Deutsche Minderheit

HAG: Vortrag zur Rettung deutscher Juden mit weißen Bussen 1945

HAG-Vortrag zur Rettung deutscher Juden mit weißen Bussen

HAG-Vortrag zur Rettung deutscher Juden mit weißen Bussen

Sankelmark
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Fred Zimmak, Esther Goldschmidt und Bernd Philipsen (v. l.) berichteten während der Tagung der Heimatkundlichen AG für Nordschleswig in Sankelmark mit dem Schwerpunktthema Flüchtlinge in Dänemark nach dem Zweiten Weltkrieg über die Rettung einer Gruppe von Juden aus Kiel mit den weißen Bussen des Roten Kreuzes wenige Tage vor dem Ende des Nazi-Regimes. Foto: Volker Heesch

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Bei der Jahrestagung der nordschleswigschen Heimatkundler in Sankelmark informierte ein Referententeam über die vielfach unbekannte Evakuierung von 153 KZ-Häftlingen aus Kiel am 1. Mai 1945 über die deutsch-dänische Grenze. Der gebürtige Friedrichstädter Juden Norbert Masur, handelte mit SS-Führer Himmler die Befreiung aus.

Zum Abschluss der Jahrestagung der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig (HAG) am Sonnabend, 11. März, in der Akademie Sankelmark berichteten Bernd Philipsen, Fred Zimmak und Esther Goldschmidt über eine vielen unbekannte Aktion: die Rettung einer Gruppe von 153 deutschen Juden aus einem Lager in Kiel-Hassee, mit den weißen Bussen des dänischen Roten Kreuzes am 1. Mai 1945.

Rettung ein Zufall

Der Journalist Bernd Philipsen berichtete, dass die unter anderem aus Hamburg stammenden KZ-Häftlinge ihr Leben einem Zufall verdankten. Sie wurden bei der Rettung dänischer und norwegischer Nazi-Gefangener in bekannten Rot-Kreuz-Bussen aus höchster Todesgefahr zunächst nach Pattburg (Padborg) und dann per Bahn weiter nach Schweden gebracht. „Die Besatzung eines Rot-Kreuz-Lkw hatte zufällig während der Rettungsaktion in Kiel Häftlinge des dortigen Lagers getroffen und dafür gesorgt, dass diese mit den weißen Bussen gerettet werden konnten“, so Philipsen.

Die weißen Busse des dänischen und schwedischen Roten Kreuzes retteten Tausende NS-Gefangene gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aus höchster Todesgefahr. Foto: Archiv Nordschleswiger

Erst kürzlich habe man diese Information einer Überlebenden erhalten, berichtete er. Die geretteten 153 Männer und Frauen hatten in Kiel die Ermordung vieler ihrer dortigen Mithäftlinge durch SS-Wachpersonal kurz vor der Befreiung miterleben müssen.

Fred Zimmak ist der Sohn eines inzwischen Verstorbenen, der am 1. Mai nach fünfstündiger Fahrt nach Pattburg in eine Quarantänestation gelangte, wo den fast verhungerten Menschen eine lebensrettende Versorgung durch dänische Ärzte und Pflegepersonal wenige Tage vor der Befreiung des Landes von der deutschen Besatzung zuteilwurde.

Es gibt kaum Bilddokumente zur Rettungsaktion 1945. Dieses verschwommene Foto soll Insassen eines der weißen Busse zeigen, die am 1. Mai die Juden aus dem Lager in Kiel abholten. Foto: Lokalhist. Arkiv Bov

Das Team aus Referierenden stellte die Lebensgeschichte einiger geretteter Personen vor, die meist 1941 aus Hamburg und anderen deutschen Städten nach Lettland deportiert worden waren.

Odyssee durch Lager

Fast alle dieser Juden erlebten dort in Arbeitslagern, dass Angehörige aufgrund von Zwangsarbeit, Misshandlungen und Erschießungen ums Leben kamen. Nur wenige der Zehntausenden von Deportierten überlebten. Diese wurden beim Vorrücken der Roten Armee in die lettische Küstenstadt Libau (Liepaja) gebracht und dann per Schiff über die Ostsee durch den Nord-Ostsee-Kanal nach Hamburg, wo sie erneut ein Martyrium erwartete: Zwangsarbeit, Bombenräumung und Misshandlungen.

Das Referententeam stellte die Lebensgeschichte einzelner Personen vor, die 1945 gerettet wurden. Foto: Volker Heesch

Von Hamburg führte die immer kleinere Gruppe Überlebender im April 1945 ein Todesmarsch ins sogenannte Arbeitserziehungslager Kiel, wo das Personal noch wenige Tage vor Kriegsende mordete. Fred Zimmak, der 1951 in Schweden geboren wurde, berichtete, dass seine Eltern kaum von der Schreckenszeit erzählt haben.

Seine Mutter zählte zu den Geretteten aus dem KZ-Ravensbrück, die durch die weißen Busse befreit wurden. Die Eltern hatten sich nach der Rettung kennengelernt und geheiratet, sich als Elektriker und Näherin eine Existenz aufgebaut. Eine Rückkehr nach Deutschland kam für sie angesichts der Ermordung fast aller Angehöriger nicht infrage. Esther Goldschmidt umrahmte die Berichte mit selbst verfassten Gedichten.

Engagement in jüdischer Gemeinde 

Bernd Philipsen berichtete auch über einen bis heute weitgehend unbekannten Wegbereiter der Rettungsaktion mit den weißen Bussen, den 1901 in Friedrichstadt geborenen Norbert Masur. Ab 1908 lebte dieser in Hamburg, von wo er als Mitarbeiter einer Handelsfirma bereits in den 1920er-Jahren nach Stockholm gekommen war.

Dort war er nicht nur beruflich erfolgreich, sondern er engagierte sich auch in der dortigen jüdischen Gemeinde und mitgründete in der schwedischen Hauptstadt den dortigen World Jewish Congress, der ab 1933 vor allem auch in Deutschland verfolgten Juden half. „Er war sehr besorgt über die Entwicklung in seinem Heimatland“, so Philipsen.

Norbert Masur wurde 1901 in Friedrichstadt geboren. Er war seit 1931 schwedischer Staatsbürger. Foto: Bernd Philipsen

Einen ersten großen Einsatz leistete Masur bei der Rettungsaktion, die 1943 die meisten dänischen Juden über den Öresund nach Schweden in Sicherheit brachte. Später unterstützte er den schwedischen Diplomaten Wallenberg bei dessen Hilfe für die verfolgten Juden in Ungarn.

Mit Folke Bernadotte bei Himmler

1945, am 21. und 22. April, reiste Masur, der seit 1931 schwedischer Staatsbürger war, zusammen mit dem damaligen Vizepräsidenten des schwedischen Roten Kreuzes, Graf Folke Bernadotte, auf dem Luftweg über Berlin nach Hartzwalde in Brandenburg. Dort verhandelte er zu nächtlicher Stunde mit dem „Reichsführer der SS“, Heinrich Himmler, dem Konzentrationslager und weite Bereiche des Nazi-Terrors unterstanden, über die Rückführung dänischer und norwegischer Gefangener des NS-Regimes in ihre Heimat.

Bei dem Treffen, von dem sich Himmler vermutlich eigene Vorteile erhoffte, „einer Begegnung mit dem Teufel“, wie er später notierte, gelang Masur auch die Zusage, dass jüdische Häftlinge mit den vereinbarten Rot-Kreuz-Transporten nach Schweden gebracht werden konnten.

„Masur verfügte über diplomatische Talente“, so Philipsen, der seit Jahren über Kontakte zu Überlebenden und Angehörigen der Geretteten Informationen über den meist übersehenen oder vergessenen Anteil Masurs an der Rettungsaktion mit den weißen Bussen zusammengetragen hat. Philipsen zitierte aus Aufzeichnungen Masurs und berichtete, dass erst vor kurzer Zeit am Geburtshaus des in Israel hochgeehrten Norbert Masur in Friedrichstadt eine Informationstafel angebracht worden ist.

 

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