Flucht 1945

Flucht aus Ostpreußen: Vom Hafen Hadersleben nach Anslet

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Das Bild zeigt vermutlich Flüchtlinge vor dem Bürgerverein in Hadersleben.

Der dreijährige Helmut Tomaschewski und seine Familie haben es geschafft. Ihr Schiff hat im Frühjahr 1945 in Hadersleben festgemacht. Dort geht es aber nicht sofort weiter. Teil zwei der vierteiligen Serie über die Flucht aus Ostpreußen 80 Jahre danach.

Es ist Anfang Mai 1945. Helmut Tomaschewski ist drei Jahre und achteinhalb Monate alt und mit seiner Familie auf der Flucht. Sie haben es geschafft. Mit einem Schiff konnten sie sich über die Ostsee retten. Doch der Zielhafen Flensburg verweigert die Aufnahme der Menschen – zu viele Flüchtlinge. Es geht weiter nach Hadersleben. Seine sechs Jahre ältere Cousine Else Keuchel, geborene Grabowski, schreibt in ihren Erinnerungen:

„Wir waren eine Woche auf dem Schiff. In einem mit uns befeindeten Land waren wir nun Gefangene. Wir durften das Schiff noch nicht verlassen. Erst mussten wir gewaschen, vom Ungeziefer befreit und ärztlich untersucht werden. Es kamen nette Dänen ans Schiff und reichten uns Kindern etwas zu essen. Nach ein paar Tagen durften wir das Schiff verlassen.

Wir wurden in einer Turnhalle, in einem kleinen Dorf Anslet bei Hadersleben untergebracht. Wenn wir nicht so beengt, mit so vielen Leuten in einem Raum hätten wohnen müssen, wäre es uns nach dieser schrecklichen Zeit ganz gut gegangen. Die Dänen waren freundlich zu uns, besonders zu uns Kindern. Sie verstanden auch unsere Sprache. In der Nähe der Turnhalle war eine Molkerei, dort fand Vater Arbeit. Tante Hilde ging in Häuser nähen, so hatten wir genug zu essen. Wir durften uns frei bewegen und so gingen wir viel spazieren.“

Das Tretauto beeindruckt

Nach der ersten eigenen Erinnerung an die frühe Kindheit, die lange Strickleiter hinunter in den Laderaum des Schiffes, das sie nach Hadersleben gebracht hatte, kann sich Helmut Tomaschewski an einige Dinge in Anslet erinnern. „Hier ging ich viel spazieren – Hand in Hand mit meinem Opa, Gustav Tomaschewski. Am meisten beeindruckte mich ein kleines Tretauto, das einem Jungen aus einem gegenüberliegenden Geschäft gehörte. Ich konnte mich daran nicht sattsehen.“

Das Leben in Anslet war relativ frei. Helmut Tomaschewski schreibt: „Unter anderem ging meine Mutter auch bei einer Frau namens Maria Jürgensen arbeiten, von der noch Briefe nach Oksbøl kamen, sowie bei Familie Elgor, die bei einer Mühle wohnte. Diese Leute habe ich im August 1966 und Ende August 1989 besucht.“

Helmut Tomaschewski

Zu einem Wiedersehen mit dem Jungen, der das bewunderte Tretauto fuhr, kam es leider nicht mehr. Ich wollte ihn 1966 auch besuchen, aber da war er gerade beim Militär, und 1989 war er bereits verstorben.

Friedlicher Zustand nicht von Dauer

Die Freiheit in Anslet war nicht von Dauer. Else Keuchel nennt die Zeit einen „friedlichen Zustand“. Sie schreibt:

„Dieser friedliche Zustand hielt nicht lange an. Eines Tages erkrankten einige Personen an Diphtherie, andere an Scharlach. Kurze Zeit darauf waren die ersten Todesopfer zu beklagen. Unsere Eltern schauten uns Kinder immer öfter besorgt an, ob wir uns nicht auch angesteckt hätten.

Die Turnhalle wurde unter Quarantäne gestellt, das heißt, auch wir Gesunden durften uns nur in der Halle oder auf dem kleinen Hof aufhalten. Vater und auch Tante Hilde wurde verboten zu arbeiten. Dieser Zustand war nicht mehr tragbar. Wir hätten uns mit der Zeit alle angesteckt. Dazu kam, dass der Winter 1945/1946 bevorstand und die Turnhalle nicht beheizbar war. Eines Tages mussten wir unsere Sachen packen, wir hatten nicht mehr, als jeder von uns tragen konnte. Man brachte uns zum Zug nach Hadersleben. Es ging an ein uns unbekanntes Ziel. Nach einigen Stunden Zugfahrt stiegen wir aus. Der Ort hieß Oksbøl.“

„Ich kannte es ja nicht anders“

Da war Helmut Tomaschewski vier Jahre alt geworden. Es sollte drei Jahre lang sein Zuhause sein. Was macht das mit einem Kind?

„Ich kannte es ja nicht anders“, stellt er nüchtern am Telefon fest. Das Hausen in einem alten Stall auf Stroh war hart. Aber er sagt auch: „Wir hatten immer genug zu essen. Als wir 1948 nach Deutschland ausreisen durften, sahen wir, wie die Menschen hungerten.“ Er hat geackert, wollte es schaffen, nicht arm sein, er wurde Bauingenieur. Auch das hat Helmut Tomaschewski aufgeschrieben. Doch davor ging es von Anslet erst einmal nach Oksbøl in einen Pferdestall, davon soll in Teil drei der Reihe die Rede sein.

Teil 2 von 4 Teilen, basierend auf den Aufzeichnungen und Erinnerungen von Helmut Tomaschewski (Jahrgang 1941) und seiner Cousine Else Keuchel, geborene Grabowski (Jahrgang 1935). Alle Artikel zum Thema unter https://www.nordschleswiger.dk/de/kriegsfluechtlinge