Kulturkommentar

„Berührungen“

Berührungen

Berührungen

Claudia Knauer
Nordschleswig/Apenrade
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Die Corona-Pandemie hat großen Einfluss auf unseren Alltag gehabt. Aber jetzt dürfen wir uns wieder berühren, schreibt Claudia Knauer in ihrem Kulturkommentar.

Claudia Knauer ist Jahrgang 1961, lebt mit ihrem Mann in Apenrade (Aabenraa) und ist Direktorin der Büchereien der deutschen Minderheit in Nordschleswig. Sie war unter anderem stellvertretende Chefredakteurin beim „Nordschleswiger“ und schreibt seit Jahren weiterhin Gastbeiträge.

Was ist das erste, das ein neuer Erdenbürger erfährt, wenn er auf die Welt kommt? Es ist die Berührung der Hebamme, es ist die Berührung der Mutter und des Vaters. Bei Säugetieren insgesamt werden über die Haut Informationen aufgenommen – wenn die Stute oder die Kuh das Neugeborene ableckt, dann dient das nicht nur dem Säubern, sondern ist auch notwendig, um das Leben in Gang zu schubsen.

Das klingt sehr sachlich und eher naturwissenschaftlich. Tatsächlich aber sind diese Berührungen für unser Überleben zentral wichtig. Das haben wir alle zusammen in der Zeit jetzt gespürt, in der wir die Berührungen entbehren mussten, uns nicht in den Arm nehmen oder die Hand geben durften.

In unserer Kultur spielt gerade die Hand dabei eine solch wichtige Rolle. Sie ist es, die die Pastorin auf den Kopf des Konfirmanden liegt, wenn sie segnet. Es ist die Hand, die eine andere, die vielleicht schon von Altersflecken geprägt pergamentdünn geworden ist, hält, wenn das Leben dem Ende zugeht.

Es ist die Hand, an die das Kind sich klammert, wenn es die ersten Schritte hinaus in die Welt tut.

Wir können diese Berührungen, die Umarmung, das Spüren eines anderen Menschen nicht in die digitale Welt verlagern.

Wenn es wieder in vollem Umfang möglich ist, sollten wir uns diesem Genuss der Berührung wieder hingeben. Der eine mag dabei die Umarmung bevorzugen, die andere die Luftküsse rechts und links neben der Wange und der oder die dritte den Handschlag, wie wir ihn kennen.

Was immer es ist oder sein wird, es ist ein Ausdruck unserer Kultur, und es ist eine Lebensnotwendigkeit. Freuen wir uns darauf, dass das hoffentlich bald wieder möglich ist und tun wir alles dafür, dass es so bleibt.

Und wer Berührungen nun gar nicht mag, der kann ein Lächeln senden, auch das erreicht den anderen. Aber der direkte Kontakt von Haut zu Haut ist schwerlich ersetzbar.

Wer hätte gedacht, dass uns das einmal so eindringlich bewusst wird? Und dass unsere Hände so wichtig dafür sind, buchstäblich die Verbindung zu unseren Mitmenschen zu halten.

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