Leitartikel

„Kaffee statt Hasstiraden“

Kaffee statt Hasstiraden

Kaffee statt Hasstiraden

Kopenhagen
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Der zum Teil giftige Ton in den sozialen Medien droht die demokratische Unterhaltung zu untergraben. Walter Turnowsky empfiehlt als Gegengift – inspiriert von einer ehemaligen Politikerin – eine Tass' Kaff'.

Im März dieses Jahres schied die 18-jährige Ida Jensen beim Unterhaltungsprogramm „X-Factor“ bei „TV2“ aus.

Ihr Kommentar dazu sollte zu denken geben. Sie sei ein wenig erleichtert, denn sie packe den Hass im Netz nicht mehr.

„Mutige“ Tastenkrieger hatten ihr und anderen Teilnehmern des Programms geschrieben, sie seien ekelerregend, hässlich, sollten sich schämen. Man kann nur rätseln, was erwachsene Menschen dazu verleitet, jungen Menschen solche Bescheide zu schicken.

Der Ton in den sozialen Medien ist mittlerweile so hart, dass immer mehr junge Menschen sich der Debatte enthalten, um sich nicht den Angriffen meist nicht so junger Menschen auszusetzen.

Schikane in der Lokalpolitik

Und das ist ernst, denn es geht hier um wesentlich mehr als nur um ein Unterhaltungsprogramm. Es geht um die Frage, ob die sozialen Medien das demokratische Gespräch fördern – oder das Gegenteil erreichen.

Denn auch Politikerinnen und Politiker sind in steigendem Maß diesem Hass ausgesetzt. Etliche, die in der Landespolitik aktiv sind, haben bereits Moderatorinnen und Moderatoren zwischengeschaltet, damit sie die unerquicklichen Ergüsse nicht mehr selbst lesen müssen.

Lokalpolitikerinnen und -politiker haben diesen Luxus zumeist nicht. Und wie „DR“ in den vergangenen Tagen berichtet hat, sind auch für viele von ihnen solche Schikanen alltäglich. 40 Prozent geben laut einer Umfrage des Senders an, dies erlebt zu haben. Und: Es geht so weit wie Androhungen von Mord und Vergewaltigung.

Es bedarf wohl keiner näheren Erläuterung, welchen Schaden diese Hassprediger auslösen, wenn sie erreichen, dass Lokalpolitiker sich aus Diskussionen ausklinken oder gar die Politik ganz verlassen. In einigen Fällen scheint sogar der Absender Ziel zu sein, den vermeintlichen Gegner mundtot zu machen.

Nun wäre es falsch, in erster Linie die sozialen Medien für diese Entwicklung verantwortlich zu machen. Verantwortlich sind immer noch jene, die diese Sachen schreiben. Und: Das Phänomen gibt es nicht erst, seit es die sozialen Medien gibt.

So erlebt der ehemalige Amtsbürgermeister von Nordschleswig, Kresten Philipsen, in den 90er Jahren Schikane und sogar Vandalismus in Zusammenhang mit Diskussionen über die Region Sønderjylland-Schleswig und einem Naturgaslager bei Tondern (Tønder).

Eigene Vorurteile hinterfragen

Doch wie nun umgehen mit dem Hass im Netz? Experten empfehlen, dass man reagiert, wenn man so etwas in den sozialen Medien entdeckt. Man muss sich nicht unbedingt mit dem Absender einer solcher Nachricht auf eine Diskussion einlassen, aber gerne den Empfänger unterstützen.

Die Frage ist aber, ob nicht auch die Politik zu einem Klima beiträgt, bei dem so ein Verhalten zulässig erscheint. Wenn ganze Gruppen pauschal verurteilt werden, polarisierend diskutiert wird, dann animiert das einige, noch einen oder mehrere Schritte weiterzugehen.

Wir müssen jedoch wohl noch einen Spatenstich tiefer graben, um zu den Wurzeln des Problems zu gelangen. Denn geht es nicht den meisten von uns so, dass wir uns am liebsten mit Menschen unterhalten, mit denen wir in etwa einig sind. Dass wir Menschen mit anderen Ansichten schnell als Rechte, Linke, Spinner, Kapitalisten, Fortschrittsgegner, Fanatiker oder gar Nazis abtun, mit denen es nicht Wert ist, sich zu befassen.

Doch gerade das Gespräch mit jenen, die eine andere Überzeugung haben als wir, ist ausgesprochen wichtig, soll der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält, nicht zerbröckeln.

Und zum Schluss: Der Kaffee

Einen Ansatz, wie so etwas gehen kann, liefert die ehemalige Politikerin Özlem Cekic. Auch sie hat, damals noch in erster Linie per Mail, hasserfüllte Bescheide bekommen. Eines Tages entschied sie, sich zu einem der Absender zum Kaffee einzuladen. Er nahm das Angebot an, und Cekic sah sich bei dem Gespräch auch mit eigenen Vorurteilen konfrontiert.

Daraus hat sich das Konzept des Dialogkaffees entwickelt, bei dem es darum geht, Brücken zu bauen, wo bislang Gräben trennten.

Und gerade in der Grenzregion wissen wir ja: Bei einer Tass' Kaff' ist schon so manches Problem gelöst worden.

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