Leitartikel

„Ein perfektes Jahr“

Ein perfektes Jahr

Ein perfektes Jahr

Nordschleswig
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Die deutsche Minderheit hat mitten in der Corona-Pandemie viel Aufmerksamkeit erhalten. Auf einen Höhepunkt hofft Chefredakteur Gwyn Nissen allerdings noch.

2021 ist fast ein ganz perfektes Minderheiten-Jahr gewesen. Mitten in der Corona-Pandemie hat die deutsche Minderheit mehr Aufmerksamkeit erreicht denn je – in Dänemark und Deutschland, aber auch international.

Dabei begann das Jahr mit coronabedingten Absagen, darunter das Neujahrstreffen in Sankelmark – und es endet mit der Absage derselben Veranstaltung 2022, die diesmal frühzeitig gestrichen wurde.

Die Corona-Pandemie hat 2021 auch die Minderheit geprägt, doch im Rückblick gesehen, haben die deutschen Nordschleswiger ein tolles Jahr gehabt.

Auf der Hitliste des Jahres steht ohne Zweifel der gemeinsame Besuch von Königin Margrethe und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Deutschen Museum in Sonderburg. Ein sehr kurzer, dafür allerdings sehr symbolischer Besuch – dazu mit einer historischen Botschaft: Der Hauptvorsitzende des Bundes Deutscher Nordschleswiger, Hinrich Jürgensen, entschuldigte sich für die Rolle der Minderheit während der Nazi-Zeit.

Die Entschuldigung war nicht unumstritten, zumal sich in den Nachkriegsgenerationen auch die Frage stellte, ob man sich für die Taten der Vorfahren entschuldigen müsse. Dennoch: Es war eine wichtige Geste und eine natürliche Entwicklung auf dem Wege der Vergangenheitsbewältigung innerhalb der Minderheit. Und sie ist in der Mehrheitsbevölkerung gut angekommen.

In dieser Hinsicht wurden 2021 sogar weitere Schritte unternommen: Aus dem Langbehnhaus auf dem Knivsberg wurde das Haus Knivsberg, und in der Bildungsstätte wurde die (Vor-)Geschichte der Minderheit gemeinsam mit Historikern gründlich diskutiert. Der Knivsberg soll sich in Zukunft zum geschichtlichen Lernort entwickeln.

Auf dem Berg wird aber auch gefeiert – und das in einem Maße, wie es der Knivsberg seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt hat. Das diesjährige Knivbergfest – wegen Corona vom Juni in den September verlegt – erlebte einen Gäste-Ansturm. Und alles ging gut.

Das war auch auf der Radtour des Team Grænzland der Fall. Minderheiten und Mehrheiten aus dem Grenzland fuhren gemeinsam auf dem Rad von Nordschleswig über Berlin nach Kopenhagen, um so auf die besondere Situation im deutsch-dänischen Grenzland aufmerksam zu machen.

Eigentlich sollte genau dieses Grenzland zur Krönung auch auf die immaterielle Kulturerbeliste der Unesco aufgenommen werden, doch trotz einer gigantischen Arbeit und viel Aufmerksamkeit gelang dies nicht. Nun, die Minderheitenarbeit in der Grenzregion steht immer noch auf den nationalen Kulturerbelisten in Deutschland und Dänemark – ein großer und historischer Teilerfolg.

Mit dem Deutschen Tag konnte in diesem Jahr ein weiteres Highlight im Minderheiten-Kalender durchgeführt werden, nachdem 2020 und 2021 viele Veranstaltungen in Verbindung mit dem 100. Jahrestag der Grenzziehung (Genforeningen) ausgefallen waren. Und dann gab es zum Jahresende hin auch noch den Film „Der Krug an der Wiedau“ – ein kultureller Höhepunkt des Jahres. Der Film in den fünf Sprachen des Grenzlandes und mit tollen Laiendarstellern wird in wenigen Monaten öffentlich zu sehen sein. 2022 keinesfalls verpassen.

Das Beste zuletzt: Die deutsche Minderheit in Nordschleswig hat den ersten Bürgermeister der modernen Zeit: Jørgen Popp Petersen konnte die Gunst der Stunde – und die Uneinigkeit der anderen – nutzen, um sich ab Januar auf den Bürgermeisterstuhl zu setzen. Auch sonst konnte die Schleswigsche Partei mit zehn Mandaten im Landesteil ein positives Fazit ziehen.

Bei der Berichterstattung in der Minderheit immer wieder mit dabei: „Der Nordschleswiger“. Das Jahr begann mit der Digitalisierung der Tageszeitung, die am 2. Februar nach 75 Jahren eingestellt wurde. Nun gibt es die Papierzeitung nur noch alle zwei Wochen, dafür aber aktuelle Nachrichten 365 Tage im Jahr von morgens bis abends.

„Der Nordschleswiger“ erreicht heute mehr Menschen als jemals zuvor. In der Minderheit, in den Mehrheitsbevölkerungen nördlich und südlich der Grenze – und sogar über unsere natürlichen Grenzen hinaus.

Aber die Minderheitenarbeit ist viel mehr als nur Glanzlichter und Höhepunkte. Jeden Tag wird in Schulen, Kindergärten, Vereinen und Verbänden Großes geleistet – ohne dass dies an die große Glocke gehängt wird. Das ist das Minderheitenleben, das die meisten kennen, das prägt und über Generationen hinweg zusammenschweißt.

Im Großen und Kleinen: Es war ein tolles Minderheiten-Jahr. Vielleicht dürfen wir sogar wieder auf einen Gruß von der Königin hoffen, wenn sie zu Silvester ihre Neujahrsansprache hält. Dann wäre es tatsächlich ein ganz perfektes 2021 – trotz Corona.

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