Büchereinweihung

1967 wurde in Apenrade „ein Keim für das Europa von morgen“ gelegt

1967 wurde in Apenrade „ein Keim für das Europa von morgen“ gelegt

1967 wurde in Apenrade „ein Keim für das Europa von morgen“ gelegt

Apenrade/Aabenraa
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Vor 50 Jahren firmierte das Haus Nordschleswig als Büchereizentrale. Gisela und Peter Jürgensen entwarfen das Gebäude. Foto: Archivbild Nordschleswiger

Herbert Wehner weihte als Minister für gesamtdeutsche Fragen die neue Büchereizentrale ein. „Ich wünsche diesem Unternehmen und allen, gleich welcher Sprache, Erziehung und Denkrichtung sie sein mögen, Freude am Erreichten und an Büchern, die Aufschluss übereinander geben“, sagt er damals in seiner Rede.

Herbert Wehner weihte als Minister für gesamtdeutsche Fragen die neue Büchereizentrale ein. „Ich wünsche diesem Unternehmen und allen, gleich welcher Sprache, Erziehung und Denkrichtung sie sein mögen, Freude am Erreichten und an Büchern, die Aufschluss übereinander geben“, sagt er damals in seiner Rede.

Vor 50 Jahren, am 17. Mai 1967, wurde die Deutsche Zentralbücherei für Nordschleswig feierlich eingeweiht. Die Inbetriebnahme des seit zehn Jahren nach einer umfangreichen Erweiterung als „Haus Nordschleswig“ bezeichneten Zentrums der Einrichtungen der deutschen Minderheit in Nordschleswig war vor einem halben Jahrhundert ein nicht unumstrittenes Ereignis. So wurde 1967 eher beiläufig erwähnt, dass sich neben den Neben- und Verwaltungsräumen der Apenrader und der Zentralbücherei im Westflügel des Hauses fünf Verwaltungsräume für das Deutsche Generalsekretariat sowie Räume für den Jugendverband und der Kameradschaftshilfe befinden.

Prominenter Gast

Prominenter Gast bei der Einweihungsfeier war der damalige Minister für gesamtdeutsche Fragen, der spätere langjährige Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Herbert Wehner. „Was hier getan wurde, wird einer von den Keimen sein, von denen man einst sagt, dass sie Wesentliches dazu beigetragen haben, dass es in Europa ein demokratisches Volksgruppenrecht gibt und jeder leben kann und keinem weh getan wird“, so Wehner in seiner Rede.

Der Minister aus Deutschland war gerade in den Tagen nach Dänemark gekommen, als Dänemark fast zeitgleich mit Großbritannien einen Antrag auf Aufnahme in die EWG, die spätere EU, gestellt hatte. Und der aus Dresden stammende Politiker war als zuständiger Minister sicher auch informiert über den bevorstehenden Kongress der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV) in Apenrade. Und so ist auch sein Hinweis auf die Bücherei zu verstehen, dass diese vergleichbar sei mit dem Ergebnis der Genfer Kennedy-Runde, die mit ihrem Verhandlungergebnis das bessere Verständnis und Leben der Völker einen großen Schritt nach vorne gebracht habe. „Ich wünsche diesem Unternehmen und allen, gleich welcher Sprache, Erziehung und Denkrichtung sie sein mögen, Freude am Erreichten und an Büchern, die Aufschluss übereinander geben“, rief er der Festgesellschaft zu.

Wehner, der auch ein Vertreter der neuen Entspannungspolitik nach Jahren des Kalten Krieges war, erklärte in seiner Ansprache, dass er gerne aus „privater Liebe zu Apenrade, diesem Landstrich und seinen Menschen, aber auch aus politischen Gründen“ gekommen sei. Er hoffe, dass das Buch zum besseren Verständnis beider Volksteile füreinander beitrage und dass beide sich deutlicher sehen und erkennen. Seine skandinavischen Wanderjahre hätten ihn gelehrt, dass Völker sich jedenfalls viel zu sagen haben. Dazu sei das Buch ein unerlässliches Mittel. Wehner, der seit 1927 KPD-Mitglied gewesen war und während der Nazi-Diktatur führende Positionen in der Exil-KPD bekleidet hatte, war 1941 nach Schweden gekommen, hatte mit dem Stalinismus gebrochen und war seit 1946 in Westdeutschland für die SPD aktiv.

Der damalige Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Herbert Wehner (r.) war 1967 prominenter Gast bei der Einweihung. Foto: Archivbild Nordschleswiger

Wehner war einige Tage vor der Eröffnungsfeier in Apenrade unter der Überschrift „knorrige Eiche des Bonner Kabinetts“ im Nordschleswiger porträtiert worden. Er hatte maßgeblich die Bildung der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger 1966 organisiert, die der Ära der SPD-geführten Regierungen unter Willy Brandt und Helmut Schmidt vorangegangen war und die Sozialdemokraten nicht nur durch Brand, sondern auch durch Reformpolitiker wie Gustav Heinemann populär gemacht hatten.
Für das Land Schleswig-Holstein, das neben der westdeutschen Bundesregierung die deutsche Minderheit und ihre Einrichtungen finanziell unterstützte, war Kulturminister Claus-Joachim von Heydebreck (CDU) zur Einweihungsfeier gekommen und überbrachte die Grüße der Landesregierung. Er unterstrich, dass die gemeinsame Arbeit für die deutsche Volksgruppe nichts mit Kampf und Kulturkampf zu tun habe. Die Entwicklung der vergangenen Jahre habe gezeigt, dass der Kampf der Vergangenheit sich zu einem friedlichen kulturellen Wettbewerb zweier benachbarter Nationen gewandelt habe. Alle Arbeit, die von Schleswig-Holstein in Nordschleswig und von Dänemark in Südschleswig geleistet werde, sei ein Beitrag zur Stärkung der Brücke von Deutschland zu den skandinavischen Ländern.
Offizieller Vertreter Dänemarks war bei der Einweihung Amtmann Vagn Hansen, der sagte, er freue sich immer, wenn kulturelle Institutionen gedeihen, gleich ob es sich dabei um dänische oder deutsche handele. Der neue schöne Rahmen für die deutsche Büchereiarbeit verspreche für die Zukunft noch bessere Leistungen.
Grußworte kamen auch von Apenrades Bürgermeister Erik Jessen, der später als Amtsbürgermeister des Amtes Nordschleswig die deutsch-dänische Zusammenarbeit gefördert hat. Er unterstrich, dass sich die ganze Stadt Apenrade mit der deutschen Volksgruppe über die neue Zentralbücherei freue.

Rede um große Politik anzusprechen

Auch der damalige Hauptvorsitzende des Bundes deutscher Nordschleswiger (BdN), Harro Marquardsen, nutzte seine Rede, um die große Politik anzusprechen: dem von Dänemark unter dem sozialdemokratischen Regierungschef Jens Otto Krag angestrebten Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Marquardsen dankte Minister Wehner, der Landesregierung und dem Schleswig-Holsteinischen Heimatbund für die Bereitstellung der Mittel für die neue Zentralbücherei. Er erinnerte daran, dass Dänemark in den vergangenen Jahren dem nordschleswigschen Grenzraum ein verstärktes kulturelles Gewicht verliehen habe, um sich auf den erstrebten EWG-Anschluss vorzubereiten. Durch ihn werde die Grenze in ihrer Bedeutung weiter verringert werden, aber der kulturelle Wettbewerb und Austausch werde dadurch nicht hinfällig. Deshalb sei der Bau der Büchereizentrale zum kulturellen Zentrum der deutschen Nordschleswiger eine Notwendigkeit gewesen.

Schlüssel als Symbol

Dem Leiter der Bücherei, Hauptbibliothekar Peter Callesen, wurde als Symbol der offiziellen Übergabe des Hauses vom Vorsitzenden des Bauausschusses, Dr. Hansen, der Schlüssel übergeben.
Dieser sprach die Hoffnung aus, dass die Bücherei Mittelpunkt einer differenzierten deutschen Kulturpflege werde. Hansen dankte allen am Bau beteiligten Architekten, Handwerkern und Firmen für ihre gute Zusammenarbeit. Frederik Christensen sprach schließlich unter dem Titel „Das Buch, eine sanfte Gewalt, derer wir uns bedienen sollten“, über die Geschichte des Büchereiwesens im deutsch-dänischen Grenzland.

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