Kreis ohne Konzept gegen Hitze

Nordfriesland im heißen Sommer: So beschreiben Klinikarzt und Rettungsdienst die Lage

Nordfriesland im heißen Sommer

Nordfriesland im heißen Sommer

Birger Bahlo
Nordfriesland
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Im Sommer halten sich bis zu 20.000 Menschen am Strand von St. Peter-Ording auf – dann steigt auch die Zahl der Notfälle. Foto: Volkert Bandixen/shz.de

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Die Belastungen für die Menschen in der Sommerhitze fassen Dr. Christian Nottebrock, Chefarzt der Kardiologie am Klinikum Nordfriesland, der Kreis und der Rettungsdienst auf Bitten von shz.de zusammen.

2018 starben in Deutschland 2000 Menschen mehr als im Straßenverkehr am Tod durch Hitze. Die Redaktion von „Zeit Online“ hatte das zum Anlass genommen, alle Landkreise zu fragen, ob sie für Perioden besonderer Hitze Aktionspläne oder Schutzkonzepte für die Bevölkerung bereit hielten. Und shz.de fragte den Kreis nach Zusammenhängen zwischen den Einsatzahlen des Rettungsdienstes und den jeweiligen Wetterbedingungen.

Bislang kein Konzept für Hitzeschutz

Kreissprecher Hans-Martin Slopianka teilt mit: „Wir haben (noch) kein Hitzeschutzkonzept in Nordfriesland.“ Auch wenn es in der Region „ab und zu mal heiße Tage gibt“, habe die Arbeitsgruppe, die sich auf Bundesebene mit dem Thema befasst hat, „sicherlich in erster Linie Großstädte im Blick gehabt, in denen sich die Hitze wochenlang staut, oder Gegenden in küstenfernen Bundesländern, in denen es längere Perioden mit schwülem Wetter über 30 Grad gibt.“ Bei uns sorgten der meist vorhandene Seewind und die Nähe zur Nordsee für ein deutlich angenehmeres Klima als in vielen anderen Landstrichen Deutschlands.

Von Hitzetoten in Nordfriesland sei dem Kreis nichts bekannt, fügt er hinzu. Im Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung stehe allerdings: „Zusätzlich werden wir uns mittels einer Wasserstrategie gegen Starkregen-Ereignisse sowie mittels eines Landesaktionsplans Hitzeschutz für Hitzeperioden besser aufstellen.“ Deshalb sei davon auszugehen, dass das Land in den nächsten Jahren auf die Kreise und Kommunen zugehen werde, um einen solchen Plan zu besprechen.

Doch auch hier am Meer gibt es in Hitzeperioden vereinzelt Notfälle, die aus besonderen Situationen entstehen können. So weiß Dr. Christian Nottebrock, Chefarzt der Kardiologie am Klinikum Nordfriesland, von Sonnenstichen zu berichten.

Betroffen seien etwa Straßenarbeiter, die über Stunden der direkten Strahlung der Sonne ausgesetzt seien. Oder all jene, die womöglich stundenlang in der Sonne liegen. Eher junge Menschen würden unbeirrt ihren Freizeitaktivitäten nachgehen. Symptome bei einem Sonnenstich, der die Hirnhaut und das Hirngewebe reizt, könnten dann Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, auch hohes Fieber sein.

Ältere Menschen schonten sich aus Erfahrung eher stärker, blieben in ihren Wohnungen. Sobald aber etwa Vorerkrankte über ein paar Tage auch nachts keine Abkühlung fänden, können auch sie auf ärztliche Behandlung angewiesen sein.

Dr. Nottebrock geht abschließend auf den oft verwendeten Begriff der gefühlten Temperaturen ein. Feuchte Luft und wenig Wind behinderten das Schwitzen und folglich die Abkühlung des Körpers.

Wie beurteilt der Rettungsdienst die heiße Sommersaison?

Der Rettungsdienst verzeichne laut Hans-Martin Slopianka grundsätzlich im Sommer und gerade bei schönem Wetter mehr Einsätze – unabhängig von Temperaturen. Gründe seien, dass sich mit den Urlaubern die Zahl der hier lebenden Menschen erhöhe. Hinzu komme das Durchschnittsalter der Urlaubsgäste. „Je älter die Menschen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass jemand gesundheitliche Probleme bekommt.“

In Summe hohe Belastungen für die Menschen

Und es gebe sehr viel mehr touristischen Verkehr, „beispielsweise Kutschfahrten, Reiter, Motorradfahrer, ,Sonntagsfahrer‘, allgemein viel Verkehr auf nicht auf diese Mengen ausgelegten Straßen wie der B5, Überlastung der Fähren mit langen Wartezeiten im Auto und überlastete Bahnen mit ausgefallener Klimaanlage.“ Hinzu kämen überdies viel mehr Freizeitaktivitäten, bei denen es ebenfalls zu Zwischenfällen kommen könne. Selbst beim Wattwandern könne man in Not geraten oder sich schwer verletzen.

Im Juli und August würden rund 20 Prozent aller Einsätze eines jeden Jahres gefahren. Deshalb würden in der Sommersaison auch mehr Rettungsmittel als in der kühleren Jahreszeit vorgehalten. Fazit des Rettungsdienstes, das uns der Kreis übermittelte: „Es ist jedoch nicht feststellbar, dass der Klimawandel und damit verbundene besondere Hitze unser Einsatzaufkommen signifikant erhöht hätte.“

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