Dansk-tysk med Matlok

Historiker relativiert Habecks Donbass-Vergleich mit Blick auf das Grenzland

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Historiker Jørgen Kühl ist Mitglied der dänischen Minderheit (Archivbild).

Gibt es Parallelen zwischen dem deutsch-dänischen Krieg im Grenzland 1864 und dem Krieg im Donbass in der Ukraine? Der Historiker Jørgen Kühl verneint auf „DK4“ diese These, sieht aber dennoch auch mögliche Perspektiven.

Der Historiker und Minderheitenforscher Dr. Jørgen Kühl, Schleswig, bezeichnet es als falsch, die frühere Situation des Grenzlandes mit den Ereignissen in der heutigen Ukraine zu vergleichen. Das sagte er in der Fernsehsendung „Dansk-tysk med Matlok“ auf DK4, wo auf eine Äußerung von Vizekanzler Robert Habeck hingewiesen wurde, der 2022 bei der Einweihung des Museums Flugt/Flucht in Oksbøl/Varde das deutsch-dänische Grenzland im Jahre 1864 als Europas Donbass bezeichnet hatte.

Kühl: „Ich warne vor solchen historischen Parallelen, denn ich kann nicht erkennen, dass es 1864 im Grenzland ähnliche Situationen gegeben hat wie heute in der östlichen Ukraine. Es gab damals einen ganz anderen Auftakt, vor allem aber andere Folgen, wenn man an die Zivilbevölkerung denkt, denn 1864 handelte es sich ja um eine rein militärische Auseinandersetzung. Was die Germanisierung Nordschleswigs anbetrifft, so wurde sie ja erst in den 1880er-Jahren eingeleitet. Und trotzdem wurden ja – mit Ausnahmen – keine Dänen eingesperrt.  Natürlich wurden Leute schikaniert und es gab auch Ausweisungen, aber diese beiden Situationen miteinander zu vergleichen, ist nach meiner Absicht gefährlich, weil es eine falsche Perspektive vermittelt.“

Dennoch klingen die Äußerungen von Robert Habeck mit seinem Vergleich für den Historiker auch ein wenig nach Optimismus, denn letztlich kam doch der Frieden ins deutsch-dänische Grenzland, was auch eines Tages für die Ukraine zu hoffen ist. 

Kühl: Grenzland erlebte nicht Gewaltdimensionen wie Donbass 

Den Hinweis des Moderators, dass der Weg im deutsch-dänischen Grenzland zum Frieden 1864 doch nicht so weit entfernt schien wie heute zwischen der Ukraine und Russland, kommentierte Kühl mit den Worten: 

„Richtig, denn wir erlebten nicht jene Gewaltdimension, weder Völkermord noch Flucht oder Massendeportationen, wie sie heute konstant in der Ukraine stattfinden.“ Aber die Idee, aus dem deutsch-dänischen Konflikt positive Lehren ziehen zu können, ist für Kühl in gewisser Weise sympathisch, „denn – was ich ja oft hervorhebe – im deutsch-dänischen Grenzland vergingen auch erst 150 Jahre bis zum Frieden und in dieser Zeit fanden insgesamt sogar sieben Kriege statt, die – direkt oder indirekt – auch die Bevölkerung im Grenzland betroffen haben. Nicht zuletzt in Nordschleswig, mit den Folgen des Ersten Weltkrieges, wo man lange Zeit nur getrennt der Opfer beider Seiten gedachte, und auch der Zweite Weltkrieg mit der Besetzung Dänemarks darf nicht vergessen werden“.

Der Frieden kam von außen durch den Kalten Krieg 

Aber, fuhr Kühl fort, „dann kam die Konfliktlösung ausgerechnet durch die Umstände im Kalten Krieg, durch Struktur und Druck von außen.“ 

Moderator: Der Unterschied bei uns kam also nur von außen?

Jørgen Kühl: „Ja, und es ist bezeichnend, dass die Minderheiten auf beiden Seiten der Region zwar mit den Minderheitenregelungen leben mussten, aber die Regelungen kamen von außen her. Die Volksabstimmung nach dem Versailler Vertrag 1920 und die Bonn-Kopenhagener Erklärungen 1955 waren ja ohne den Hintergrund des Zweiten Weltkrieges und der Teilung Europas undenkbar. Nach der Feindschaft wurden wir zehn Jahre später zunächst Alliierte, wenn auch noch längst nicht Freunde. Das dauerte weitere Jahrzehnte, bis die ältere Generation die eigenen Erinnerungen und Erlebnisse zu vergessen begann und dann eine neue Generation mit historischer Amnesie nachgekommen ist. Und für sie spielen diese Ereignisse im heutigen Geschichtsunterricht kaum noch eine Rolle.“

Das gesamte „DK4“-Interview gibt es hier.