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Späterer Schulbeginn: Da scheiden sich die Geister

Späterer Schulbeginn: Da scheiden sich die Geister

Späterer Schulbeginn: Da scheiden sich die Geister

Apenrade/Aabenraa
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Mia, Josefine und Lilli sind froh über den späteren Schulbeginn an der Deutschen Nachschule Tingleff. Foto: Karin Riggelsen

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Die Wissenschaft ist sich einig: Jugendliche müssten den Schultag später beginnen. Doch warum wird die Forderung nicht flächendeckend umgesetzt? Dafür gibt es unterschiedliche Gründe, wie Schüler, Schulleitungen und Eltern aus der Kommune Apenrade berichten.

„Ich bin viel konzentrierter und kann dem Unterricht besser folgen“, sagt Josefine. Die 16-Jährige ist Schülerin an der Deutschen Nachschule Tingleff (DNT). Dort beginnt seit einigen Jahren der Unterricht erst um 9.30 Uhr statt wie an vielen anderen Schulen schon um 8 Uhr.

Schulkameradin Mia pflichtet bei und ergänzt: „Ich habe hier bessere Noten, als ich zuvor an der Volksschule hatte.“

„Man kommt viel ausgeruhter in den Unterricht“, fügt Josefine hinzu. Die besseren Noten bestätigt auch Lilli: „Wir haben Zeit für uns und ich habe Lust auf den Unterricht.“

Rico Andersen und Jørn Warm im Gespräch mit Schülerinnen Foto: Karin Riggelsen

Was heute an der DNT normaler Alltag ist, war nicht immer so. „Wir haben 2013 begonnen, uns Gedanken zu machen, wie wir den Schultag besser strukturieren können“, berichtet der stellvertretende Schulleiter Rico Andersen. Zu der Zeit hat der bekannte Coach Chris MacDonald neue Ansätze zur Entwicklung der jungen Menschen in die damals aktuelle Diskussion eingebracht.

Rico Andersen hat das Konzept eines späteren Schulstarts am Morgen an der DNT eingeführt. Foto: Karin Riggelsen

„Junge Menschen in der Pubertät benötigen genügend Schlaf, gute Ernährung und ausreichend Bewegung“, fasst Andersen die Ergebnisse der Forschung zusammen. Dass die Schülerinnen und Schüler der DNT nicht genügend Schlaf bekamen, wussten die Lehrerinnen und Lehrer. „Morgens sitzt man vor einer Klasse mit halb wachen Jugendlichen“, sagt Schulleiter Jørn Warm. Für Lehrende und die jungen Menschen sei das kein Vergnügen – und das, obwohl die Schülerinnen und Schüler zeitig ins Bett geschickt wurden.

Jugendliche haben anderen Rhythmus

„Wenn ich wusste, ich muss am nächsten Morgen früh aufstehen und bin früh ins Bett gegangen, konnte ich nicht schlafen“, erinnert sich Lilli an die Schulzeit an einer allgemeinbildenden Schule in Deutschland. Und das haben auch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt: Jugendliche in der Pubertät haben einen anderen Tagesrhythmus und einen höheren Schlafbedarf.

Mit dem späteren Schulbeginn um 9.30 Uhr folgen Jørn Warm und sein Team dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Die Chronobiologie beschäftigt sich mit dem Thema. Die besagt, dass das Gehirn bei Teenagern in der Pubertät so stark umgebaut wird, dass selbst Frühaufsteher zu Langschläfern werden. Das Schlafhormon Melatonin wird später ausgeschüttet und das nötige Schlafpensum wird beim frühen Schulstart nicht erreicht.

Weniger leistungsfähig

Wenngleich Eltern dafür sorgen, dass die Sprösslinge zeitig ins Bett kommen, heißt das nicht, dass sie dort auch schlafen. Das Hirn arbeitet auf Hochtouren und lässt die jungen Menschen kaum zur Ruhe kommen. Am Morgen, wenn es in die Schule geht, sind die Pubertierenden dann dementsprechend unausgeschlafen und nicht leistungsfähig.

Doch nicht nur von besseren Zensuren und ausgeruhten Jugendlichen berichtet Rico Andersen: „Der Verbrauch von Kopfschmerztabletten ist um etwa 80 Prozent gefallen“, so der stellvertretende Schulleiter. Die Schule hält solche Tabletten bereit, wenn darum gebeten wird.

Möglich wurde die neue „Zeitenkonfiguration“ an der DNT durch kürzere Pausen und einen überarbeiteten Stundenplan, „wo wir darauf achten, dass es keine Freistunden mehr gibt“, so Rico Andersen.

Die drei DNT-Schülerinnen sind mit dem „neuen“ Schulalltag sehr zufrieden. Foto: Karin Riggelsen

Die Folgen von Schlafmangel können kurz- und langfristig psychischer und physischer Natur sein: Zu wenig Schlaf führt zu Leistungs- und Konzentrationsschwäche und kann auf Dauer sogar zu Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen – mit all seinen Auswirkungen – führen.

Amerikanische Studien haben belegt, dass es einen Zusammenhang zwischen dem späteren Schulbeginn am Morgen und geringerem Unfallgeschehen gibt. So sind bis zu 70 Prozent weniger Verkehrsunfälle mit Beteiligung 16- und 17-Jähriger registriert worden.

Neue Abläufe am Tage

Die Umsetzung des neuen Tagesablaufs verlief nicht ohne Herausforderungen, wie Schulleiter Warm zugibt. „Die Lehrerinnen und Lehrer mussten sich umstellen und auch die Küche musste neue Abläufe akzeptieren, doch wir machen das für die Kinder, die im Mittelpunkt stehen und es gut haben sollen“, so Warm. Jetzt könne man sich eine Rückkehr zum alten Tagesgeschehen nicht mehr vorstellen, so Rico Andersen.

Phänomen in ganz Dänemark

Dass die Jugendlichen im Land zu wenig Schlaf bekommen, bestätigt das „Staatliche Institut für Volksgesundheit“ (Statens Institut for Folkesundhed): Demnach bekommen 75 Prozent der 15-Jährigen nicht die benötigten acht bis zehn Stunden Schlaf. Das sei dem körperlichen Umbau in der Pubertät und einem Zuviel an Zeit vor dem Bildschirm geschuldet, heißt es in der Untersuchung.

Jakob Bodeux ist Vater von drei Kindern im Alter von 18 und 13 Jahren. „Ich kann schon bemerken, dass es für sie morgens schwieriger ist, wach zu werden. Und auch abends sind sie länger wach“, berichtet er. „Es würde für mich Sinn ergeben, später mit der Schule zu beginnen.“

 

Jakob Bodeux kann einem späteren Schulbeginn am Morgen viel abgewinnen. Foto: Privat

Für den Alltag im Hause würde das keine große Rolle spielen. „Die Kinder sind alt genug, morgens allein aufzustehen und zur Schule zu gehen“, sagt der Pädagoge. Er könne jedoch verstehen, wenn solche zeitlichen Verschiebungen in anderen Familien für organisatorische Herausforderungen sorgten. „Und es würde natürlich Einfluss auf die Freizeitaktivitäten der Kinder haben. Die würden sich dann ebenfalls verschieben müssen“, sagt der Apenrader.

Bei anderen Eltern stößt das Konzept auf mehr Skepsis: So heißt es unter anderem, dass Betreuungsprobleme entstehen könnten, denn die Schulzeiten sind an die Arbeitszeiten vieler Menschen angepasst.

Skepsis bei anderen Schulen

Schulleiterin Catarina Bartling von der Deutschen Privatschule Apenrade (DPA) und ihr Kollege Tim Schiemann von der Deutschen Schule Tingleff (DST) weisen darauf hin, dass das deutsche „Forschungszentrum Demografischer Wandel“ (FZDW) zeigt, dass „sich über die Hälfte der Schülerinnen und Schüler lieber eine Kernzeit von 8 bis 13 Uhr wünschen würden als einen Schulbeginn um 9 Uhr“, schreibt Schiemann auf Anfrage des „Nordschleswigers“.

„Ich denke nicht, dass man einen Unterrichtsbeginn ab 9 Uhr per se für die beste Lösung ansehen muss. Die Schulen haben unterschiedliche Voraussetzungen in Bezug auf Verkehrsanbindung, Schülerschaft usw. Es muss letztlich Sinn für die jeweilige Schule machen“, so Schulleiter Schiemann.

Befürworter eines späteren Schulbeginns am Morgen verweisen dagegen auf medizinische Studien, die zeigen, dass ein solcher dem Biorhythmus der Jugendlichen besser entspricht. Kritikerinnen und Kritiker sehen große Probleme bei der Betreuung von Kindern, wenn die Eltern früh zur Arbeit müssen. Und nicht nur das: Es „entscheidet oft der öffentliche Busplan, wann die 1. Stunde beginnt“, so Schulleiter Schiemann.

Jugendliche wünschen früheren Schulbeginn

Er verweist zudem auf eine Befragung unter Jugendlichen, die ergab, dass etwas mehr als die Hälfte der Befragten einen Schulbeginn um 8 Uhr wünschen – weil am Nachmittag sonst weniger Freizeit zur Verfügung wäre, so die Begründung der Schülerinnen und Schüler.

An der DNT haben Schulleitung und Lehrkräfte gemeinsam am Stundenplan gebastelt und herauskam ein neues Konzept, „bei dem genügend Zeit für Freizeit und Schule zur Verfügung steht“, wie Konrektor Andersen sagt.

Es sind aus Sicht der Eltern und Schulen ausschließlich organisatorische Gründe, die gegen einen späteren Schulbeginn sprechen.

An allen Schulen umsetzen

Jørn Warm kennt das Problem des öffentlichen Transports, kann aber nicht verstehen, „dass die Verkehrsbetriebe solchen Einfluss nehmen können“.

Warm und Andresen sind nach Jahren überzeugt, dass „der spätere Schulbeginn in jeder Schule umgesetzt werden sollte, die mit pubertierenden Jugendlichen arbeitet“.

Ganz anders sieht es der sozialdemokratische Bildungsminister Mattias Tesfaye. Er forderte die Eltern kürzlich dazu auf, für genügend Schlaf ihrer Kinder zu sorgen. „Die Verantwortung liegt bei den Eltern. Wir müssen den jungen Leuten erklären, dass es so etwas wie Bettzeit gibt, zu der man das Mobiltelefon abschaltet und sich schlafen legt. Die Schulen können nicht alle Probleme lösen“, sagte er gegenüber „Danmarks Radio“.

Doch beide Schulen, DPA und DST, haben leichte Veränderungen vorgenommen: An der DST beginnt der Unterricht um 8.15 Uhr statt wie zuvor um 7.30 Uhr. An der DPA beginnen die Schülerinnen und Schüler den Tag mit einer „Morgenrunde“, einem Spaziergang in der Umgebung. Für Vater Jakob Bodeux eine gute Initiative der Schule, die er sehr befürwortet.

Nachbarland zeigt Veränderungsbereitschaft

Lediglich in Schleswig-Holstein lässt sich ein ausdrücklicher politischer Wille erkennen. Die schwarz-grüne Landesregierung wird Schulen künftig beraten, wie sie einen späteren und flexiblen Unterrichtsbeginn einführen können – dem Schlafrhythmus der Jugendlichen zuliebe. So steht es im Koalitionsvertrag, heißt es im „Deutschlandfunk Kultur“.

Die Umsetzung eines späteren Schulbeginns in den Volksschulen scheitert bisher an äußeren Einflüssen wie dem öffentlichen Nahverkehr und den 8-bis-16-Uhr-Arbeitstagen der Eltern. „Doch auch das kann sich durch organisatorische Änderungen anpassen lassen“, ist Jørn Warm überzeugt.

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