Kulturkommentar

„Kultur im Fitnessstudio“

Kultur im Fitnessstudio

Kultur im Fitnessstudio

Apenrade/Aabenraa
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Gibt es im Fitnessstudio etwas anderes als Technomusik und einen dröhnenden Bass? Chefredakteur Gwyn Nissen entdeckt die Kultur in der Muckibude.

Pumpen, pumpen, pumpen. Eisen stemmen. Stangen, die sich unter dem Druck der Gewichte nach unten biegen, Gestöhne, Schweiß und aus den Lautsprechern der stetige Bass. Pumpen, pumpen, pumpen. Boom, boom, boom.

Das Fitnessstudio verbindet man eher nicht mit dem Begriff Kultur – höchstens Körperkultur, geht es doch in der Muckibude darum, den Körper zu trimmen und etwas für die Gesundheit zu tun.

Die heftigen Basstöne, die den Rhythmus anschlagen, sind in den vergangenen Jahrzehnten schon so etwas wie ein Markenzeichen der Fitnessstudios geworden. Das Boomboomboom dröhnt aus großen Lautsprechern. Ist das überhaupt Musik, fragt sich mancher? Steckt dahinter wirklich ein Mensch – ein Künstler – oder vielleicht doch „nur“ ein Computer? Nicht eindeutig zu beantworten.

Wer morgens als Erster kommt, bestimmt die Musik und die Lautstärke – auch wenn man mal um 5.45 Uhr nicht darauf eingestellt ist, Kopf und Körper von lauter Technomusik durchgerüttelt zu bekommen. Da muss man durch, entweder den eigenen Rhythmus finden oder einfach mitgehen und sich dem Tempo hingeben.

Zum Glück schreitet die Gewerkschaft für überlastete Lautsprecher sich irgendwann ein. Oder ist es der unterschiedliche Geschmack der Fitness-Abhängigen, die sich zum Trainingsende des Techno-Freaks schnell am iPad neuer Musik bedienen. So ertönt nach dem Live-Scooter-Remix der Power-Frau Merete auch mal überraschend Country-Musik, vom jungen Trainer Simon ausgesucht.

Irgendwer hat auf den Playlisten auch Musik aus meiner Jugend geladen: Carry on Wayward Son von der amerikanischen Band Kansas zum Beispiel. Die habe ich Ende der 70er Jahre in Berlin in der Philharmonie erlebt. Danach füllten sie in den 80er Jahren ganze Stadien in den USA, bevor es für mich ein Wiedersehen gab, als die Band vor einigen Jahren im bescheidenen Sønderborghus einen Auftritt hatte.

Schließlich gibt es noch viele, die sich mit Stöpseln in den Ohren in ihrer eigenen Welt befinden. Was mögen die hören? Volbeat, Shubidua, Pavarotti oder den neuesten Krimi von Jens Henrik Jensen?

Eine Kulturinstitution wird das Fitnesscenter nie, aber hin und wieder gibt es immerhin musikalische Erlebnisse – und Erinnerungen – aus dem Lautsprecher. Oder eben selbst gewählte Kultur aus den Kopfhörern.

 

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