Deutsche MInderheit

Uwe Goys Blick von der Seitenlinie auf die Minderheit

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Uwe Goys Vater besaß das Fotogeschäft von Münchow in Apenrade, was auch die Richtung beeinflusste, in die Uwe Goy als Mediziner ging.

Der Mediziner Uwe Goy aus Rothenkrug, der im Frühjahr in Rente geht, blickt auf ein Leben zwischen Deutschland und Dänemark zurück. Im Interview erzählt er, wie er zur deutschen Minderheit steht, was ihn zur Psychiatrie führte – und spricht über eine dänische Kernkompetenz.

Du bist in der deutschen Minderheit aufgewachsen und hast in Kiel und in Aarhus studiert. Fühlst du dich als Teil der Minderheit?

„Ich fühle mich als Nordschleswiger, bin aber nicht mehr so recht in der Minderheit drin. Ich verfolge das ein bisschen von der Seitenlinie. Die Minderheit, muss ich auch sagen, hat sich ja geändert. Damals, als ich zur Schule ging, da kamen viele meiner Klassenkameradinnen und -kameraden aus der Minderheit. In den vergangenen Jahren sind viele aus Deutschland gekommen, weil sie mit den Verhältnissen in Deutschland nicht zufrieden sind. Das ist jetzt eine andere Minderheit.

Ich denke, es sollte nicht so werden wie auf Mallorca, wo die Deutschen in einer Art Kolonie leben. Ich weiß, viele werden mir widersprechen. Für mich macht es aber einen Unterschied, hier aufgewachsen zu sein und die Mentalität hier mitbekommen zu haben oder aus Deutschland einzuwandern. Das sage ich, ohne jemanden angreifen zu wollen. Es ist einfach ein Mentalitätsunterschied.“

Uwe Goy

Uwe Goy, Jahrgang 1963, ist ein Wanderer zwischen den Welten – der deutschen und der dänischen. Er kam am Hjarupvej in Apenrade zur Welt. Nach dem deutschen Kindergarten Jürgensgaard besuchte er zunächst die deutsche Schule in Apenrade, danach das Deutsche Gymnasium für Nordschleswig (DGN). Sein Vater besaß das Fotogeschäft von Münchow in Apenrade. Nach dem Abitur studierte er Medizin in Aarhus und Kiel. Er interessierte sich anfangs für Chirurgie, fand dann aber in der Psychiatrie sein Spezialgebiet, in dem er auch heute noch tätig ist. Uwe Goy hat zwei Kinder und lebt mit seiner Frau in Rothenkrug (Rødekro) und geht im kommenden Frühling in Rente.

Welche Unterschiede siehst du?

„Damals, als wir heranwuchsen, haben wir zu wissen bekommen: Deutschland ist unser Vorbild. Heute würde man sagen: Leitkultur.  Das würde ich jetzt nicht mehr unterschreiben. Deutsche Kultur ist spannend, aber die deutsche Gesellschaft hat ihre Probleme. Und die sind größer als in Dänemark. Man ist in Dänemark gelassener mit einigen Sachen. Ich kann mich erinnern, die meisten unserer Referendare kamen aus Deutschland. Die wussten nichts über das dänische Schulwesen. Die mussten das erst lernen. Nicht, dass sie schlecht waren, aber das ist doch ein Kultursprung.“

Hast Du deinen Töchtern ein Zugehörigkeitsgefühl zur deutschen Minderheit mitgegeben? 

„Beide haben wir in den deutschen Kindergarten in Rothenkrug gegeben, wir wohnen ja da. Die eine fühlte sich dort wohl, die andere nicht, sodass wir sie dann im dänischen Kindergarten untergebracht haben. Und wir waren zunächst der Meinung, dass beide Kinder die deutsche Schule besuchen sollten. Die Wahl war nicht ganz leicht, aber letztlich haben wir uns dazu entschlossen, unsere Kinder auf die dänische Schule in Rothenkrug zu schicken. Sie wären sonst unserer Meinung nach zu abgetrennt von der Mehrheitsgesellschaft aufgewachsen.

Aber: Meine Jüngste ist 18 und geht auf das dänische Gymnasium, die Statsskole. Sie hat vorher die deutsche Nachschule in Tingleff besucht.  Schulleiter Jörn Warm ist ein alter Klassenkamerad aus der Volksschule. Seine Frau Karin war in meinem Jahrgang am Gymnasium. Die Nachschule hat meiner Tochter wirklich sehr viel gebracht. Das muss ich schon sagen. Die machen eine sehr gute Arbeit.“

Du hast in Aarhus und in Kiel Medizin studiert. Gab es da Unterschiede?

„In Aarhus bekamen wir zu wissen, das und das Buch braucht ihr; die und die Seiten müsst ihr lesen. Alles war sehr strukturiert, fast wie im Schulunterricht. In Aarhus fingen wir mit 120 Studierenden an, in Kiel waren es 300. Dort in Kiel sagte man uns, es gebe vier, fünf Bücher, und man müsse selbst herausfinden, was man lesen wolle. Und das ist wirklich anders. Eine Art Klassenunterricht gab es nicht. 

In Deutschland herrschte zudem eine große Hierarchie im Krankenhaus. Also, wenn der Chefarzt zur Visite kam, dann durfte man nicht doof und untätig auf dem Gang herumstehen, dann musste man schnell weg, das wollte er nicht sehen. Smalltalk auf dem Flur gab es nicht. In Dänemark war das anders. Da wurde ich gefragt, willst du das mal probieren, hast du nicht Lust dazu, komm einfach mal mit – ganz anders als in Deutschland.“

Was findest du besser?

„Die dänische Herangehensweise. Aber die deutsche hat mich auch etwas gelehrt – das selbst Herausfinden. Das macht einen vielleicht ein bisschen selbstständiger. Doch es kann dauern, bis man den richtigen Weg findet.“

Kannst du dich daran erinnern, wie es war, als du nach Kiel gegangen bist? 

„Das ist ja das Lustige. In Dänemark war ich der Deutsche. Und in Deutschland war ich der Däne. Also in Deutschland waren meine Kommilitonen erstaunt, dass ich Deutsch konnte. Ich sagte dann: ‚Ich habe die deutsche Schule besucht.' ‚Bist du denn Däne?' Ich sagte: ‚Ja, ich bin Nordschleswiger' und habe dann versucht, es mit der Geschichte zu erklären. Und in Dänemark, da merkte man ab und zu meinen Akzent noch. Da hieß es dann, ich wäre von Bornholm. Ich habe mir immer gesagt, ich nehme das Beste aus beiden Kulturen.“

Gab es damals noch Vorbehalte gegenüber Deutschen? 

„Damals in Aarhus bekam ich den ‚Nordschleswiger' einige Zeit lang noch gratis zugeschickt. Ich wohnte in einem großen Studentenwohnheim. Die Zeitung lag da manchmal offen auf dem Tisch. Da gab es aber einen, der wollte das nicht haben und legte die Zeitung wieder in meinen Postkasten. Das war ein Student, der hier aus Sonderburg kam. Es war keiner von weiter oben in Dänemark, die fanden das eher interessant.“

Wäre es jetzt noch so?

„Glaube ich nicht. Nun ist das ja alles ein bisschen multikultureller.“

Wie bist du denn zur Psychiatrie gekommen? 

„In der Medizin schaut man ja, wozu man Lust hat. Und da war ich auch erst in der Chirurgie. Nach ein paar Praktika dachte ich mir aber: Ach, das ist nichts für mich.' Chirurgie ist Kunst, aber auch ein Handwerk. Nachts angerufen zu werden und dann am OP-Tisch stehen, das zehrt sehr an den Kräften, das konnte ich bei den älteren Ärzten sehen.

Mein Vater hatte ja hier in Apenrade das Fotogeschäft betrieben, von Münchow. Ein Kunde war Oberarzt in Augustenburg. Mein Vater sagte ihm, dass mir noch ein paar Praktika fehlen würden –  und so arbeitete ich dann in Augustenburg in der Psychiatrie. Und das fand ich interessant, was da so möglich war, ich bekam da einen guten Einblick und dachte, das könnte doch vielleicht etwas für mich sein. Und ich blieb dabei.“

Uwe Goy betrachtet die deutsche Minderheit „von der Seitenlinie".

Wie kann man sich deine Arbeit vorstellen?

„Vor gut 20 Jahren bekam ich das Angebot, in der Oligophrenie-Psychiatrie in Apenrade zu arbeiten. Dort betreuen wir Patientinnen und Patienten mit einer psychiatrischen Erkrankung und einem Intelligenzquotienten unter 70. 

Wir besuchen viele Menschen in ihren Institutionen, etwa in Lügumkloster oder in Rothenkrug, weil sie selbst nicht in der Lage sind zu reisen. Also kommen wir zu ihnen und schauen uns ihr Umfeld an. Kommt es in diesem Umfeld zu Veränderungen, dann reagieren beispielsweise Autisten darauf. Unsere Aufgabe besteht dann darin, die Situation der Patienten zu verbessern. Manchmal brauchen die Menschen Psychopharmaka, manchmal sind es pädagogische Interventionen oder solche im Umfeld der Patientinnen und Patienten. Dabei muss man sehen, dass die Personen, die wir betreuen, manchmal gar keine Sprache haben. Dann kommen wir mit der Familie, mit den Pflegekräften oder mit den Pädagogen ins Gespräch.“

Nimmst du Eindrücke mit nach Hause?

„Ja, natürlich. Also, wenn Leute sagen, sie würden überhaupt nichts mit nach Hause nehmen – das stimmt nicht. Natürlich gibt es Sachen, die einen weiter beschäftigen, Schicksale, die mich bewegen. Und ich denke, Gott sei Dank sind wir weitergekommen. Damals in Schleswig, 1994 war das, da hatten wir einen Schlafsaal für 20, 30 Männer, die oligophren waren. Jeder hatte einen kleinen Nachttisch und einen Spind. Aber alles in einem Raum. So etwas gibt es bei uns heute zumindest hier nicht mehr. Heute haben wir betreutes Wohnen.“

Das Thema psychische Gesundheit scheint in den vergangenen Jahren stärker in den Fokus geraten zu sein. Gibt es heute mehr psychisch Kranke?

„Ich glaube, die Aufmerksamkeit hat zugenommen. Die Krankheiten waren auch früher da, nur war der Umgang mit ihnen anders und man hat sie anders benannt. Meiner Patientengruppe, also geistig behinderte Menschen, hat man damals einen Besen in die Hand gegeben, dann konnten sie ausfegen, irgendwo. Solche Aufgaben gibt es heute fast nicht mehr. Auch die Landwirtschaft wird immer technisierter und komplexer.  Das ist wirklich nicht leicht für die Erkrankten. Ich denke, viele meiner Patientinnen und Patienten würden gern ein Leben führen, das so normal wie möglich ist.“

Gibt es in deiner Freizeit Sachen, die für dich unverzichtbar sind?

„Ja, gibt es: gutes Essen und Training. Männer, vor allem zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr, bauen rund 20 bis 25 Prozent ihrer Muskulatur ab. Das ist viel, ein natürlicher Prozess, den man Sarkopenie nennt. Fehlt die Muskulatur, schwächt dies den Bewegungsapparat. Und wenn die Muskulatur nicht beansprucht wird, schwächt das auch die Knochen. Ich will als Rentner noch so viel machen wie möglich, deshalb halte ich mich fit. 

Ich lese auch sehr gern, ich habe viele Bücher – über alles Mögliche: Geschichte, Kulturgeschichte, Kunst, Philosophie. Mit Philosophie habe ich mich leider nicht sehr viel beschäftigt, das will ich gern nachholen, wenn ich im Mai in Rente gehe. Vielleicht kann ich auch noch als Berater auf Stundenbasis tätig sein, das muss ich sehen. Meine Frau und ich reisen zudem gern, gern für wenige Tage nach London oder nach Bremen, Köln oder Hamburg. Ich hab also noch was vor.“