicht nur lokalpolitisch, auch im Folketing in Kopenhagen ist die Liste Schleswigsche Partei nach 1920 viele Jahre vertreten. Zunächst durch den Nationalsozialisten Johannes Schmidt-Wodder, der, um seine Macht innerhalb der Minderheit zu sichern, 1934 seine eigene nationalsozialistische Organisation, die „Deutsche Front“ gründet.

Dann 1939 bis 1943, auch auf Druck aus Deutschland, durch den Gravensteiner Tierarzt, NS-Funktionär und „Volksgruppenführer“ Jens Möller. Er wird 1935 Chef der NSDAP-Nordschleswig. Bei den Folketingswahlen treten sie jeweils auf der SP-Liste an.

In den 50er- und 60er-Jahren sitzt die Minderheit trotz nur geringer landesweiter Zustimmung (je unter 0,5 Prozent für die SP) dank günstiger Wahlgesetze mit Kreismandaten in drei Perioden im Folketing.

Der damalige Abgeordnete Hans Schmidt-Oxbüll berichtet in diesem Radiobeitrag aus dem „NDR“-Archiv darüber, wie es ihm erstmals gelungen ist, ins Folketing (von ihm „Reichstag“ genannt) einzuziehen.

1970er- und 1980er-Jahre: Sekretariat statt Mandat – neue Wege nach Kopenhagen

Hans Schmidt-Oxbüll
Hans Schmidt-Oxbüll saß nach dem Krieg für die deutsche Minderheit im Folketing.

In den 1970ern gelingt der Einzug ins Parlament erneut, durch eine Zusammenarbeit mit den Zentrumsdemokraten, die wegen der SS-Vergangenheit des damaligen SP-Kandidaten jedoch schließlich aufgekündigt wird.

Die Geschichte holt die SP somit ein – und sie ist landesweit endgültig aus dem Spiel. „Man hatte ohne die Zusammenarbeit mit den Zentrumsdemokraten keine Chance mehr auf ein Mandat“, sagt Grella. „Dafür wurde 1983 das Sekretariat für die deutsche Minderheit beim Folketing eingerichtet – eine Erfolgsgeschichte.“ 

Diese Einrichtung biete, so Grella, „mehr Einfluss als ein einzelner Abgeordneter je haben könnte, gerade weil man so nicht Teil des normalen politischen Betriebes ist“. 

Der Bund Deutscher Nordschleswiger unterhält also seither ein Büro in der Hauptstadt, unweit des Machtzentrums auf Christiansborg, als ständige Kontaktstelle zu Regierung und Parlament. Die Schleswigsche Partei fokussiert sich seither auf die Politik in Nordschleswig und im Grenzland.

Seit den 1980er-Jahren: Wandel zur Regionalpartei

Gösta Toft
Gösta Toft prägte als Parteisekretär von 1987 bis 2016 die Geschicke der SP.

Seit den 1980er-Jahren wurde die Partei dann schrittweise eigenständiger: Satzungsänderungen, ein eigener Parteisekretär, Hauptversammlungen. „Aber sie bleibt immer Teil des BDN“, sagt Grella. 

Eine neue Generation politisch aktiver deutscher Nordschleswigerinnen und Nordschleswiger übernimmt allmählich Verantwortung. Ihnen ist es wichtig, sich mit der Geschichte der Minderheit kritisch auseinanderzusetzen. Zu einem Bruch mit den Vorgängerinnen und Vorgängern oder einer Distanzierung von ihnen kommt es jedoch nicht.

In den 1990ern, spätestens ab den 2000er-Jahren schließlich, entwickelt sich die SP zu einer offenen Regionalpartei, die weit über die Minderheitenpolitik hinausdenkt.

Mit den Jungen Spitzen gründet sich 1998 eine europäisch orientierte Nachwuchsorganisation. Ihr zentrales Anliegen: Jugendliche und junge Erwachsene sollen zur Minderheit stehen können und dem Landesteil nicht den Rücken kehren.

Bemerkenswert findet Grella auch den Sprachwandel: Heute wirbt die Schleswigsche Partei ganz selbstverständlich auch auf Dänisch um Stimmen. Dann auch mit dem dänischen Begriff „Sønderjylland“ – also Süderjütland, statt Nordschleswig. Ein Wort, „das man vor hundert Jahren niemals verwendet hätte“. Früher galt er aus deutscher Perspektive als unzulässig, weil er „zwingend etwas meint, das zu Dänemark gehört“. Dass die Partei ihn nun benutze, zeige „die Annäherung beider Seiten“.

Junge Spitzen 1999
Der Vorstand der Jungen Spitzen auf dem Deutschen Tag 1999, Jasper Jessen, die Vorsitzende und heutige Parteisekretärin Ruth Candussi und Stephan Kleinschmidt, fotografiert von Karin Riggelsen für den „Nordschleswiger“.

Spiegel einer Grenzlandgeschichte

Wurde am Neujahrstag 2022 der erste SP-Nachkriegsbürgermeister in Nordschleswig: Jørgen Popp Petersen (Archivfoto).

Grella sieht in der Entwicklung der Partei die Geschichte des gesamten Grenzlands gespiegelt: „Von der Ablehnung der Grenze zur Akzeptanz und zum Miteinander – das lässt sich an der SP hervorragend ablesen.“ Heute versteht sich die Schleswigsche Partei als „Brückenbauerin zwischen deutscher Minderheit und dänischer Mehrheit“, die das Miteinander lebt, das einst ihr größter Widerspruch war. 

Und dies auch auf europäischer Ebene, etwa als Teil der europäischen Partei EFA (Europäische Freie Allianz) und ihrer Jugendorganisation EFAy, die zum Ziel hat, die Vielfalt Europas und den Respekt vor kulturellem, sprachlichem und ethnischem Reichtum zu fördern.

Viele ihrer heutigen Positionen – etwa die enge Zusammenarbeit mit der dänischen Minderheitenpartei SSW – hätten vor wenigen Jahrzehnten als unvorstellbar gegolten. „Aber das ist die eigentliche Geschichte der SP“, sagt Grella: „Von der Grenzlinie zur Brücke.“

Die SP wird heute als Partei wahrgenommen.

Stephan Kleinschmidt

Eine „richtige“ Partei ist die SP unterdessen bis heute nicht. Erst kürzlich haben sich die Delegierten nach langer interner Debatte dagegen entschieden, sich organisatorisch vom BDN zu lösen. Die Schleswigsche Partei fungiert also weiterhin de facto als Ausschuss innerhalb des BDN. Wer dort Mitglied ist, kann sich auch aktiv an der Arbeit der Schleswigschen Partei beteiligen. Auch deshalb sehen viele sie weiterhin als den ganz offiziellen „politischen Arm der Minderheit“.

Die SP werde heute dennoch oder gerade deshalb immer mehr auch in der Mehrheitsbevölkerung in ihrer „Rolle der politischen Mitte“ geschätzt, sagte Stephan Kleinschmidt 2023 im „Nordschleswiger“. Statt als nationalistische Spalterin tritt sie als vermittelnde Partnerin mit interkultureller, deutsch-dänischer und vor allem regionaler Kompetenz auf. Dass es sich bei der SP weiterhin nur um eine Listenbezeichnung handelt, stört dieses Bild nicht.

„Die SP wird heute als Partei wahrgenommen“, so der langjährige Vizebürgermeister Sonderburgs. Spätestens seitdem der SP-Kandidat Jørgen Popp Petersen 2021 zum Bürgermeister der Kommune Tondern (Tønder) gewählt wurde, gilt dies auch wieder für eine breitere dänische Öffentlichkeit über Nordschleswig hinaus.