Die Woche am Alsensund

„Sei keine Schaummaus“

Sei keine Schaummaus

Sei keine Schaummaus

Sonderburg/Sønderborg
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Eine neue Woche am Alsensund mit Kolumnistin Sara Eskildsen Foto: Karin Riggelsen

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Der Sommer ist endgültig vorbei, fürchtet Sara Eskildsen in dieser Woche am Alsensund. Warum sie im Sommerurlaub den Boden unter den Füßen verloren hat, verrät sie in ihrer neuen Kolumne.

In diesen Wochen am Alsensund kehrte der Alltag zurück. Redaktionskonferenzen, Termine, Interviews und zur Krönung auch noch die monatliche Stadtratssitzung im Sonderburger Rathaus plus einem fabelhaften Tønder Festival – der Sommer mitsamt der Urlaubszeit ist definitiv vorbei.

Mit frisch aufgeladenem Aufnahmegerät und leichten Ansätzen von Schwimmhäuten zwischen den Zehen ging es aus dem Sommerurlaub zurück an die Arbeit. Wobei mir das Wetter die Rückkehr in den Beruf leicht machte. Bei Sonnenschein und Temperaturen weit über 20 Grad machte ich vor und nach der Arbeit genauso weiter, wie der Urlaub geendet hatte: Ich ließ mich am Steg von Mjels Mark zu Wasser.

Baden gehen – eine Lieblingsbeschäftigung, die mich seit meiner Kindheit begeistert. In diesem Sommerurlaub gab es sogar ein Wiedersehen mit einem legendären Freibad meiner Kindheit: dem Schenkensee in Schwäbisch Hall.

Sammeln von Mut und blauen Flecken

30 Jahre, ein Studium, fünf Umzüge und eine Auswanderung später stand ich mit meinen Geschwistern und einer Horde Nachwuchs vor dem Eingangsportal des Freibads, in dem wir nicht nur das Schwimmen gelernt hatten.

Neben dem Verzehr von weißen Schaummäusen und diversen Bienenstichen beim Gang durch die Kleewiese zum Kiosk stand das Sammeln von Mut und blauen Flecken im Mittelpunkt. Vor allem dann, wenn es um das Springen vom Turm ging.

Jene, die die nasskalten Stufen der Aluleitern wieder hinabstiegen, rutschen im Ansehen des gesamten Schwimmbads auf den Rang einer Schaummaus ab.

Sara Eskildsen, Kolumnistin

Es gab einen 3er für die Kleinen, einen 5er für die etwas Mutigeren, den 7,5er für die, die man ernst nehmen konnte und dann die Königsdisziplin: den 10er. Wie vor 30 Jahren auch schon, konnte ich mich dem Sog der Frage nicht entziehen: Traust du dich (noch)?

Mein „kleiner” Bruder, mittlerweile nach Kanada ausgewandert, dreifacher Familienvater und unbedarft wie eh und je, preschte mit einer kühnen Aussage nach vorne und legte die Messlatte hoch. 10 Meter hoch. „Wenn der Zehner öffnet, springe ich.”

Was bleibt einem da als große Schwester anderes übrig, als ein Ich-natürlich-Auch hinterherzuschieben.

Sei keine Schaummaus!

Schon 1991 gab es ein ungeschriebenes Gesetz: Wer auf den 10-Meter-Turm hinaufklettert, muss auch hinunterspringen. Jene, die die nasskalten Stufen der Aluleitern wieder hinabstiegen, rutschen im Ansehen des gesamten Schwimmbads auf den Rang einer Schaummaus ab.

Und so stand ich da, im Schenkensee des Sommers 2022, oben auf dem Zehner. Unter mir das glasklare Wasser, 14 Meter bis zum Beckengrund. Mein soeben hinabgesprungener kleiner Bruder triumphierend (?) am Beckenrand sitzend, und mir leicht schwindelig vor Angst.

Der Moment der Entscheidung: Traue ich mich? Foto: Privat

Noch bevor ich es mir anders überlegen konnte, kippte ich vorne leicht über, und ab ging der Flug. Der weitaus länger dauerte, als ich ihn in Erinnerung hatte. Unter dem Applaus meiner Nichten und Neffen tauchte ich wieder auf. Das Gefühl, sich getraut – und überlebt – zu haben, war genauso phänomenal wie 1991.

Damals wie heute gilt: Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, die Angst zu überwinden.

Kornfelder und Erinnerungen sind geerntet

Mittlerweile springe ich wieder von einem Termin zum anderen statt ins Wasser. Der Spätsommer ist mit den weißen Segelbooten auf dem Alsensund davongeweht, der Herbst steht vor der Tür.

Vielleicht gibt es für das Sommerfest an der Deutschen Schule Sonderburg am Sonnabend noch einen kleinen Sommer-Nachschlag, ansonsten sind Kornfelder und Erinnerungen für diesen Sommer geerntet. Wir können davon in den dunklen und kalten Monaten zehren, und die Energie aus den vergangenen Monaten fließt in neue Projekte und in Gemeinschaft.

Ob ich mir ein Windrad basteln darf?

Der Sozialdienst Fördekreis lädt zum Überraschungsbüfett ein, und der Stadtrat muss einen Kommunalhaushalt verabschieden, für den Abermillionen Kronen fehlen. Das ist, als ob man einen Pulli stricken muss, aber keine Wolle zur Verfügung hat. Nicht mal Schafe.

Die Energiekrise wirft ihre Schatten voraus, und ich frage mich, ob ich mir für mein Haus Mjels Mark wohl irgendwann mal mein eigenes Windrad basteln darf. Bei dem Zug, der sogar durch die geschlossenen Fenster pfeift, könnte man das Teil vermutlich sogar IM Haus aufstellen …

Langeweile kommt in diesem Herbst 2022 bestimmt nicht auf. Und wenn, dann denke ich an den Zehn-Meter-Sprungturm im Schenkensee und daran, dass man manchmal den Boden unter den Füßen verlieren muss, um richtig zu landen.

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