Deutsche Minderheit

Christa Haase: Eine lebensfrohe Frau ist mit 94 verstorben

Christa Haase: Eine lebensfrohe Frau ist mit 94 verstorben

Christa Haase: Eine lebensfrohe Frau ist mit 94 verstorben

Oxbüll/Oksbøl
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Christa Haase ist am 5. April im Pflegeheim von Augustenburg verstorben. Foto: Martin Sylvest/Ritzau Scanpix

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Sie war Lehrerin aus Leidenschaft und tief mit ihrer Heimat auf Nordalsen verbunden. Nun ist Christa Haase mit 94 Jahren verstorben. Ein Nachruf.

Christa Haase kam am 13. September 1929 auf dem Hof Fogedgården in Oxbüll (Oksbøll) zur Welt. Sie war die Tochter des Landwirts und späteren Folketingsabgeordneten und Hauptvorsitzenden der Deutschen Minderheit, Hans Schmidt-Oxbüll.

Zusammen mit ihren drei Schwestern wuchs sie auf Nordalsen auf. Sie besuchte die deutsche Schule in Norburg (Nordborg) und wechselte später aufgrund ihrer auffallend guten schulischen Leistungen auf die Mittelschule nach Sonderburg.

Ihr Leseinteresse und Fleiß blieben auch dort nicht unbemerkt, früh zeigte sich ihr Interesse für Naturwissenschaften. Nachdem die deutsche Schule 1945 nach Ende des Krieges geschlossen wurde, wechselte sie schließlich auf die Sonderburger Staatsschule, wo sie 1948 ihr Abitur in der mathematischen Abteilung machte.

Studium am Niels-Bohr-Institut

Nicht zuletzt der Mathematiklehrer setzte sich bei Hans Schmidt-Oxbüll dafür ein, dass die junge Christa zum Studium nach Kopenhagen geschickt wurde. Dort studierte sie als eine der ganz wenigen Frauen am Niels-Bohr-Institut Mathe, Physik und Chemie zu einer Zeit, als Niels Bohr noch selbst am Institut lehrte. 

Um ihr Studium zu finanzieren, arbeitete Christa in verschiedenen Haushalten als Hauswirtschaftshilfe und Kinderbetreuerin, wo sie von den Familien sehr geschätzt wurde. 

Sie schloss ihr Lehrerexamen erfolgreich ab – und traf sich in den Jahren des Studiums gerne in der Kantine des Gentofter Krankenhauses mit ihrer Schwester – die dort als Laborantin arbeitete – zum kostengünstigen Mittagessen. Oder mit ihrem Vater, der nach der Wahl 1953 als Parlamentsabgeordneter für die Schleswigsche Partei in Kopenhagen tätig war.  

Nach Abschluss des Studiums war es zunächst schwer, eine Stelle zu finden. Christa kehrte nach Nordschleswig zurück und arbeitete auf dem Hof Fauerby der Familie Marquardsen im Hofbetrieb mit.

Tragisches Ende einer Liebesgeschichte

1956 lernte sie auf dem Knivsbergfest Christian Jessen kennen. 1957 verlobten sich die beiden jungen Menschen und begannen, ihre Hochzeit zu planen. Doch die Liebesgeschichte nahm eine tragische Wendung: der kommende Bräutigam erkrankte schwer an Leukämie und verstarb innerhalb von wenigen Wochen – vier Wochen vor der Hochzeit.

Die junge Frau blieb nach diesem tragischen Ende auf dem Hof ihres Schwiegervaters in Spe, Jakob Jessen. „Sie hatte sich auf ein Leben als Bauersfrau eingestellt, und das war für sie auch in Ordnung“, sagt die Tochter der nun Verstorbenen Christa Haase, Sabine Lorek. 

Doch ihr alter Mathelehrer und ihr ehemaliger Schuldirektor aus Sonderburg schrieben der jungen Frau und legten ihr nahe, ihr Studium zur Lehrerin mit dem praktischen Teil abzuschließen.

Erste Lehrerin am deutschen Gymnasium

Christa Hansen Schmidt kehrte in die Schullaufbahn zurück, machte ihr Pädagogikum in Sonderburg, Tondern (Tønder) und Tingleff (Tinglev). 1959 wurde sie als erste Lehrerin am Deutschen Gymnasium in Apenrade (Aabenraa) eingestellt. 

Von ihrem ersten eigenen Gehalt, so erinnert sich die Tochter, kaufte sich die junge Lehrerin einen jadegrünen VW-Käfer, mit dem sie in den Urlaub nach Norwegen fuhr. 

 

Christa Haase war aktives Mitglied in der deutschen Minderheit auf Nordalsen, nachdem sie aus Kiel nach Norburg gezogen war. Foto: Privat

Um ein Gymnasium in Deutschland kennenzulernen, ging die Lehrerin nach Kiel, wo sie am Gymnasium in Wellingdorf hospitierte. Während dieser Zeit lernte sie ihren Fachleiter Dr. Ernst Haase näher kennen – und später lieben. 

Der 14 Jahre ältere Physiker war zu diesem Zeitpunkt noch verheiratet, doch aus ersten Treffen wurde schnell eine ernsthafte Beziehung. Christa kehrte zunächst ans Gymnasium nach Apenrade zurück, es folgte die Verlobung und schließlich die Hochzeit.

„Wenn wir über die Grenze gefahren sind, ging ihre Seele auf“

Christa Haase zog zu ihrem Mann nach Kiel, 1966 kam Tochter Sabine zur Welt. Die Verbundenheit zu ihrer Heimat Nordschleswig habe nie aufgehört, erinnert sich Tochter Sabine: „Wenn wir über die Grenze gefahren sind, wurde meine Mutter immer ein anderer Mensch. Da ging ihre Seele auf.“ Oft fuhr die Familie aus Kiel nach Nordschleswig, besuchte Verwandte und Freunde. Jakob Jessen wurde Patenonkel von Christa Haases Tochter.

Als diese in die Grundschule kam, kehrte Christa Haase in den Schuldienst zurück. An der Kieler Käthe-Kollwitz-Schule unterrichtete sie bis zu ihrer Pensionierung 1994 Mathe und Physik.

 

Christa Haase kehrte nach ihrer Pensionierung als Lehrerin in ihre Heimat zurück und lebte seit 1999 in ihrem Haus am Gammeldamm in Norburg. Foto: Privat

Meine Mutter war bis ins hohe Alter eine sehr lebensfrohe und zufriedene Frau.

Sabine Lorek

1988 starb der Ehemann von Christa Haase mit 74 Jahren. Als ihr erstes Enkelkind zur Welt kam, begann für sie ein neues Kapitel als Oma. Liebevoll kümmerte sie sich um ihre beiden Enkelsöhne und unterstützte ihre Tochter somit dabei, ihren Doktorabschluss zu machen. 

Als die Familie ihrer Tochter ins Rheinland zog, beschloss Christa Haase, 1999 zurück nach Nordalsen (Nordals) zu ziehen, wo ihre Schwestern lebten. In Norburg ließ sie sich am Gammeldamm ein Haus bauen, in dem sie bis zum März 2024 wohnte.  

Sie nahm rege an Veranstaltungen der deutschen Minderheit teil, unter anderem im Deutschen Ruderverein Norderharde, sie war Kassiererin im BDN Norderharde und aktives Mitglied der Kirchengemeinde, besuchte den Patchworkkreis in der Deutschen Schule Lunden und nahm an kulturellen Reisen und Ausflügen der Minderheit teil. 

Mathe-Nachhilfe für den Enkel übers Telefon

Ihrer Leidenschaft für Mathematik und Physik blieb Christa Haase bis ins hohe Alter treu: So gab sie ihrem Enkel Jakob während seines Maschinenbau-Studiums übers Telefon Nachhilfe in höherer Mathematik. „Sie hat das immer so gemacht, dass mein Sohn am Ende selbst zum richtigen Ergebnis kam. Das hat einmal mehr gezeigt, was für eine tolle Lehrerin sie war“, erinnert sich die Tochter. 

Die Enkel leben mittlerweile in Dänemark und in Südschweden. Mitte März zog Christa Haase, die sich trotz Alters und zuletzt einer Alzheimer-Diagnose mithilfe der Heimhilfe lange im eigenen Zuhause versorgen konnte, ins Pflegeheim nach Augustenburg (Augstenborg) um. Dort schloss sie mit dem Leben ab, sie entschlief am 5. April. 

Beerdigungsfeier in der Kirche zu Oxbüll

„Meine Mutter war bis ins hohe Alter eine sehr lebensfrohe und zufriedene Frau. Sie hat sich an dem erfreut, was war, und hat oft gesagt: Ich bin hier in meinem Haus, ich sitze an meinem wunderschönen Fenster und habe einen tollen Ausblick auf Gammeldamm, ich kann es doch gar nicht schöner haben. Mit mir ist nie langweilig.’“

Die Trauerfeier findet am Sonnabend, 13. April, ab 14 Uhr in der Kirche von Oxbüll statt. Dort, wo Christa Haase getauft, konfirmiert und verheiratet wurde.

Die Familie bittet nach der Trauerfeier zum Kaffee ins Nørreherredhus in Nordborg.

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Leitartikel

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
„Zum Tode von Günter Weitling – Seelsorger und Seele“