Aarons WM-Tagebuch

Der Kopf geht nur langsam nach oben

Der Kopf geht nur langsam nach oben

Der Kopf geht nur langsam nach oben

Aaron Mensing
Sonderburg/Sønderborg
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Foto: DN

SønderjyskE-Handballer Aaron Mensing befindet sich vom 15. bis zum 31. Juli mit der U21-Nationalmannschaft Dänemarks bei der Weltmeisterschaft in Algerien und berichtet in regelmäßigen Abständen im Nordschleswiger von seinen Erlebnissen und Eindrücken.

Das war ein echt frustrierendes Ende einer von uns ansonsten sehr gut gespielten Weltmeisterschaft. Ich musste nach dem Abpfiff erst einmal nur schreien, danach habe ich die Auswechselbank etwas malträtiert. Der Frust musste einfach heraus. In der Folge habe ich eine Leere gespürt, die ich so bisher noch nie hatte.

Die Minuten danach war ich fast wie in Trance und kann mich eigentlich auch nur bruchstückhaft erinnern, was um mich herum passiert ist.

Man hätte in den ersten Minuten nach dem Spiel in der Kabine eine Stecknadel fallen hören können. Jeder war mit sich selbst beschäftigt und viele von uns hatten auch Tränen in den Augen. Ich glaube auch, ich kann mich davon nicht frei sprechen. Das waren fünf sehr lange Minuten, bis Morten Henriksen das Wort ergriffen hat. Das tat unglaublich gut. Morten hat einfach die richtigen Worte gefunden und uns verdeutlicht, was wir eigentlich alles erreicht haben, am Ende auch ohne den Titel geholt zu haben. Da gingen die Köpfe dann auch langsam wieder nach oben.

Für die Nationalmannschaft aufzulaufen hat immer wieder einen unglaublich großen Stellenwert, damit ist nicht gesagt, dass das Spielen für den Verein nur das Tagewerk ist. Aber sein Land zu repräsentieren gibt mir immer noch eine Gänsehaut. Ich bin sehr stolz darauf und ziehe eine Menge Motivation daraus, dass Menschen uns unterstützen und sich für uns interessieren. Ich habe das Gefühl, dass es um mehr als nur um mich geht und auch in Algerien haben wir uns mit dieser Einstellung und unserem Auftreten viele Freunde gemacht.

Im Halbfinale und auch im Finale gehörten die Sympathien der fast 6.000 Zuschauer deutlich uns und ich übertreibe wohl nicht, wenn ich sage, dass davon die wenigsten aus Dänemark angereist waren.

Wir sind von der Halle aus auch nicht mehr ins Hotel, sonder direkt zum Flughafen auf die Heimreise. Die Sachen hatten wir schon vorher gepackt und waren auch schnell startklar. Nach der ersten Stille im Bus gingen die Gespräche los. Da musste bei allen viel raus und war wohl der erste Schritt, um die Erlebnisse zu verarbeiten. Das Schulterklopfen nahm auch fast kein Ende, aber wir konnten uns so gegenseitig aufbauen. Das tat auch mir gut.

Der Flug ging dann über Istanbul nach Kopenhagen, wobei wir über Nacht geflogen sind und ich habe bei der Landung nicht viel mehr als zwei Stunden Schlaf gehabt. Der Empfang aber war überragend und selbst ein Kamera-Team hat den Weg wegen uns zum Flughafen gefunden.

Dass wir tatsächlich so viele Menschen mit unserer Leistung begeistert haben, hat mich überrascht. Wir haben zwar zu Beginn ein wenig bei den größten Medien geschaut wie die Berichterstattung ist, aber dass es ein solches Ausmaß angenommen hat, damit haben wir nicht gerechnet. Meine Facebook-Seite war übervoll mit Berichten. Da musste ich mich erstmal kneifen.

Ich war dann schon froh, als mein Vater mich in Fredericia eingesammelt hat. Ich war todmüde und wollte auch nur noch nach Hause.

Zu Hause hat mich ein toller Empfang von meiner Mutter und den Nachbarskindern, mit denen ich immer mal wieder Handball und Fußball spiele, erwartet. Außerdem war der ganze Weg entlang der Straße zu unserem Haus mit Fähnchen geschmückt. Das hat mich schon berührt und der Stolz der Eltern hat mir nochmal vor Augen geführt, wie groß unsere Leistung eigentlich gewesen ist.

Leider hat einen der Alltag nach so einer Endrunde schneller wieder, als einem lieb ist. Zeit, um ein wenig zu feiern hatten wir in jedem Fall nicht. Das holen wir aber nach, das steht in jedem Fall fest.

Für mich bleibt auch nicht viel Zeit zum Verschnaufen und die Waschmaschine steht derzeit auch nicht still. Am Mittwoch morgen um 4 Uhr geht es mit SønderjyskE ins Trainingslager nach Ungarn. Ich bin gespannt, wie ich die mentale Herausforderung meistern werde, aber Kasper hat mir versprochen auf mich aufzupassen und mir Zeit zum verschnaufen zu geben.

Mit den Zeilen hier steigt auch für mich der Wert von der Silber-Medaille und in ein paar Wochen wird die Freude auch die Oberhand in meiner Gefühlswelt gewonnen haben. Der Stolz auf die Leistung ist in jedem Fall schon da.

Danke für die Unterstützung
Euer Aaron

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