Soziologie

Eine Welt aus Beziehungen statt Macht

Eine Welt aus Beziehungen statt Macht

Eine Welt aus Beziehungen statt Macht

Andrea Kunsemüller
Ripen/Ribe
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Prof. Dr. Hartmut Rosa, seit 2005 Prof. für Soziologie in Jena, war zu Gast in der Kathedralschule in Ripen (Ribe), wo er einen Vortrag zum Thema „Resonanz“ hielt. Foto: Andrea Kunsemüller

Auf einer Veranstaltung mit dem international renommierten deutschen Soziologen Hartmut Rosa in der Kathedralschule in Ripen (Ribe) ging es um die wundersame Alchemie der Resonanz.

Die Kathedralschule in Ripen/Ribe war ein guter Rahmen für eine Veranstaltung mit dem international renommierten deutschen Soziologen Hartmut Rosa, die sich mit nichts weniger als dem großen Weltgefüge befasste. Dabei fügte sich Hartmut Rosa gut ein in die zurückhaltende, moderne Architektur der Aula, in der jeder Ziegelstein seinen Wert hat und wo jede architektonische Rundung Sinn ergibt.

Eingefügt in die Idylle der beschaulichen Altstadt von Ripen, in der man geneigt ist, die guten alten Werte und die gute alte Welt zu idealisieren, waren wir vom Stift Ribe im Rahmen des eigentlich wegen Corona ausgefallenen Folkemøde (Begegnung mit dem Volk) eingeladen, ihm zu folgen in seinem Gedankengang zu den Themen Gemeinschaft und Gemeinwohl. Wir waren eingeladen, teilzunehmen an seiner Analyse der Strukturen der Gemeinschaft. Wir konnten uns zusammen mit ihm und durch ihn eine Welt vorstellen, die auf Beziehungen aufbaut statt auf Macht.

Hartmut Rosa nennt es Resonanz, und Resonanz ist ein kleines Wunder. Resonanz beruht nämlich auf Zuhören und der wundersamen Alchemie, die entsteht, wenn sich das Gegenüber wahrgenommen fühlt. Das passiert zwischen zwei Menschen, das passierte an diesem Sonnabend unter den Zuhörern in Ripen, und das kann auch geschehen in institutionellen Strukturen und sogar in der Politik, wenn man es denn zulässt. Daraus kann etwas Neues entstehen, etwas, das nicht im Machtgefüge zu Hause ist, sondern das aus der Beziehung zwischen Menschen und den Strukturen entsteht, in denen sie leben. Aus dem „ich will“ wird ein „Wir wollen“.

Wie aber gelangen wir dorthin? Was müssen wir verstehen, was können wir tun, wie könnte es sein? Was können wir dazu beitragen, die wir uns so häufig ohnmächtig fühlen?

Resonanz

Für Hartmut Rosa ist das Schlüsselwort Resonanz. In der Resonanz auf den anderen, auf die Umgebung treten wir in Beziehung. Fast alle Menschen machen es automatisch, wenn sie sich einem Baby in einem Kinderwagen nähern. Sie sprechen in einer Art, von der sie glauben, dass das Baby sie versteht. Sie gestikulieren, lachen, schmeicheln, und das Baby reagiert. Aber wenn sie einfach so dastehen, ohne Resonanz, ist das unerträglich für das Baby. Es versteht die Welt nicht mehr. Für das Baby ist die Welt eine Welt von Beziehungen. Wir sind, so meinen wir, schon lange darüber hinausgewachsen, haben ein komplexes Gebilde von Institutionen, Parteien, Wirtschaft und Kommunikation geschaffen, auf dem unsere Demokratie beruht und in manchen Ländern eben auch die Diktatur - und wir sehen, so Hartmut Rosa, wie sehr die Strukturen, die wir selbst geschaffen haben, von Macht und Hass geprägt sind.

Politik, so Hartmut Rosa, versteht sich in erster Linie als Kampf. Es gibt darin eine lange Tradition. Karl Marx etwa spricht von Klassenkampf, der amerikanische Präsident Donald Trump will seinen Gegner Joe Biden im Kampf um die Präsidentschaft vernichten. Der brasilianische Präsident Bolsenaro lässt die Rodung und damit die Vernichtung von Regenwäldern zu, die für uns überlebenswichtig sind.

Hass und Ohnmacht

Es ist eine Zunahme von Hass zu beobachten, so Hartmut Rosa. Hass denkt – so er überhaupt denkt – gegen die scheinbar unüberwindliche Wand der Macht. Hass hat viele Quellen, aber eine der wichtigsten ist Ohnmacht. Dem gegenüber steht Hartmut Rosas Credo von der spirituellen Unabhängigkeitserklärung. Sie erklärt sich unabhängig von Historie („Das haben wir immer schon so gemacht“), denn das ist das Totschlagargument einer jeden Erneuerung insofern, als es Strukturen bedient und nicht Menschen.

Man muss sich nicht wundern, wenn man aus Hilflosigkeit und Ohnmacht heraus aggressiv darauf reagiert. Aggression wird so leicht zur Grundhaltung des Handelns. „Wir leben im Aggressionsverhältnis zur Welt. Wir fällen die Bäume, überfischen die Meere und beuten das Land aus. Wir meinen, dass wir dadurch bestimmen. Dagegen aber steht die Erfahrung der Ohnmacht. Es ist den Menschen gelungen, den Atomkern zu spalten, aber gegen die nukleare Kettenreaktion sind wir machtlos und ohnmächtig, und wenn die Elektronik im Auto streikt, können wir noch nicht einmal das Fenster aufmachen.“ Ähnliches, sagt er in einem anderen Zusammenhang, gilt für lebensverlängernde Maßnahmen. Er meint, dass wir uns so intensiv mit lebensverlängernden Maßnahmen beschäftigen und den Tod so weit hinauszögern, dass der Tod durch die Hintertür wieder hereinkommt und er so letztlich viel präsenter ist und den Lauf des Lebens bestimmt.

Die Politik und wir

Hartmut Rosa meint, dass durch die Anteilnahme des Einzelnen an der Gesellschaft Beschlüsse anders gefasst werden, nicht als Dekret, sondern als gemeinsamer Beschluss. Der Unterschied ist frappierend: In einem Dorf muss über die Frage entschieden werden, ob ein neuer Brunnen gebaut werden soll oder nicht. Die eine Möglichkeit ist: „Die bauen einen neuen Brunnen.“ Dann hat man damit wenig zu tun. Die andere Möglichkeit ist die der Anteilnahme und der Partizipation: „Wir bauen einen neuen Brunnen.“ Man kann sogar dagegen gestimmt haben, aber man kann sich auf diesen Beschluss berufen. Nicht „die haben“, sondern „wir haben“.

In großen, weiten Strukturen gedacht ist natürlich der eigene Anteil verschwindend gering oder gar nicht mehr zu erkennen – etwa in den Beschlüssen der EU oder im Lockdown der Grenzen in der Corona-Pandemie. Und doch: die kollektive Lebenswelt wird gestaltet durch Politik, und auch wir bestimmen durch unsere Haltung, wie Politik gemacht wird.

Wenn wir Resonanz praktizieren, ändern sich die Strukturen der Entscheidungsfindung. Wir treten in einen Dialog mit der Politik, und wenn wir Glück haben und nicht allein sind, tritt die Politik auch in einen Dialog mit uns. Die in der deutschen Politik häufig zur Schau getragene Ablehnung bis hin zur Verachtung gegenüber den Argumenten des anderen wird so abgelöst durch Zuhören und durch den Versuch, den anderen zu verstehen und seine Argumente mit den meinen zu verknüpfen und auf sie zu antworten. Etwas Drittes entsteht, das weder mein noch dein ist. Das ist die Alchemie der Resonanz.

Dabei ist Resonanz mehr als Anerkennung des Anderen, sondern Resonanz ist ein dynamischer Prozess im Modus der Offenheit. Aus der Offenheit kann Klärung erfolgen und Neues entstehen. Menschen nehmen Anteil, und in dieser Anteilnahme steckt der Kern dessen, was wir Gemeinwesen nennen.

Die Gemeinschaft

In Dänemark, so Hartmut Rosa, scheint es ein relativ gut funktionierendes Gemeinwesen zu geben. Und doch, so Rosa, funktioniert die Gemeinschaft nach innen wohl auch auf der Grundlage der Abschottung gegenüber Fremden. Das heißt, es wird keine Resonanz praktiziert, sondern das Gegenteil, nämlich Schließung. Das aber kann der Preis nicht sein für eine funktionierende Gemeinschaft, nicht hier, nicht jetzt, nicht heute in einer globalen Gesellschaft.

Eine Möglichkeit der Antwort ist, auch unsererseits eine Grenze zu ziehen. „Ich muss nicht mit der AfD reden“, sagt Hartmut Rosa, auf Deutschland bezogen. „Vielleicht gibt es in der AfD sogar einige, die Argumenten zugänglich sind. Anderen, die sich verschließen, setze ich meinerseits auch Grenzen. Ich will nicht kämpfen, wohl aber streiten, und zwar im Modus der Offenheit.“

Resonanz und Kirche

Auf die Frage von Pröpstin Carmen Rahlf aus Flensburg, welche Rolle die Kirche beim Thema Resonanz einnimmt, meinte Hartmut Rosa, dass die Bibel selbst Rufen nach Resonanz ist, und immer wieder sucht der Mensch Gott, ruft ihn an und ist bemüht um eine Antwort.

Natürlich blieben in der Veranstaltung viele Fragen offen. Und natürlich ist auch nicht sicher, ob alle alles verstanden haben an diesem Sonnabendmorgen in Ripen, denn Hartmut Rosa denkt nicht nur schnell, sondern er redet auch sehr schnell. Der kleinere deutsche Teil der Zuhörer war im Vorteil. Der dänische Teil der Zuhörer war wunderbar aufmerksam, und es war ein Vergnügen, dem intellektuellen Diskurs zu folgen.

Alexander von Oettingen führte souverän durch die Veranstaltung, und den beiden Dänen Peter Tudvad, Autor und Übersetzer von Hartmut Rosas Buch über die Resonanz, und Jesper Vind, Korrespondent von Weekendavisen, fiel die schwierige Aufgabe einer Replik zu. Jesper Vind sprach über sein Verhältnis zu Deutschland, und Peter Tudvad, der seit längerem in Deutschland und jetzt im sächsischen Meißen lebt, löste sie auf seine persönliche Art und Weise. Er sprach zum Thema Heimat und Nationalität mit dem kleinen dänischen Akzent, der alle schwierigen Dinge leichter macht, sogar das Thema Nationalismus.

Was blieb, war Begegnung und Beziehung, ist Resonanz, die lange nachklingt.

Hartmut Rosa

Prof. Dr. Hartmut Rosa, geb. 1965 in Lörrach im Südschwarzwald, wo er auch heute noch lebt. Seit 2005 Prof. für Soziologie in Jena. Direktor des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt und Mitherausgeber der Fachzeitschrift Time & Society sowie des Berliner Journals für Soziologie. Versteht sich in der Nachfolge von Theodor Adorno, Jürgen Habermas und Axel Honneth.

Bücher:

  • Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung (Suhrkamp 2016)
  • Unverfügbarkeit (Unruhe bewahren). Residenz Verlag, Salzburg 2018
  • Was stimmt nicht mit der Demokratie? Eine Debatte mit Klaus Dörre, Nancy Fraser, Stephan Lessenich und Hartmut Rosa, herausgegeben von Hanna Ketterer und Karina Becker, Suhrkamp, Berlin 2019

Dänische Übersetzungen:

  • Fremmedgørelse og acceleration
  • Resonanspædagogik
  • Det ukontrollerbare
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