Deutsche Minderheit

Die ungewollten Deutschen: So half die Minderheit ab 1945 bei der Unterbringung in Nordschleswig

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Da es 1945 an Unterbringung und Betten mangelte, wurden die Geflüchteten anfangs im Strohlager einquartiert, beispielsweise in den Klassenräumen der deutschen Schulen.

Für rund 23.000 Menschen aus den preußischen Ostgebieten endete die Flucht am Ende des Zweiten Weltkriegs in Nordschleswig. Die deutsche Minderheit war bei der Unterbringung entscheidend beteiligt, gründete ein Flüchtlingshilfswerk und quartierte die Geflüchteten privat ein. Mit welcher organisatorischen Präzision, zeigt ein Blick ins Archiv.

Der erste Zug mit rund 1.000 deutschen Flüchtlingen aus den ehemaligen preußischen Ostgebieten kam am 12. Februar 1945 am Bahnhof von Apenrade (Aabenraa) an. Sie waren in Flensburg von Bord eines Schiffes gegangen und mit Sonderzügen nach Nordschleswig gekommen.

In den folgenden Tagen und Wochen kamen die Geflüchteten aus dem Osten zu Tausenden: Sie legten Ende März mit dem ramponierten Kreuzer „Leipzig“ im Apenrader Hafen an und auch in Flensburg (Flensborg), Hadersleben (Haderslev) und Sonderburg gingen die Menschen aus Ostpreußen an Land.

Die ersten Tausenden Menschen kamen privat unter

Mitte Mai 1945 befanden sich 245.000 deutsche Flüchtlinge in Dänemark. Die deutsche Minderheit in Nordschleswig half vom ersten Tag an, die Unterbringung der Menschen zu bewältigen.

9.000 Menschen aus dem Osten quartierte die deutsche Minderheit in Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht ab Februar 1945 zunächst privat und in den leer stehenden Heimen der Kinder-Land-Verschickung ein.

Die deutsche Minderheit hieß die Menschen willkommen, während die Geflüchteten von dänischer Seite mehrheitlich unerwünscht waren.

Die ersten Menschen aus dem Osten kamen am 12. Februar 1945 in Apenrade mit dem Zug an.

„Der übergeordnete Eindruck ist, dass die deutschen Flüchtlinge von dänischer Seite nicht wohlgesonnen angenommen wurden, von der deutschen Minderheit hingegen schon“, sagt Museumsleiter Hauke Grella. „Es gibt aber auch Material im Archiv, das zeigt, wie Dänen jenen Flüchtlingen helfen wollten, die hier im Sonderburger Hafen mit Schiffen ankamen und in der Kaserne untergebracht wurden.“

Rund 23.000 Deutsche kamen aus dem Osten nach Nordschleswig

Mit Zügen und Schiffen flohen 1945 insgesamt rund 23.000 Deutsche aus dem Osten nach Nordschleswig. Sie waren auf der Flucht vor dem Krieg und der russischen Armee, die ab Januar 1945 in die ehemals ostpreußischen Gebiete und immer weiter Richtung Westen vordrang.

Organisator im Hintergrund war der Wohlfahrtsdienst der deutschen Minderheit in Tingleff (Tinglev). Mit dem eigens gegründeten Flüchtlings-Hilfswerk arrangierte der Wohlfahrtsdienst die Unterbringung.

Um die immer größer werdende Anzahl an Flüchtlingen zu bewältigen, richtete das Flüchtlings-Hilfswerk Quartiere in Schulen, Krügen und Versammlungshäusern ein.

Einquartierungsgeld für jede Person aus dem Osten

Im Archiv des Deutschen Museums Nordschleswig zeigen Unterlagen, wie detailversessen die Unterbringungen organisiert wurde. Mit eigens entworfenen Stempeln und Verwaltungsblättern notierte das Flüchtlings-Hilfswerk Nordschleswig jeden Pfennig an Einquartierungsgeld, das es den privaten Gastgebenden pro Schutzsuchender oder Schutzsuchendem auszahlte.

In Augustenburg (Augustenborg) beherbergten auch das „Deutsche Haus“ und die deutsche Schule an der Storegade die Füchtlinge. In der Schule lebten zeitweise über 50 Menschen auf 75 Quadratmetern.

Der Wohlfahrtsdienst zahlte 30 Kronen Taschengeld pro Person im Monat aus. Eine Quittung vom 28. April 1945 zeigt, dass die Unterbringung von 130 Erwachsenen und 40 Kindern in Augustenburg Quartiergelder in Höhe von 10.000 Kronen plus Taschengeld erforderte.

Die private Unterbringung stieß schnell an ihre Grenzen, sodass auch Gastwirtschaften, Jugendherbergen, Hotels und Schulgebäude einbezogen wurden. Insgesamt richtete der Wohlfahrtsdienst über 200 Lager in Nordschleswig ein.

Schelde, Knivsberg und Haus Adalbert als Quartiere

Das ehemalige Landschulheim in Schelde (Skelde), das Haus Knivsberg, das Haus Adalbert in Sonderburg oder das Turnerheim in Tondern (Tønder) – sie alle haben 1945 als Flüchtlingslager gedient.

Nach Ende des Krieges änderte sich die Lage für die Geflüchteten dramatisch. Während sie unter deutscher Besatzung keinerlei Einschränkung der Bewegungsfreiheit erlebten, gab es von der dänischen Verwaltung ab Mai 1945 strikte Anweisungen, die Lager nicht zu verlassen. Kontakt zu Einheimischen war unerwünscht.

Das Bild ist im April 1945 in einer Reportage der „Jungen Front“ erschienen. Eine Schwester behandelt den „kleinen Norbert“ in einem Kinderlazarett, möglicherweise in der alten Bürgerschule in Apenrade.

„Dänemark hätte die Flüchtlinge gerne umgehend außer Landes gebracht, aber die Alliierten ließen das nicht zu. Die Versorgungslage in Deutschland war deutlich schlechter als in Dänemark, und so musste man die Flüchtlinge notgedrungen weiter behalten“, erläutert Hauke Grella.

So entstanden nach Ende der Besatzungszeit in Dänemark größere Lager, und die private Einquartierung endete. Im Herbst/Winter 1945 gab es 50 Flüchtlingsunterkünfte im Land, die letzten privaten Einquartierungen endeten Anfang 1946.

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Unter dem Synonym Asmus von der Heide schreibt der Autor und Politiker Wilhelm Jürgensen in seinem Leitartikel in der „Nordschleswigschen Zeitung“ im Frühjahr 1945: „Wir werden die Not überwinden, wenn unser Wille stärker ist als die Not. Wir dienen damit Deutschland und seiner europäischen Mission. Deutsches Leid ist durch Jahrzehnte hindurch unser Leid gewesen … Eine neue Gemeinschaft wird in Nordschleswig wachsen müssen aus Gästen und Gastgebern. Sie muss geprägt sein von der Verantwortung des Grenzlanddeutschen und von den tapferen Herzen der Menschen des deutschen Ostens.“

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