Flucht 1945

Ungewaschen aus dem Laderaum in eine fremde Welt: „Wir Kinder begriffen das gar nicht“

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Ein Flüchtlingsschiff, das in einem Hafen, vermutlich in Nordschleswig, festgemacht hat

Vor 80 Jahren, im Frühjahr 1945, lag Deutschland in Trümmern, Hunderttausende waren auf der Flucht. Helmut Tomaschewski war einer von ihnen. Sein Schiff machte in Hadersleben fest. Teil eins der vierteiligen Serie beschäftigt sich mit der Flucht und der Ankunft in Dänemark.

Helmut Tomaschewski antwortet prompt. Vorausgegangen war eine Anfrage per E-Mail, ob er von seiner Flucht berichten möchte. Sidsel von Qualen von Historie Haderslev hatte den Kontakt hergestellt. Seine Flucht, die war 1945. Der Zweite Weltkrieg näherte sich seinem Ende, Deutschland schaute in den Abgrund. Die Rote Armee rückte vor, und die Menschen flohen aus den Ostgebieten Deutschlands – zu Fuß, mit dem Pferdegespann, mit dem Zug oder auch per Schiff. Zwei dieser Flüchtlingsschiffe kamen nach Hadersleben. Auf einem saß Helmut Tomaschewski, damals drei Jahre und achteinhalb Monate alt, wie er schreibt. Er meldet sich aus Weilheim in Bayern, dort hat er seine neue Heimat gefunden.

Flucht nach Rostock, Schiff als Rettung

Er hat seine Erinnerungen aufgeschrieben und sie dem „Nordschleswiger“ zur Verfügung gestellt und auch die seiner Cousine Else, die, 1935 geboren, mehr Erinnerungen an die Flucht habe als er. Damals war er ein kleines Kind, aus heutiger Sicht gerade im Kindergartenalter. Seine allererste Erinnerung setzt auf der Schifffahrt ein, davon später mehr.

„Ich wurde 1941 in Usdau, im Kreis Neidenburg in Ostpreußen, geboren“, berichtet Helmut Tomaschewski am Telefon. „Es war so wie bei Ihnen im Landesteil Schleswig“, sagt der 84-Jährige. „Nach dem Ersten Weltkrieg gab es eine Volksabstimmung. Da aber die Bahnverbindung Warschau-Danzig bei uns verlief, fiel das Gebiet ohne Abstimmung direkt an Polen. Wir waren dann Deutsche in Polen“, sagt er. Aus Usdau wurde Uzdowo.

Dann kam ein zweiter Krieg und an dessen Ende die Flucht mit insgesamt sieben Personen. „Anfang 1945 kamen wir nach Rostock; Ende April oder Anfang Mai 1945 sind wir mit einem Schiff über die Ostsee geflüchtet und am 5. Mai 1945 in Hadersleben gelandet“, hat Helmut Tomaschewski rekonstruiert. Er hat sich mit der Geschichte, mit seiner Geschichte, auseinandergesetzt.

Helmut Tomaschewski, Jahrgang 1941, flüchtete 1945 mit seiner Familie über die Ostsee. Das Schiff machte in Hadersleben fest. Gute drei Jahre verbrachte er in Dänemark.

Erinnerungen der älteren Cousine

Seine Cousine, Else Keuchel, geborene Grabowski, hat ihre Erlebnisse und Eindrücke aufgeschrieben. „Sie feiert am 5. April ihren 90. Geburtstag“, schreibt Helmut Tomaschewski. Nachfolgend Auszüge aus ihrem Bericht:

„Viele flohen auf Schiffen über die Ostsee. Auch wir entschlossen uns zu diesem Fluchtweg. In Rostock gab es einen großen Hafen, von dem aus Schiffe mit Flüchtlingen abfuhren. Als wir Anfang Mai 1945 in ein Schiff einsteigen wollten, wurde gerade ein schönes, großes Schiff beladen. Mit diesem schönen, großen Schiff wollten wir in Flensburg anlegen und dort an Land gehen. Wir liefen auch in den Hafen ein, doch man ließ uns nicht an Land. In Flensburg war gerade ein großer Fliegerangriff und außerdem war die Stadt mit Flüchtlingen überfüllt. So blieben wir auf dem Schiff und fuhren wieder auf die Ostsee raus. Auch auf See machten wir einige Fliegerangriffe mit. Dazu kam die Angst, auf eine Mine zu laufen. In der Ostsee sollen viele Minen gewesen sein. Mitten auf See wurden wir alle auf ein Frachtschiff umgeladen. Warum das geschah, hat keiner erfahren. Im unteren Teil des Schiffes, dort wo normalerweise die Fracht gelagert wird, wurden wir untergebracht. Eine endlos lange Leiter mussten wir herunterklettern.“

Erste Erinnerung: Szene bei der Flucht über See

Genau dort setzt die Erinnerung des dreijährigen Helmut Tomaschewski ein. „Meine früheste Erinnerung ist, dass ich auf dem Schiff zusammen mit meiner Mutter eine steile Leiter hinunterstieg.“ Seine größere Cousine hielt ihre Eindrücke fest:

„Unser Schiff lief in einen Hafen ein. Es war die Stadt Hadersleben in Dänemark. Wir kletterten die Leiter rauf und glaubten unseren Augen nicht. Es war ein herrlicher Tag. Die Sonne schien und wir sahen gut angezogene Leute, die lachten und sich freuten. Kinder hatten weiße Strümpfe an und schöne saubere Kleidchen. Wir dagegen krochen wie die Ratten aus den Löchern. Wir waren ungewaschen, ungekämmt und unsere Kleidung hatten wir die ganzen Tage nicht gewechselt. Wir Kinder begriffen das alles gar nicht. Schließlich war doch Krieg. Da erfuhren wir von den Erwachsenen, dass wir in einem fremden Land waren. Es hieß Dänemark. Dass der Krieg aus war und dass wir ihn verloren hatten, erfuhren wir auch. Das Wort Kapitulation hörte ich dort zum ersten Mal. Es war der 8. Mai 1945.“

In den folgenden Zeilen von Else Keuchel wird eine gewisse Ambivalenz zu Dänemark deutlich. Ein Kind fühlt sich gefangen, aber empfindet die Aufnahme als freundlich.

„Wir waren eine Woche auf dem Schiff. In einem mit uns befeindeten Land waren wir nun Gefangene. Wir durften das Schiff noch nicht verlassen. Erst mussten wir gewaschen, vom Ungeziefer befreit und ärztlich untersucht werden. Es kamen nette Dänen ans Schiff und reichten uns Kindern etwas zu essen. Nach ein paar Tagen durften wir das Schiff verlassen. Wir wurden in einer Turnhalle, in dem kleinen Dorf Anslet bei Hadersleben, untergebracht. Wenn wir nicht so beengt, mit so vielen Leuten in einem Raum hätten wohnen müssen, wäre es uns nach dieser schrecklichen Zeit ganz gut gegangen.“

„Es war meiner Cousine ein Bedürfnis, ihre Erlebnisse zu Papier zu bringen. Sie hat es mir zur Verfügung gestellt“, sagt Helmut Tomaschewski am Telefon. Auch er hat sich hingesetzt und alles aufgeschrieben, auch die Jahre, die nach der Internierung in Dänemark kamen. Diese sollte noch drei Jahre, bis Ende 1948, dauern. Davon wird in zwei weiteren Folgen die Rede sein.

Teil 1 von 4 Teilen, basierend auf den Aufzeichnungen und Erinnerungen von Helmut Tomaschewski und seiner Cousine Else Keuchel, geborene Grabowski, geboren 1941 bzw. 1935. Alle Artikel zum Thema unter https://www.nordschleswiger.dk/de/kriegsfluechtlinge