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Christiane Stahlmanns langer Weg zur Petri-Kirche

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Dompropst Johannes Gregers Jensen überreicht Christiane Stahlmann das Einführungsdokument. Die Oberkirchenrätin der Evangelischen Kirche in Deutschland, Stefanie Reuther (Bildmitte), hat ein entsprechendes Dokument überreicht.

Die neue Hauptpastorin der deutschsprachigen Gemeinde in Kopenhagen hat sich bereits in jungen Jahren vorgenommen, für längere Zeit im Ausland zu wirken. Im Alter von 54 Jahren ging dieser Wunsch schließlich in Erfüllung. Doch es bedurfte eines zweiten Anlaufs.

Der Gemeindesaal der Petri-Kirche ist nur durch eine Mauer von der Kirche getrennt. Eine Tür führt in das Kirchenschiff. König Christian V. hat ihn Ende des 17. Jahrhunderts als Seitenschiff erbauen lassen, und der Saal trägt daher seinen Namen. 

Selbst an einem kühlen Oktobertag ist es wohlig warm in den alten Gemäuern. Der Ort ist gut geeignet dafür, dass Christiane Stahlmann über ihren Weg zur deutschen Gemeinde in Kopenhagen berichtet. 

USA-Aufenthalt weckte das Fernweh

Ihre Augen leuchten, die Stimme ist lebhaft. Sie braucht die Worte nicht auszusprechen; man sieht und hört es ihr bereits an: Die 55-Jährige fühlt sich wohl als neue Hauptpastorin an der Sankt Petri-Kirche und freut sich darauf, das zukünftige Gemeindeleben zu gestalten.

Der Weg hierher begann vor etlichen Jahren – und er begann auf einem anderen Kontinent. In ihrem „allerersten“ Jahr als Pfarrerin war Stahlmann in einer lutherischen Gemeinde im US-Bundesstaat Maine. Für sie war es spannend, Religion in einem fremden Umfeld zu vermitteln.

„Da musste ich noch einmal neu Übersetzungsarbeit leisten, nicht nur in eine andere Sprache, sondern auch in eine andere Kultur“, sagt sie mit unverkennbar bayrischem Zungenschlag.

Familiäre Situation verhindert Auslandsaufenthalt

Das Fernweh hat sie seither nicht mehr losgelassen. Doch zunächst kehrte sie nach dem Jahr in Maine in ihre Heimat zurück. 25 Jahre lang war sie dann an verschiedenen Stellen in Bayern „gerne“ Pfarrerin. 

Doch eines stand bereits damals fest: „Irgendwann in meinem Leben wollte ich mich der Herausforderung eines Auslandsaufenthalts noch einmal stellen.“

Eines ist jedoch ein Wunsch, etwas anderes, ihn umzusetzen. Da muss zunächst einmal die familiäre Situation einen Umzug ins Ausland zulassen. Stahlmanns Schwiegermutter war lange pflegebedürftig. Sie und ihr Mann Alexander Stahlmann konnten und wollten zu diesem Zeitpunkt noch nicht weggehen.

2022 war die Situation ihrer Schwiegermutter so stabil, dass das Ehepaar es sich traute, das Auslandsabenteuer anzugehen. Nun musste sie die Frage nach dem Wohin klären. Und so begannen die Verhandlungen im Haushalt. 

Da habe ich schon etwas getrauert, denn ich hätte es mir gut vorstellen können.

„Mein Mann hat es nicht so gerne warm.“

Damit fielen Italien und Spanien schon einmal aus, „was ich mir auch hätte vorstellen können“, so Stahlmann mit einem Lachen. Und Afrika war erst recht keine Option. Also richteten sie ihre Blicke in nördliche und westliche Richtung. 

Stahlmann verpasst Stelle knapp

Vor allem richteten sie sich in Richtung der jährlichen Ausschreibungen der Auslandsstellen der EKD, die üblicherweise Mitte bis Ende Juli kommen. „Wir haben dann jeden Tag in die E-Mails geschaut.“ Und tatsächlich war 2022 eine Stelle in Skandinavien dabei. Stahlmann schaffte es unter die letzten drei, doch eine andere bekam die Stelle. 

„Da habe ich schon etwas getrauert, denn ich hätte es mir gut vorstellen können.“

Kopenhagen kündigt sich als Möglichkeit an

Ihr Mann nahm die Absage gelassener. Es könne ja beim nächsten Versuch klappen. Und für diesen Versuch hatte sie bereits den Blick in Richtung Petri-Gemeinde gerichtet. So entdeckte sie auch im Gemeindeblatt der Petri-Post, dass die damalige Hauptpastorin Rajah Scheepers Ende 2023 ankündigte, sie werde im Sommer 2025 nach Berlin zurückkehren.

„Da dachte ich: Okay, nächstes Jahr kommt Kopenhagen in die Ausschreibung.“

Der Zeitpunkt war günstig – Stahlmann war bereit, sich eine neue Stelle zu suchen. Sicherheitshalber bewarb sie sich auch auf eine in Bayern: „Es erschien mir so unwahrscheinlich, dass ich die neue Pastorin in Kopenhagen werden würde.“

Stahlmann hat Ausschreibung im Urlaub studiert 

Obwohl unwahrscheinlich, spähte die Pfarrerin, als es auf Mitte Juli zuging, erneut gespannt in ihre Mailbox: Würde die Stelle in Kopenhagen tatsächlich ausgeschrieben werden?

„Die Ausschreibung kam, kurz bevor wir in den Urlaub gefahren sind. Ich habe dann alles blitzschnell ausgedruckt und mit in den Urlaub genommen.“

Dort war dann Zeit, sich die Unterlagen genauer anzuschauen – und auch noch weiter zu recherchieren. Gefunden hat das Ehepaar nur Informationen, die es noch stärker nach Kopenhagen gezogen hat: ein lebendiges und vielfältiges Gemeindeleben, ein „fantastischer“ Kirchenraum und eine Dienstwohnung im Sankt Petri-Komplex mitten in der Kopenhagener Innenstadt.

Gemeinde fordert sie auf, sich zu bewerben

Zurück aus dem Urlaub hat sie sich im September per Zoom mit zwei Mitgliedern des Gemeinderates getroffen. Ein wenig auf Tuchfühlung gehen: Stimmt die Chemie? Sie tat es: „Für mich war es so ein bisschen Liebe auf den ersten Blick.“ 

So ging es wohl auch den Mitgliedern des Gemeinderates – am darauffolgenden Tag lag eine Mail in ihrer Inbox, mit der Aufforderung, sie solle sich bewerben.

„Das war der Moment, wo ich dachte: Was willst du denn mehr? Ja, jetzt schicke ich die Bewerbung los.“

Doch bevor sie die Bewerbung losschickte, musste sie sie zunächst schreiben. Es war für sie nicht irgendeine Bewerbung. Sie wollte alles tun, damit das Projekt Kopenhagen klappt.

Ich sagte mir: Hak’s ab.

„Da habe ich schon sehr viel Herzblut hineingesteckt. Gerade auch weil ich das Gefühl hatte, es würde rein menschlich gut passen.“

Und die Antwort auf das investierte Herzblut? Zunächst gar keine. 

Die Bewerbungsfrist war der 1. Oktober. Einen Monat später hat sie dann an das Kirchenamt geschrieben. Man sei noch nicht dazu gekommen, würde sich demnächst melden. Die Stelle der zuständigen Referentin war nicht besetzt. 

Bewerbungsgespräch in der Adventszeit

Aus dem ursprünglich geplanten Termin wurde Mitte November, später Ende November: „Ich sagte mir: Hak’s ab.“ In der Woche vor dem ersten Advent kam dann doch ein Brief vom Kirchenamt der EKD in Hannover: Christiane Stahlmann möge am darauffolgenden Montag zum Vorstellungsgespräch erscheinen. 

„Für eine Pfarrerin war das jetzt nicht so ein super Termin.“ Noch dazu liegt Hannover, von ihrem damaligen Heimatort Bubenreuth aus, so ziemlich am anderen Ende der Republik. 

In Hannover wurde nicht nur sie befragt, sondern auch ihr Mann. Die EKD wollte sichergehen, dass auch er bereit war, umzuziehen. Schließlich hatte er eine feste Stelle in Bayern. Stahlmann hatte selbst das Gefühl, das Gespräch sei gut gelaufen. Wie das Kirchenamt dies sah, blieb zunächst im Dunklen. Es verstrich wieder Zeit, weil sich viele auf die Stelle beworben hatten. 

Keine stille Nacht zu Heiligabend

Kurz vor Heiligabend dann die Antwort: Stahlmann war – wie bereits zwei Jahre zuvor – in die Dreier-Runde gekommen. Sie möge doch noch eben schnell bis zum 25. Dezember einen kleinen Text für die Petri Post verfassen, in dem sie sich kurz vorstellt. 

„Das war schon eine Herausforderung. Ich hatte fünf Gottesdienste innerhalb von drei Tagen und daneben: Was schreibe ich denen? Jetzt kommt es wirklich darauf an.“

Ein Gottesdienst als Vorstellungsgespräch

Es ist der 21. Januar dieses Jahres. Christiane Stahlmann steht vor der Gemeinde, die ihre zukünftige werden könnte. Ein Gottesdienst ist Teil der Vorstellung in Kopenhagen. Das Besondere an Sankt Petri: Die Gemeinde entscheidet per Abstimmung, wer die neue Hauptpastorin werden soll. 

„Da ist die Lust, in diesem Kirchenraum Gottesdienst zu halten, die Freude, das jetzt in diesem Kontext tun zu dürfen, und da ist die Hoffnung, dass ich die Geistesgegenwart habe, denn die braucht man auch.“

„Es passt“

Die Gottesdienste sind für sie eine der schönsten Aufgaben ihres Berufes. So fühlt sie sich trotz der Prüfungssituation ruhig und sicher. In die Predigt hat sie im Vorfeld viel Energie investiert und hatte dabei engen Kontakt zu Kirchenmusiker Jonathan Sievers. Auch Musik bedeute ihr viel.

„Ich habe während des Gottesdienstes ganz schnell das Gefühl: Ja, es passt.“ Sie hat sofort das Gefühl, guten Kontakt zur Gemeinde zu haben. 

Die Konzentration im Kirchenraum ist groß. Stahlmann spürt ein wohlwollendes Interesse. „Das lässt sich ganz schwer beschreiben, weil es auch etwas Feinstoffliches hat.“

Befragung beim Kirchenkaffee

Nervöser ist sie über das, was danach kommen soll: Kirchenkaffee in genau dem Gemeindesaal, in dem sie jetzt ihre Geschichte erzählt. Kirchenkaffee, bei dem die Gemeindemitglieder ihr Fragen stellen können. Die Predigt konnte sie genau vorbereiten, doch Antworten auf die Fragen der Gemeinde nicht.

Während sie die Situation beschreibt, befinden sich lediglich sie und der Autor dieser Zeilen im Christian-V.-Saal. Während des Kirchenkaffees sind es um die hundert Menschen, vor denen sie steht. Doch sobald die Fragerunde beginnt, beruhigen sich ihre Nerven.

„Ich bin ein Typ für mündliche Prüfungen. Als ich dann loslege, denke ich: Ja mei, das läuft.“

Und so hat sie auch danach weiterhin ein gutes Gefühl. Was sie nicht wissen kann, ist, wie es an den vorherigen Sonntagen bei der Vorstellung ihrer beiden Mitbewerberinnen gelaufen ist. Doch da sie die Letzte ist, wird die Wartezeit zumindest nicht allzu lang. Am Sonntag darauf stimmt die Gemeinde ab.

Stahlmann weiß, dass zunächst der Gottesdienst von 11 bis ungefähr 12.30 Uhr stattfindet. Danach treffen sich die Gemeindemitglieder erneut beim Kirchenkaffee, reden miteinander – und stimmen dann ab.

An dem Sonntag habe ich ab 12.30 Uhr mein Handy nicht aus der Hand gelegt.

„An dem Sonntag habe ich ab 12.30 Uhr mein Handy nicht aus der Hand gelegt.“ 

Doch es bleibt stumm. Es wird 15 Uhr und es kommen Zweifel in ihr auf: „Die haben bestimmt erst die Person angerufen, die sie gewählt haben, und die Absagen dauern noch ein bisschen.“

Der Sekt steht bereits im Kühlschrank

Endlich klingelt das Telefon. Am Apparat ist der Gemeinderatsvorsitzende Stefan Reinel. Er erzählt, dass die Gemeinde sie gewählt hat. Ihre Zweifel waren so groß geworden, dass ihr ein „Oh, nein“ entfuhr. Sie kann Reinel jedoch sofort beruhigen. Das Nein bedeutet nicht, dass sie die Stelle nicht haben möchte, es ist ein Ausdruck freudiger Überraschung. 

„Dann haben wir einen Sekt geköpft.“ Die Stahlmanns hatten abgesprochen, ihn so oder so zu trinken. „Aber das ist natürlich die wesentlich freudigere Variante.“

Am 31. Juli reist das Ehepaar nach Kopenhagen und zieht in die Pfarrwohnung. Am 1. August ist Christiane Stahlmann Hauptpastorin der deutschsprachigen Gemeinde in der Dänischen Volkskirche. Zunächst bleibt ihr wenig Zeit, über ihr neues Leben nachzudenken, denn die Arbeit geht sofort los.

Christiane Stahlmann ist in der Petri-Kirche angekommen.

Die Begrüßung der Schulanfängerinnen und -anfänger bereitet sie gemeinsam mit der Petri-Schule vor, einen Sommerabschluss mit den Kollegen von der Reformierten Kirche und aus Malmö. Den sonntäglichen Kirchenkaffee nutzt sie bewusst, um Menschen kennenzulernen.

Die endgültige Ankunft

Nach eineinhalb Monaten kommt dann der Moment, an dem Stahlmann das Gefühl hat, tatsächlich in Sankt Petri angekommen zu sein. Am Sonntag, 14. September, trägt sie zum ersten Mal den dänischen Talar mit dem für sie noch ungewohnten breiten Kragen.

Die Oberkirchenrätin der EKD, Stefanie Reuther, und der Dompropst der Volkskirche, Johannes Gregers Jensen, begleiten sie beim Betreten der Kirche. Die beiden überreichen ihr jeweils eine Ernennungsurkunde. Damit ist sie Pfarrerin der deutschen Auslandsgemeinde in Kopenhagen und gleichzeitig „Sognepræst“ der deutschsprachigen Gemeinde der dänischen Volkskirche – auch das eine Besonderheit von Sankt Petri.

„Der Einführungsgottesdienst war so ein Moment, wo ich dachte: Ja, jetzt spüre ich das auch, dass ich hier angekommen bin.“