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Junge Autoren: Das war eine coole Sache

Junge Autoren: Das war eine coole Sache

Junge Autoren: Das war eine coole Sache

Tondern/Tønder
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Das Buch „Ich will raus! Einfach raus“ wurde am Dienstag an die Autoren des Gymnasiums verteilt. Foto: Brigitta Lassen

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Schüler und Schülerinnen des Tonderner Gymnasiums erzählen von ihren Corona-Erlebnissen. Ihr Deutsch-Lehrer war so begeistert, dass die Beiträge als Buch „Ich will raus! Einfach raus...“ erschienen sind.

Was macht man als junger Mensch, wenn die Corona-Pandemie einen Präsenzunterricht verbietet und das Treffen mit Freunden und Freundinnen sowie Klassenkameraden nicht erlaubt ist. Diese Frage stellte Deutsch-Lehrer Michael Longerich seiner Turbo-Deutsch-Klasse am Gymnasium in Tondern.

Die 1 G-Schüler und -Schülerinnen, die Deutschunterricht auf hohem Niveau bekommen und meist aus der dänischen oder deutschen Minderheit kommen, machten sich an diese Aufgabe während des Online-Unterrichts heran.

Sie durften ihre Beiträge entweder als einen Eintrag in ein Tagebuch, als Gedicht oder audiovisuell an ihren Lehrer schicken. Dass ihre Werke später in Buchform zusammengefasst würden, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch keiner.

Tolle Überlegungen

Doch sie müssen gut gewesen sein. Michael Longerich war begeistert. „Sie haben sich tolle Überlegungen gemacht. Über ihre letzten Monate an ihren Schulen, ihren Wechsel ans Gymnasium, die Corona-Zeit zu Hause und ihre Zukunft", freut er sich. Er konnte 13 seiner 20 Deutsch-Schüler dazu gewinnen, dass ihre Beiträge in Buchform veröffentlicht werden durften.

Im Februar wurde ein Entwurf in Skizzenform an den Kid-Verlag in Bonn geschickt, der schon Longerichs eigenen Roman gedruckt hatte. Der Verleger sei gleich Feuer und Flamme, als er vom Buchprojekt Ich will raus. Einfach raus hörte, berichtet der Deutsch-Lehrer des Gymnasiums.

Die Auflage steigt

Bei der Übergabe der Bücher an die jungen Autoren erzählte er am Dienstag, dass das Buch auf Amazon bereits ausverkauft sei. Wie viele Exemplare der Onlineversand bestellt hatte, wusste er nicht. „Aber die Auflage steigt", lachte er. Das Buch hat auch schon auf den sozialen Medien in Lehrerkreisen seine Runde gedreht. Mehrere Bestellungen liegen schon vor.

Michael Longerich überreicht die Bücher an seine Klasse, corona-konform mit Maske. Foto: Brigitta Lassen

Nach der Büchübergabe stellte sich die drei Jugendlichen Maja, Maxine und Lasse einem KurzInterview mit dem „Nordschleswiger“. Die drei kennen sich von ihrer Zeit an Volksschulen der dänischen Minderheit. Ans Gymnasium in Tondern wechselten sie im August 2020. Bis Dezember blieb Zeit, die anderen kennenzulernen, bevor es wegen Corona ins Homeschooling ging. So lernte man seine Mitschüler und Mitschülerinnen kaum kennen, erzählen die drei Jugendlichen. Erst seit Kurzem darf der Präsenzunterricht wieder stattfinden, im zweiwöchigen Turnus.

Kriege ich das hin?

„Kriege ich das hin, habe ich mich gefragt? Ich war doch ein wenig nervös, da es ja ein Beitrag nicht nur für den schulinternen Gebrauch war, sondern in Buchform erscheinen sollte. Aber es hat Spaß gemacht. Es war eine coole Sache. Würde Michael erneut fragen, wer sich an einem anderen Buchprojekt beteiligen will, würde ich wieder mitmachen", freut sich die 17-jährige Maja Lassen aus Leck.

Maja schrieb am 7. Januar 2021 in ihr Tagebuch: „Die Tage gehen wegen der vielen Hausaufgaben sehr schnell vorbei. Jeder Tag fühlt sich gleich an, und die Zeit verfliegt. Ich bin sehr viel mit meiner Familie zusammen. Jetzt haben wir endlich einmal Zeit, gemeinsam zu kochen und Gesellschaftsspiele zu spielen. Meine Eltern haben auch Homeoffice, dadurch sind wir jeden Tag zusammen und genießen die Zeit"."

Urlaubsgefühl und doch arbeiten müssen

„Ich verstehe mich sehr gut mit meiner Familie und freue mich, dass ich mit ihr mehr Zeit verbringen darf. Die Zeit fühlt sich an, als hätten wir Urlaub, aber trotzdem müssen wir noch arbeiten. Für 2021 wünsche ich mir aber, dass Corona endlich aufhört. Natürlich freue ich mich auch schon darauf, endlich wieder Fußball spielen zu können, einzukaufen zu gehen oder einfach mit Freunden zusammen zu sein. Trotzdem könnte ich noch ein paar Wochen zu Hause aushalten. Wir haben es sehr gemütlich, und ich bin entspannt“, führt die 17-jährige Leckerin weiter aus.

Keinen Bock mehr auf Corona

Maja schreibt aber auch: „Ich hoffe echt, dass mit Corona bald vorbei ist, weil ich da echt keinen Bock mehr drauf habe. Dieses ganze Zuhausesitzen und dann nicht einmal Freunde sehen können, nervt mich einfach nur, und es macht mich teilweise auch ein bisschen depressiv/traurig. Haha, aber es kann ja nur besser werden oder nicht?“ 2020 habe sie nicht gelebt, sondern überlebt. 2020 sei ein verrücktes Jahr gewesen.

Im letzten Kapitel meint die Jugendliche.Neues Jahr, neues Glück. Für das Jahr 2021 habe ich positive und negative Erwartungen. Mein größter Wunsch ist es, mit meiner Familie wieder in den Urlaub fahren zu können. Ich habe mir nicht viele Gedanken gemacht, wie sich das Ganze auf die nächsten zwei Jahre auswirkt“.

Lasse Lorenzen, Maja Lassen und Maxine-Rachel Pörksen (r.) waren drei der 13 Autoren. Foto: Brigitta Lassen

Majas Mitschüler Lasse Lorenzen fand die Aufgabenstellung interessant. Es sei spannend, sich mit seinen eigenen Gedanken in dieser Zeit auseinanderzusetzen. „Und es war auch ganz schön, mehr Freizeit zu haben. Ich habe gemerkt, dass ich wesentlich mehr an der frischen Luft war und draußen Sport getrieben habe. Daher habe ich die Corona-Zeit zu Hause auch ganz gut überstanden. Und ich habe das Wandern für mich entdeckt“, erzählt der 16-Jährige aus Niebüll.

Lasse schreibt weiter in seinem Tagebuch: „Jetzt im Januar gibt es wieder weitaus mehr Beschränkungen, und ich komme wieder viel weniger aus dem Haus. Heute verlief der Tag wie die letzten Tage auch: Aufstehen, Videoschalte in Sport, Aufgaben beantworten in Geschichte und Mathe. Danach geht es wieder raus zum Laufen."

Normal leben

So schließt er seinen Beitrag ab: „Ich mache mir ehrlich gesagt nicht allzu viele Sorgen, was die Schule angeht, weil ich das Gefühl habe, im Online-Unterricht gut mitzukommen und viel zu lernen. Ich freue mich aber darauf, endlich wieder ‚normal‘ zu leben.“

Lehrer Michael Longerich war von den Beiträgen seiner Schüler begeistert. Foto: Brigitta Lassen

Maxine-Rachel Pörksen aus Neukirchen schreibt gerne. „Das habe ich eigentlich schon als Kind am Laptop meiner Mutter gemacht“, erzählt die 16-Jährige. Die Neukirchnerin war froh, dass sie während der Homeschooling-Zeit zumindest einige wenige ihrer besten Freunde/Freundinnen treffen konnte. „Die niedrigen Inzidenz-Zahlen in Nordfriesland ermöglichten das“, erzählt sie.

Schlechtere Noten

Maxine macht sich Gedanken über ihre Zensuren, die sich in der Zeit des Online-Unterrichts verschlechtert haben. „Ich glaube, dass Corona einen negativen Teil zu meinen Noten beigetragen hat. Ich hoffe, dass sich die Lage dauerhaft bessert oder dass Corona im Idealfall komplett verschwindet. Ich glaube, dass sich die Corona-Situation kurz bessert, danach aber wieder ein ‚Abkratzer‘ kommt. Das wird wahrscheinlich bedeuten, dass ich bis Ende des Jahres oder sogar bis nächstes Jahr einen Schulweg von etwa einer Stunde und 15 Minuten habe, also knapp zweieinhalb Stunden Fahrt pro Tag, und dass ich mich, wenn überhaupt, mit ein oder zwei Freunden treffen darf und die Laune aufgrund der Situation bei allen nur schlechter wird“, so Maxine.

Zum ersten Mal das Buch in der Hand Foto: Brigitta Lassen

Derselbe Tag in Dauerschleife

Den monotonen Tagesablauf im Homeoffice hat Hedda Sievers aus Mögeltondern/Møgeltønder in ihrem Beitrag „Derselbe Tag in Dauerschleife“ eindrucksvoll beschrieben: „Die Stille und die Zeit sollten mich beruhigen. Doch sie fühlen sich an wie eine Last. Ich will raus. Raus zu meiner Familie. Raus zu meinen Freunden. Raus sogar zu Fremden. Einfach raus! Meine Tage sind nicht schlimm. Sie kommen, wie sie gehen, schleichend."

Hedda Sievers aus Mögeltondern (2.v.r.) während des Online-Unterrichts zu Hause: „Eigentlich lebe ich denselben Tag wieder und wieder“. Foto: Brigitta Lassen

„Ich führe dieselben Gespräche mit meiner Mutter. Und manchmal führe ich sie sogar mit meinem Hund. Ich lese dieselben Bücher und höre dieselben Lieder. Eigentlich lebe ich denselben Tag wieder und wieder. Wie in einer schlechten Nachmache von „Täglich grüßt das Murmeltier“. Doch wie bei allem, so stirbt die Hoffnung zuletzt. Und meine Hoffnung auf große Menschenmengen und Familienfeiern, auf Feste mit Freunden, die wird auf jeden Fall nicht sterben", schreibt die Schülerin.

Fehlen sozialer Kontakte

Das Fehlen sozialer Kontakte und auch das abrupte Ende ihrer Volksschulzeit haben die Jugendlichen thematisiert und bedauert. Andere freuten sich, mehr Zeit gehabt zu haben und haben Bücher gelesen. Eine Schülerin räumt ein, sich sehr viel mehr in den sozialen Medien herumgetrieben zu haben. Sobald die Schule wieder losgehe, wolle sie sich das wieder abgewöhnen. Ein guter Vorsatz für 2021.

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Leitartikel

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
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