Deutsche Minderheit

Deutsche Kindergärten: Zwischen Personalmangel und Fokus auf dem Kind

Deutsche Kindergärten: Zwischen Personalmangel und Fokus auf dem Kind

Kindergärten: Zwischen Personalmangel und Kind im Fokus

Apenrade/Aabenraa
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Im Vordergrund stehen immer die Bedürfnisse der Kinder. Als Kindergartenleiter muss Aljoscha Heitsch dafür sorgen, dass die Kleinen nicht unter den personellen Herausforderungen der Branche leiden. Foto: Marle Liebelt

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Fachkräftemangel: Die Kindergärten kämpfen mit Personalnot und häufigen Wechseln. Gerade bei der Arbeit mit Kindern ist das ein sensibles Thema, mit dem auch die deutsche Minderheit und ihre Einrichtungen irgendwie umgehen müssen.

Um kurz nach sieben Uhr ist es noch ruhig im deutschen Kindergarten Jürgensgaard in Apenrade. Ein paar wenige Kinder sind schon da. Sie malen, spielen oder sitzen mit einer Schale „havre fras“ am Tisch und schieben sich genüsslich einen Löffel nach dem anderen in den Mund. 

So langsam füllt sich der Kindergarten. Kleinkinder bis drei Jahren bleiben in einem der unteren Räume, die Großen gehen schnurstracks nach oben. Schuhe aus, Mama oder Papa noch einmal umarmen und schnell zum Fenster. Hier steht Aljoscha Heitsch und winkt mit ein paar Kindern deren Eltern zu.

Aljoscha Heitsch ist Leiter der Apenrader Kindergärten Jürgensgaard und Margrethenweg. Foto: Marle Liebelt

Heitsch ist seit September 2023 Kindergartenleiter der deutschen Kindergärten Jürgensgaard/ Margrethenweg in Apenrade, die aktuell als Stadtkindergarten zusammengelegt sind. 

„Wir betreuen 42 Kinder. 13 davon in der Krippe und 29 im Kindergartenalter ab 3 Jahren.“ Gleichzeitig arbeiten fünf Mitarbeiterinnen in der Krippe und fünf im Kindergartenbereich. „Wir helfen uns jedoch jederzeit aus und stärken damit auch die Übergänge (der Kinder von der Krippe in den Kindergarten, Anm.d.Red.)“, so Heitsch.

Er sei froh, dass sein Team personell gut aufgestellt ist. „Wir haben ja viele Urgesteine in unserem Team“, aber es gehört dennoch zu seinen Aufgaben, dafür zu sorgen, dass es auch so bleibt. „Im Moment läuft es gut bei uns“, meint Heitsch. Aber das Team habe eine aufreibende Zeit hinter sich. Die Fusion aller zehn Deutschen Kindergärten in der Kommune habe nicht nur auf administrativer Seite viel Kraft gekostet, sondern auch den Teams viel abverlangt, „aber ich habe das Gefühl, dass jetzt wieder mehr Ruhe eingekehrt ist.“

Fusion der DKA

Im Januar 2023 wurden alle zehn deutschen Kindergärten der Kommune Apenrade in einer administrativen Leitung zusammengeführt.

Zuvor wurden die Einrichtungen in Bülderup, Tingleff und Rapstedt als eigene Einheit („Wir3“) verwaltet. 

Diese Ruhe zieht sich zumindest an diesem frühen Montagmorgen über die beiden Etagen des alten Hauses in Jürgensgaard.  

Mit mehr Kindern, die gebracht werden, tauchen auch vermehrt Erwachsene Gesichter auf. Darunter die Pädagogin Hella David – nach fast 40 Jahren die wohl dienstälteste Erzieherin in dem deutschen Kindergarten. Hier hat sie viele Kinder kommen und gehen gesehen. Aber auch viele Kolleginnen und Kollegen. „Personalwechsel bringen viel Unruhe rein – für das Team, aber vor allem für die Kinder.“ 

Jeder neue Mitarbeiter bringt Veränderung, und das fordert besonders die jüngsten Kinder heraus.

Fachkräftemangel und eine hohe Mitarbeiterfluktuation treffen viele Branchen, aber der Kindergartenbereich sei besonders sensibel. „Es dauert, bis sich neues Personal eingearbeitet hat, und bis sich der ganze Kindergarten an die neue Situation angepasst hat. Jeder neue Mitarbeiter bringt Veränderung, und das fordert besonders die jüngsten Kinder heraus.“

Fachkräftemangel hat viele Gründe

Die hohe Mitarbeiterfluktuation macht auch Eltern zu schaffen. Einige von ihnen hatten ihren Unmut bei der jüngsten Vertretertagung des Deutschen Schul- und Sprachvereins (DSSV) – dem Träger der deutschen Kindergärten und Schulen in Nordschleswig – zum Ausdruck gebracht. Der DSSV und seine Kindergärten sind sich dem Problem bewusst, aber „der Fachkräftemangel ist kein Problem, das uns erst seit Neuestem beschäftigt“, sagt die Kindergartenausschuss-Vorsitzende des DSSV, Maria Harbo, im Gespräch mit dem „Nordschleswiger“. „Das ist eine Entwicklung, die uns und die Elternschaft, die in den Kindergärten ja maßgeblich mitbestimmt, schon seit Jahren beschäftigt.“ 

Ihr Kollege und Geschäftsführer der DSSV-Kindergärten, Stefan Sass, pflichtet ihr bei. Die Arbeitswelt verändere sich mit ihren Generationen. Das habe gute, im Kindergartenbereich aber auch sehr herausfordernde Folgen. „Heute sind die Leute viel flexibler, was den Arbeitsplatz und auch den Wohnort angeht, als es früher mal der Fall war.“ Dass jemand im selben Betrieb in Rente geht, in dem er oder sie auch ausgebildet wurde, werde immer seltener. Das betreffe nicht nur die Kindergartenbranche und vor allem nicht nur die deutschen Kindergärten, sondern alle.

Stefan Sass bei der Vertretertagung des DSSV im April 2024 Foto: Karin Riggelsen

Lange hatten die Einrichtungen der Minderheit sogar einen Vorteil: „Als deutschsprachiger Arbeitgeber in Dänemark, waren wir auch für Personal südlich der Grenze interessant“, so Sass. Seit die Gehälter in Schleswig-Holstein jedoch angehoben wurden, ist der Lohnunterschied nicht mehr besonders groß. Das merke man laut Sass nun auch beim DSSV. 

Kinder müssen immer im Mittelpunkt stehen

Es wird deutlich, dass der Fachkräftemangel alle Ebenen der DSSV-Kindergärten auf Trab hält. Von den Büros im Haus Nordschleswig bis in die Spielzimmer der einzelnen Kindergärten. Es sind die Erziehenden, denen der Spagat zwischen den Bedürfnissen der Kinder und den Belastungen durch personelle Herausforderungen gelingen muss. Sie müssen den Kindern ein gutes Umfeld bieten, das beständig ist.

Je knapper das Personal und je mehr Wechsel es im Team gibt, umso schwieriger ist das. Das mache den Beruf im Kindergarten auch so schwierig, so Hella David. Egal, was hinter den Kulissen los ist, „am Ende geht es darum, dass wir den Bedürfnissen der Kinder gerecht werden“, sagt die Pädagogin. „Das kann auf Dauer sehr belastend sein.“ 

Und es ist ein Teufelskreis: Der Fachkräftemangel hat zur Folge, dass das Kindergartenpersonal belastet ist, was wiederum dazu führt, dass sich viele gegen den Beruf entscheiden. 

Eine, bei der diese Probleme zusammenlaufen, ist Morlyn Frenzel Albert. Sie ist die Distrikt-Leitung für zehn der insgesamt 19 deutschen Kindergärten in Nordschleswig – nämlich für die zehn Deutschen Kindergärten Apenrade (DKA). Sie hat auch die Mitarbeiterfluktuation im Blick.

Die Schulen und Kindergärten der deutschen Minderheit in Nordschleswig. Foto: DSSV

Sie kann das Personalproblem etwas konkretisieren, nennt aber zur Wahrung der Privatsphäre nur Prozentzahlen. „Unsere Mitarbeiterfluktuation lag von Januar bis Dezember 2023 bei 18,4 Prozent.“ Sprich: Bei einem angenommenen Personal-Pool von 100 würde das bedeuten, dass im Jahr 2023 18,4 Mitarbeitende gekündigt haben, oder ihnen gekündigt wurde.

Morlyn Frenzel Albert ist die Distriktleiterin für alle Deutschen Kindergärten Apenrade. Foto: Marle Liebelt

Die Gründe für die Personalabgänge seien vielfältig, der größte Kündigungsgrund sei jedoch, dass Mitarbeitenden aufgrund von längerer Krankheit und fehlender Aussicht auf eine baldige Rückkehr gekündigt wird (23,8 Prozent).

Mitarbeitenden aufgrund von Krankheit zu kündigen sei nach Frenzel Alberts Worten ärgerlich, „aber notwendig, mit Blick auf unser Budget und den Personalschlüssel.“ 

Personalschlüssel

Ab Januar 2025 unterliegen auch die privaten Kindergärten der sogenannten Minimumsnormierung, die den Personalschlüssel vorgibt – also wie viele Mitarbeitende mindestens auf wie viele Kinder kommen müssen. Für Krippenkinder (0 bis 3 Jahre) gilt, dass es pro drei Kinder mindestens eine Mitarbeitende oder einen Mitarbeitenden geben muss, und im Kindergartenbereich gilt das Verhältnis 1 zu 6. 

In der Praxis wird der Personalschlüssel in Wochenstunden umgerechnet, da die Öffnungszeiten deutlich mehr Betreuungsstunden bedeuten, als die Arbeitswoche einer angestellten Person. 

„Auf ein Krippenkind kommen bei uns zehn und auf ein Kindergartenkind fünf Wochenstunden“, sagt Morlyn Frenzel Albert. Noch haben die privaten Kindergärten kein Schema bekommen, nach dem sie die 1:3- bzw. 1:6-Minimumsnormierung umrechnen können. Wenn sie nicht so angewendet werden kann, wie die DKA es jetzt tun, werde es sich wahrscheinlich eher um kleinste Anpassungen handeln, so die Prognose von Frenzel Albert.

Personalschlüssel in Wochenstunden – so geht die Rechnung auf

Die Berechnung der Minimumsnormierung in Personalzalhen hat ihre Schwächen. Daher wird der Personalschlüssel in der Praxis in Wochenstunden umgerechnet. Denn: „Wir haben 51,5 Stunden pro Woche geöffnet, aber solange arbeitet ja niemand. Viele Mitarbeitende bei uns haben eine 30-Stunden-Woche“, so Frenzel Albert. Gleichzeitig seien auch nicht alle Kinder die vollen 51,5 Stunden in den Einrichtungen. In den Randzeiten am Morgen und Nachmittag seien weniger Kinder da als in der Hauptbetreuungszeit. „Die Minimumsnormierung ist eine gute Sache, ist aber mit 1 zu 3 oder 1 zu 6 nicht getan, sondern stellt die Einrichtungen vor große Herausforderungen.“ Man rechne daher den Schlüssel Kinder pro Arbeitskraft um in Kind pro Arbeitszeit – sprich die 5 Wochenstunden pro Krippenkind und zehn Stunden pro Kindergartenkind.

Die Rechnung ist kompliziert, aber wendet man sie bei den Einrichtungen Jürgensgaard/Margrethenweg an, ergibt sich, dass sich die DKA an folgender Rechnung orientieren müssen: Für die 13 Krippenkinder (130 Stunden) und die 29 Kindergartenkinder (145 Stunden) müssten die Mitarbeitenden der Einrichtung zusammen auf eine wöchentliche Arbeitszeit von mindestens 275 Stunden kommen. Und das sei der Fall, so Leiter Aljoscha Heitsch. 

Bei der Erstellung der Dienstpläne werde immer darauf geachtet, dass in den Kernzeiten das meiste Personal vor Ort ist. „Dann sind die meisten Kinder da. Wenn an den Randzeiten weniger Kinder bei uns sind, müssen wir ja nicht mit unserem ganzen Personal vor Ort sein. Mal davon abgesehen, dass das mit den Arbeits- und Öffnungszeiten auch gar nicht mehr passen würde.“

Die Minimumsnormierung ab Januar wird für die DKA nicht pro Einrichtung gelten, sondern für die Einheit mit ihren zehn Standorten insgesamt. Es liege jedoch keine Einrichtung unter der 10- bzw. 5-Stunden-Normierung pro Kind. „Wir versuchen natürlich überall die Minimumsnormierung einzuhalten. Aber das ist nicht für alle Einrichtungen gleich einfach“, sagt Frenzel Albert. Die kleinen Einrichtungen kosteten die Minderheit deutlich mehr Geld als die Großen. „Das gilt nicht nur aufgrund des Personalschlüssels. Auch Faktoren wie Miete und Nebenkosten spielen da eine Rolle.“ Es sei nicht ohne Grund, dass viele Kommunen ihre kleinen Einrichtungen schließen oder zusammenlegen. „Das wollen wir als Minderheit möglichst vermeiden. Aber wir müssen schon ordentlich rechnen und sehen, wie wir das stemmen können.“


In der Minimumsnormierung müssen die Einrichtungen auch berücksichtigen, dass es sich nicht um irgendein Personal handeln darf, sondern überwiegend Fachkräfte den Personalschlüssel sichern müssen. Nur zu maximal 20 Prozent dürfen nicht ausgebildete Helfende eingesetzt werden. „Unsere Herausforderung ist also nicht nur, ausreichend, sondern auch entsprechend qualifiziertes Personal zu finden. Und davon gibt es immer weniger, weil sich weniger junge Menschen in dem Beruf ausbilden lassen“, sagt Morlyn Frenzel.

Wie können die Mitarbeitenden gehalten werden?

Dass sich immer weniger Menschen im sozial-pädagogischen Bereich ausbilden lassen, können die einzelnen Kindergärten kaum ändern. „Aber wir können natürlich versuchen, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem die Mitarbeitenden gerne bleiben möchten“, erklärt Aljoscha Heitsch.

Jana Brommann ist pädagogische Helferin und leistet den gerade erst angekommenen Kindern an diesem Montagmorgen Gesellschaft beim Frühstück. Foto: Marle Liebelt

Wenn er nicht gerade umzingelt von Kindern ist, nimmt die Frage, wie er und seine Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Leitungsteams die Mitarbeitenden halten können, einen großen Teil seiner Arbeit in Anspruch. Teambildende Maßnahmen seien dabei das A und O, um nicht nur genügend Personal zu haben, sondern den Kindern auch eine gewisse Beständigkeit garantieren zu können. „Aber auch fachlicher Austausch, Mitspracherecht, Transparenz und Einfühlsamkeit sorgen für Beständigkeit“, so Heitsch. Denn im Fokus steht bei all den Herausforderungen und Überlegungen das Kind. 

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