Heimatgeschichte

Seemann aus Ekensund: Wie Nis Nielsen die Welt und den Krieg erlebte

Veröffentlicht Geändert
Nis Nielsen und seine zweite Frau Anna fuhren beide zur See. Der Verein „Historisk Samfund for Als og Sundeved“ lässt den Seemann im neuen Jahrbuch selbst zu Wort kommen.

Vor 100 Jahren fuhr der Nordschleswiger Nis Nielsen über die Weltmeere und folgte seiner Sehnsucht nach der Ferne. Als Seemann erlebt er Nordsee, Atlantik, Kolonialhäfen in Ostasien, Krieg, Schiffbruch und Verlust – und kehrt doch immer wieder an die Flensburger Förde zurück, wo er sein bewegtes Leben schließlich selbst zu Papier bringt.

Ein Seemann aus Nordschleswig zwischen kaiserlicher Marine, Familientragödie, Fernweh und Heimatverbundenheit: Über das Leben von Nis Nielsen hat der Verein „Historisk Samfund for Als og Sundeved“ ein Buch herausgegeben.

Nis Nielsen wächst Ende des 19. Jahrhunderts in einer einfachen Familie auf Broackerland (Broagerland) auf und zieht mit seinen Eltern nach Ekensund (Egernsund). Bereits als Elfjähriger geht er auf eigenen Wunsch bei einem Bauern in Øvre Blåkrog in den Dienst und besucht kurze Zeit die Schule in Warnitz (Varnæs). Er entwickelt früh den Wunsch, zur See zu fahren. 

„Schon als Kind in Brockerland interessierte ich mich mehr für Geografie und Naturkunde als für den Unterricht in der Schule. Ich dachte früh daran, weit in der Welt herumzukommen, und wusste deshalb, dass ich zur See gehen musste. Nach der Konfirmation in der Kirche von Warnitz begann ich ernsthaft damit, diesen Plan umzusetzen.“

Aus Flensburg auf dem Dampfer in die weite Welt

Nis Nielsen (3. stehend v. l.) arbeitete von Kindesbeinen an, hütete Kühe und ging als Knecht in die Lehre auf einem Bauernhof. Schon als Konfirmand träumte er von einem Leben als Seemann.

Nach einer Dienstzeit auf dem Hof von Claus Jensen kehrt er nach Ekensund zurück und beginnt sein Seemannsleben auf kleineren Schiffen, die Sand und andere Güter in der westlichen Ostsee transportieren.

Nach der Konfirmation eröffnet sich ihm mit 15 Jahren die Welt der internationalen Seefahrt, als er auf dem Flensburger Dampfschiff „Mathilde“ als Schiffsjunge und später als Messediener anheuert. In seinen Erinnerungen beschreibt er den harten Alltag in der Kombüse und die strengen Vorgesetzten, schildert aber zugleich, wie er in der Nord- und Ostsee, in Norwegen und im Nordatlantik die Vielfalt der Häfen und die wachsende Bedeutung der Dampfschifffahrt erlebt. 

„Auf der ,Mathilde‘ lernte ich, wie es wirklich ist, auf einem Schiff zu leben. Ich stand früh auf, schälte Kartoffeln, kochte Kaffee und bediente die Offiziere in der Messe. Die Arbeit fiel mir schwer, und manche Vorgesetzte behandelten mich hart, doch ich nahm mir vor, nicht zu klagen. Ich merkte, dass mich das Leben auf See trotz aller Mühen prägte und ich dort bleiben wollte.“

Diese frühen Fahrten führen ihn auch nach Amerika, Afrika und in den Indischen Ozean, bevor er in Kiel in die Kaiserliche Marine eintritt und als Steward der Ostasiatischen Eskadre um die Welt reist.

Im Dienst der Offiziere

Die Seemannsgeschichte im Jahrbuch ist mit vielen Fotos unterlegt; hier ein Foto von der „Mathilde“ in Aberdeen.

Die Dienstzeit in der Marine bringt ihn nach Qingdao in China, in Pazifikgebiete wie Papua-Neuguinea, die Karolinen und Marianen sowie nach Samoa, wo er Kolonialpolitik, militärische Präsenz und Begegnungen mit Einheimischen aus nächster Nähe beobachtet. 

Als Steward eines hohen Offiziers erhält er Zugang zu Empfängen, Landgängen und diplomatischen Veranstaltungen, die den meisten Seeleuten verschlossen bleiben, und er begleitet Offiziere bei Einkäufen oder Ausflügen, während er gleichzeitig den Alltag an Bord mit langen Seereisen, Übungen und offiziellen Auftritten beschreibt. 

Nach Ende der Wehrpflicht kehrt er mit dem Dampfer „Patricia“ nach Deutschland zurück, leidet jedoch weiter an den Folgen einer Malariaerkrankung, die er sich im Tropenklima zugezogen hat.

Während des Ersten Weltkriegs wird Nis Nielsen erneut zur deutschen Marine eingezogen und dient auf verschiedenen Schiffen, teils auf Minensuchern und in gefährlichen Einsatzgebieten in der Ostsee.

Familie kommt bei Explosion ums Leben

Ein Selbstporträt von Nis Nielsen; der Beschreibung nach hatte er blonde Haare, graue Augen und eine Tätowierung auf dem rechten Arm.

Sein privates Leben verläuft ebenso bewegt: 1912 heiratet Nis Nielsen Ida Mathilde Marcussen aus Auenbüll (Avnbøl), die jedoch 1917 stirbt, während er noch im Kriegsdienst steht.

„Ein guter Freund verhalf mir zu einem Schiff, mit dem ich am 27. November 1917 in der Ostsee auf eine deutsche Mine auffuhr und Schiffbruch erlitt. Meine Frau und mein Kind waren mit an Bord und verloren bei dieser Explosion ihr Leben. Selbst überlebte ich. Ich wurde nach Rostock auf ein deutsches Kriegsschiff gebracht und reiste von dort ab.“

1919 geht er eine zweite Ehe mit Anne Marie Dorothea Hansen aus Rinkenis (Rinkenæs) ein, mit der er Kinder bekommt und ein Familienleben in Ekensund aufbaut. „Meine Frau und meine Kinder fuhren in der Binnenschifffahrt. Meine Frau fuhr etwa zehn Jahre zur See, bis ich erneut an Malaria erkrankte. Ich wurde 1929 im Flensburger Krankenhaus operiert. Nach dieser Operation nahm ich Abschied von der Seefahrt und ging an Land. Ich fischte und verkaufte einen Teil der Fische. Am 23. Oktober 1947 wurde ich Lotse in Egernsund.“

In seinen späten Jahren zeichnet er seine Erlebnisse als Seemann und Marinesoldat detailliert auf und übergibt sie zusammen mit Schiffsbüchern und Dokumenten dem „Broagerlands Lokalarchiv“, das diese Unterlagen bewahrt. 

Da ich jedoch immer viel gelesen habe, auch Zeitungen, erhielt ich in Ostasien deutsche Zeitungen, und so eignete ich mir ein wenig Wissen an.

Nis Nielsen

„Es ist nicht meine Absicht, mich in den Beruf von Schriftstellern einzumischen. Nein, ich schreibe nur, damit diejenigen, die dieses Buch vielleicht einmal lesen, ungefähr erkennen, wie sich ein ganzes Leben zur See abspielt und wo ein Seemann überall hinkommt. Ich könnte noch viel mehr geschrieben haben, aber ich bin zufrieden damit, dass ich es so weit gebracht habe, zumal ich nur wenig Deutsch in der Schule gelernt habe. Da ich jedoch immer viel gelesen habe, auch Zeitungen, erhielt ich in Ostasien deutsche Zeitungen, und so eignete ich mir ein wenig Wissen an.“

Buch ist im Museum zu kaufen

Die handgeschriebenen Erzählungen des Seemanns liegen im Archiv von „Broagerlands Lokalarkiv“.

Karin Kaad ist Vorsitzende des Vereins „Historisk Samfund for Als og Sundeved“, der das Jahrbuch mit der Seemannsgeschichte zusammen mit dem Museum Sønderjylland Sonderburger Schloss herausgegeben hat. 

Sie beschreibt im Vorwort: „Das Jahrbuch sammelt die Erinnerungen des Seemannes Nis Nielsen und zeigt, wie eng das Leben auf Alsen und in Sundewitt mit der großen Welt verbunden ist“. Sie hebt hervor, dass Nielsen seine Erzählung schreibt, „um zu zeigen, wie man als Seemann die Welt erleben kann“, und dass sein Bericht von Menschen erzählt, „die weit von der Heimat wegfahren und doch immer wieder nach Broager und Egernsund zurückkehren“. 

Leserinnen und Leser sind eingeladen, Nis Nielsen auf seinen Fahrten in die weite Welt vor dem Ersten Weltkrieg zu begleiten. Das Jahrbuch geht an alle Mitglieder des Vereins und ist im Museum von Schloss Sonderburg erhältlich.

Nis Nielsen schrieb seine Erinnerungen um 1950 auf und starb 1960.