Neue Ausstellung

So war der Erste Weltkrieg in Nordschleswig

So war der Erste Weltkrieg in Nordschleswig

So war der Erste Weltkrieg in Nordschleswig

Sonderburg/Sønderborg
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Museumsinspektor René Rasmussen hat die Ausstellung 14 Monate lang ausgearbeitet. Hier steht er vor einem der Bildschirme, auf denen der Sonderburger Marineoffizier und U-Boot-Kommandant Max Valentiner (1883-1949) aus seinem Leben erzählt, dargestellt von einem Schauspieler. Foto: Karin Riggelsen

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Stell dir vor, es ist Krieg und 35.000 Nordschleswiger müssen hin – unter diesem Blickwinkel erzählt eine neue Ausstellung im Sonderburger Schloss vom Ersten Weltkrieg in Nordschleswig. Das erleben Gäste.

Als Søren Poulsen Petersen aus Rödding (Rødding) in den Ersten Weltkrieg zieht, ist er ein junger Mann mit der Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr. Als er schließlich nach Nordschleswig zurückkehrt, hat er eine Tapferkeitsmedaille gewonnen und beide Augen verloren. Ein britisches Projektil nahm ihm 1916 das Augenlicht.

„Nordschleswiger und der große Krieg“

105 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs liegen die Glasaugen von Søren Poulsen Petersen in einer gläsernen Vitrine im Schloss Sonderburg, wo sie in der neuen Ausstellung „Nordschleswiger und der große Krieg“ ihre ganz eigene Geschichte erzählen.

Am Freitag, 28. April, eröffnet die imposante Ausstellung, die für zweieinhalb Jahre zu sehen sein wird.

Zu Beginn der Ausstellung lädt ein Film dazu ein, sich mit den Fakten des Ersten Weltkrieges aus der Perspektive Nordschleswigs und Dänemarks auseinanderzusetzen. Foto: Karin Riggelsen
Kapitän Max Valentiner aus Sonderburg erzählt von einem Angriff auf hoher See. Foto: Sara Eskildsen

„Wir wollen damit den Ersten Weltkrieg aus der Sicht der Menschen in Nordschleswig erzählen“, sagt Museumsinspektor René Rasmussen, der 14 Monate an der Schau gearbeitet hat.

„Wie haben die Soldaten den Krieg erlebt?“

„Wie haben die Soldaten den Krieg erlebt? Was hat der Krieg für die zurück gebliebenen Familien bedeutet? All das erzählt die Ausstellung.“

Die Ausstellung zeigt, wie sich die Kriegsführung im Laufe der Jahre veränderte. Setzte man zu Beginn noch auf die Kavallerie (Foto), spielten im Verlauf der Jahre mehr und mehr neue Techniken wie Maschinengewehre, Handgranaten und Giftgas die Hauptrolle. Foto: Karin Riggelsen
Der erblindete Invalide Søren Poulsen Petersen in seiner Arbeitsstube Foto: Museum Sønderjylland / Collage Der Nordschleswiger

Die Besucherinnen und Besucher kommen dem Ersten Weltkrieg beeindruckend nahe. Auf Großbildschirmen treten Menschen von damals aus dem Dunkel ins Licht. Gespielt von Schauspielern, die den Originalpersonen ähneln und Texte und Berichte aus Tagebüchern, Feldbriefen oder anderen privaten Aufzeichnungen zitieren.

Verliebt, verlobt, erblindet

So erhält man auf Augenhöhe einen Bericht aus erster Hand und ein Gefühl dafür, wie tief der Krieg in das Leben der Menschen eingegriffen hat. Wie das Leben von Søren Poulsen Petersen, der nach dem Verlust seiner Augen seiner Verlobten anbietet, die Verlobung zu lösen, weil er ihr „nicht länger das Leben bieten kann, das er ihr versprochen hat“.

 

Für seinen Kriegseinsatz erhielt Søren Poulsen Petersen wie fünf Millionen andere Soldaten – davon rund 10.000 Nordschleswiger – das Eiserne Verdienstkreuz zweiter Klasse (l.). Unter dem Kreuz liegen Sørens Glasaugen. Foto: Jacob Schultz/Jysk Fynske Medier/Ritzau Scanpix
Der hölzerne Nachbau eines Panzers aus dem Ersten Weltkrieg lässt erahnen, wie groß die Fahrzeuge waren. Foto: Karin Riggelsen
Es sind in hohem Maße persönliche Schicksale, die vom Ersten Weltkrieg berichten. Schauspieler erzählen aus originalen Tagebucheintragungen und Briefen, wie die Menschen aus Nordschleswig den Krieg erlebt haben. Foto: Karin Riggelsen

35.000 Nordschleswiger – ein Fünftel der Bevölkerung – wurden vom preußischen Heer zum Kriegsdienst eingezogen. 4.000 Nordschleswiger kehrten als Invaliden aus dem Krieg zurück, 6.000 Männer starben.

Von der Kavallerie zum Giftgas

Die Ausstellung führt dem Betrachtenden die Realität des Krieges vor Augen. Und erklärt, wie sich die Kämpfe entwickelten und mit Maschinengewehren, Stacheldraht und Giftgas ganz neue Techniken entwickelt wurden.

So steht man vor einem Schützengraben oder vor dem Nachbau eines Panzers – und spürt, wie klein sich die Soldaten in diesem großen Krieg gefühlt haben müssen.

Sonderburg spielte als Standort der kaiserlichen Marine eine Rolle im Ersten Weltkrieg. Die hölzernen XXL-Stolpen im Vordergrund des BIldes wurden beim Bau der Kaserne vor rund 120 Jahren in den Alsensund gerammt, damit Kriegsschiffe daran festmachen konnten. Das Museum stellt vier der alten Stämme aus, die 2014 entfernt wurden. Foto: Karin Riggelsen
Museumsinspektor René Rasmusen vor einem Bildschirm, auf dem ein Schauspieler in die Rolle eines Soldaten von damals schlüpft. Die Darsteller gleichen den tatsächlichen Menschen, sie wurden nach dem Aussehen der Soldaten von damals gecastet. Foto: Karin Riggelsen

Spannende Details, die zusammen mit den privaten Berichten eine intensive Ausstellung formen, in der man ein Gefühl dafür erhält, wie der Erste Weltkrieg die Lebenswirklichkeit in Nordschleswig geprägt und für viele zerstört hat.

Gewehre, Dokumente, Karten

Waffeninteressierte treffen auf viele ausgestellte Gewehre, Pistolen und andere Schussgeräte; zu sehen sind außerdem Uniformen, Dokumente und Karten von damals.

Die privaten Berichte und Perspektiven ziehen sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Wer will, kann in einem digitalen Suchportal die Namen seiner Vorfahren eingeben.

 

Wer möchte, kann im digitalen Archiv nach Vorfahren suchen, die am Ersten Weltkrieg teilgenommen haben. Foto: Karin Riggelsen
Und plötzlich standen die Frauen hinter dem Pflug und verrichteten die Arbeit, die bis dato vor allem von den Männern ausgeführt wurde. Die Ausstellung zeigt auch das Leben der Daheimgebliebenen während des Krieges in Nordschleswig. Foto: Karin Riggelsen

Im digitalen Archiv des Museums, das mithilfe vieler Freiwilliger gepflegt wird, ist eine Datenbank über Kriegsteilnehmer aus Nordschleswig im Ersten Weltkrieg entstanden. Eine Arbeit, mit der René Rasmussen und ein Team Ehrenamtlicher vor über zehn Jahren begannen.

Die Informationen zu 12.500 Namen sind bereits archiviert und zugänglich. Ziel ist es, die Schicksale von 30.000 Nordschleswigern auf der Internetseite zu zeigen.

Ein Leben nach dem Krieg

Søren Poulsen Petersen war einer jener Kriegsteilnehmer. Er hatte übrigens trotz des Verlustes seiner Sehkraft ein erfülltes Leben: Als Bürstenbinder ernährte er sich und seine Familie, der Arbeitsplatz des Mannes ist in einer der Vitrinen zu sehen. Und das Museum verrät: Die Verlobung wurde nicht gelöst, die Frau stand dem Kriegsinvaliden ohne Augen ihr Leben lang treu zur Seite.

Die Ausstellung im Schloss ist ab dem 27. April zu sehen. Alle Haupt-Texte der Schau sind auf Dänisch, Deutsch und Englisch. Weitere Informationen und Eintrittskarten gibt es hier.

Nordschleswiger erzählen: In der Ausstellung können Besucherinnen und Besucher den Berichten von damals zuhören. Foto: Karin Riggelsen
Eine Fotowand zeigt Soldaten, die aus Nordschleswig in den Ersten Weltkrieg zogen. Foto: Karin Riggelsen
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