Deutsche Minderheit

Literatur als Raum für Begegnung und Selbstentdeckung

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Die literarische Lesung mit Prof. Dr. Carsten Schlüter-Knauer fand in der Deutschen Bücherei Sonderburg statt. Die Veranstaltung knüpft an eine Reihe an, die sich in den vergangenen Jahren als feste Neujahrstradition etabliert hat.

Literatur zeigte am Dienstagabend in der Deutschen Bücherei Sonderburg, wie stark sie Menschen verbindet, zum Nachdenken anregt und ihnen hilft, sich selbst und andere besser zu verstehen.

An einem klaren Januarabend mit Schneegestöber vor dem elektronischen Schiebetor füllt sich die Deutsche Bücherei in der Nørre Havnegade mit Besucherinnen und Besuchern, die gemeinsam literarisch ins neue Jahr starten möchten. Zwischen Regalen, Leselampen und Stuhlreihen entsteht ein Raum, in dem Geschichten, Stimmen und persönliche Erfahrungen aufeinandertreffen.

Leider bleiben einige Stühle leer – mehrere Gäste konnten wegen der schlechten Straßenverhältnisse in Schleswig-Holstein nicht zur Lesung mit Prof. Dr. Carsten Schlüter-Knauer anreisen.

Doch die Anwesenden hatten es durch Schnee und Eis geschafft, so auch Besucherin Ulrike Winkler. Literatur ist für die Germanistin eine Einladung zum Innehalten und zum Nachdenken über das eigene Leben. 

Der Abend zeigte, wie Literatur zwischen Lachen und Nachdenklichkeit wechseln und gerade dadurch berühren kann.

„Bücher geben mir Impulse, die ich im Alltag sonst leicht übersehe“, sagt sie vor Beginn der Neujahrslesung. „Man entdeckt in Geschichten Gefühle und Erfahrungen wieder, die man selbst kennt – und bekommt doch einen neuen Blick darauf.“ Für sie ist Literatur damit ein Raum, in dem sich eigene Erfahrungen und neue Perspektiven produktiv begegnen.

Ulrike Winkler verbindet Literatur zudem mit dem „Abtauchen in andere Welten“. Im Lesen von Literatur finde man immer wieder Parallelen zum eigenen Leben.

Sie erzählt, dass sie gerade ein Buch liest, das in einer Schwimmhalle spielt und vom gleichförmigen Alltag älterer Menschen handelt, geschrieben von einer Japanerin, die in den USA lebt. „Heute war ich selbst in der Schwimmhalle und musste die ganze Zeit an dieses Buch denken, weil Situationen und Figuren sich mit meinen eigenen Beobachtungen überschnitten. Wenn Literatur solche Momente auslöst, in denen die Wirklichkeit und das Gelesene ineinanderfließen, dann finde ich das besonders spannend“, erklärt sie.

 

Unter dem Motto „Heiteres und Nachdenkliches – Mit Literatur ins neue Jahr“ fand die Lesung zum vierten Mal in der Deutschen Bücherei Sonderburg statt. Eingeladen hatte der Verband Deutscher Büchereien Nordschleswig, der mit dem kostenfreien Eintritt vielen Literaturliebenden einen belesenen Start ins neue Lesejahr ermöglichte.

Für Ulrike Winkler bedeutet Literatur, „einen Raum zu haben, in dem man lachen, nachdenken und sich selbst ein bisschen besser verstehen kann“.

Zu Beginn begrüßte Büchereimitarbeiterin Ursula Krämer die Gäste und stellte kurz Konzept und Idee der Reihe vor. Danach übernahm Prof. Dr. Carsten Schlüter-Knauer die Ansprache und führte das Publikum mit sichtbarer Freude an Sprache durch den Abend. 

Auf dem Programm standen Texte von Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, Frank Wedekind, Margarete Beutler, Otto Bierbaum und weiteren Autorinnen und Autoren – eine Auswahl, die heitere Passagen ebenso bot wie stille, nachdenkliche Momente.

Schlüter-Knauer verband die Texte mit kurzen Einordnungen, Anekdoten und Übergängen, sodass ein weiter Bogen von klassischer zu moderner Literatur entstand. Immer wieder reagierte das Publikum mit Schmunzeln auf humorvolle Stellen, während die ernsteren Passagen für spürbare Konzentration im Saal sorgten. 

In diesem Rahmen fühlte sich auch Hans Christian Bock wohl. „Ich weiß gar nicht genau, was ich dazu sagen kann“, meint der Nordschleswiger bescheiden, als er nach der Bedeutung von Literatur gefragt wird. „Ich wurde eingeladen – also komme ich eben. Und dann hoffe ich, dass ich etwas daraus mitnehmen kann.“ 

Prof. Dr. Carsten Schlüter-Knauer las einige Texte von Goethe zusammen mit seiner Frau und Büchereidirektorin Claudia Knauer.

Für ihn steht weniger ein großer intellektueller Anspruch im Vordergrund als die persönliche Begegnung mit Texten und Menschen. Literatur ist für ihn: „Ein Anlass zum Austausch und eine Gelegenheit, Neues zu entdecken.“

Genau diesen Raum schuf die Neujahrslesung in der Deutschen Bücherei Sonderburg an diesem Januarabend.

Für Hans Christian Bock aus Apenrade zählt das direkte Erleben von Texten und Begegnungen mit anderen. Literatur ist für ihn „ein Anlass zum Austausch und eine Chance, Unbekanntes zu entdecken“.